Der Lauf des Lebens al schweißtreibendes Gedanken-Jogging im Gold&Pech Theater
Kritik: A Perfect Person, Gabel Eiben
Text: Robert Goessl - 14.10.2026
Rubrik: Theater
Bei der Koproduktion mit dem Gold & Pech Theater laufen dort an der Riesstraße die Gedanken in einem Gespräch nur so dahin. Aber nicht nur diese: Auch die beiden Darsteller Ross Cowan und Gabel Eiben laufen, zwar nur auf dem Stand, aber dank Videoprojektion geht es trotzdem sichtlich voran für insgesamt 90 schweißtreibende Minuten. Das Konzept stammt von Gabel Eiben, der auch Teil des Nature Theatre of Oklahoma ist, und es wird durchgehend Englisch auf eine sehr deutliche und auch feine Weise gesprochen.
Es beginnt damit, dass Gabel Eiben im Joggingdress vor der großflächigen Videoprojektion – fast ein Standbild im Vergleich zu später – mit dem Aufwärmen beginnt. Zu ihm gesellt sich sein Freund Ross Cowan zu gemeinsamen Dehnungsübungen, die choreografisch zwischen Eistanzen und Hip-Hop-Battle liegen. Zu diesem körperlichen Aufwärmen kommt auch ein gedankliches: Die beiden kommen langsam ins Gespräch miteinander, bevor sie mit ihrer Laufrunde durch Stavanger starten. Obwohl sie nur am Stand laufen, vermittelt die filmische Videoprojektion auf der Bühne die perfekte Illusion, dass die beiden tatsächlich hier und jetzt nebeneinander durch Stavanger joggen. Sie müssen sogar immer wieder so manchen entgegenkommenden Passant:innen „ausweichen“.

Gabel Eiben und Ross Cowan beim Aufwärmen (Fotocredit Gold & Pech Theater)
Aus Smalltalk wird intellektueller Smalltalk.
Das Gespräch während des Laufens beginnt mit der Frage, ob man gut genug in Form ist und wie fit Schauspieler:innen sein müssen. Doch schnell landen die beiden in der amerikanischen Filmwelt und gewinnen daraus Lebensweisheiten und philosophische Betrachtungen: von Hugh Jackman über Kevin Costner bis zu Paul Verhoevens Faschismus-Darstellungen in „Starship Troopers“. Mit Selbstironie tritt dabei der Drang hervor, sich mitzuteilen und zu allem eine Meinung zu haben, während man an der körperlichen wie geistigen Optimierung arbeitet. Eine Meinung ergibt die nächste, manchmal auch noch eine dritte. Potenziellen Konflikten und Widersprüchen weichen die beiden geschickt aus, entsprechend vorsichtig bringen sie ihre Gedanken ins Gespräch. Man möchte sich wohlfühlen – und vielleicht für einen Moment auch ein wenig besonders.
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Gabel Eiben und Ross Cowan beim gedanklichen Austausch (Fotocredit Ole Jørgen Løvås)
Über Ödipus und Baudelaire zurück zum Ausgangspunkt
Selbst wenn man aufmerksam zuhört, fragt man sich bisweilen, wie die beiden plötzlich bei diesem Thema gelandet sind. Eben geht es noch um familiäre Werte und die Freude an den Kindern, schon ist man beim Ödipus-Mythos oder bei Baudelaires poetischen Überlegungen zum Tod, während die beiden mal eben über den Friedhof in Stavanger joggen. All das geschieht mit großer Leichtigkeit. Oberflächliches und Tiefgründiges fließen in ihren Vorstellungswelten ineinander. Es wird um die Kurve gedacht, gesprochen und gelaufen. Das endlose Reden kann dabei auch erschöpfen: ein rastloser Schwall aus Überzeugungen und Gedankenspielen, ein analoges Pendant zu Social-Media-Inhalten und Chats. Immer geht die Suche weiter, nach einem Sinn, nach einem Zweck des eigenen Daseins – oder zumindest etwas, das der Sinnlosigkeit des Lebens entgegenzusetzen wäre. So wird an der geistigen Fitness gearbeitet. Körperlich sind die beiden jedenfalls in Form.

Gabel Eiben und Ross Cowan in den Straßen von Stavanger (Fotocredit Gold & Pech Theater)
Ein gelungener Versuch über das menschliche Miteinander
Auf ungewöhnliche Weise zieht diese Inszenierung das Publikum ins Geschehen und hält es in den Sitzen fest, während auf der Bühne alles in Bewegung bleibt – körperlich wie gedanklich. Es scheint kein Zufall, dass Ross Cowan und Gabel Eiben am Ende wieder dort landen, wo sie weggelaufen sind. Trotz des fordernden Spiels führen sie ihr Gespräch von Anfang bis Ende souverän und konzentriert. Große Erkenntnisse ergeben sich daraus nicht. Zeit ist vergangen, und das Leben geht weiter, mit all den Unsicherheiten, die zum Menschsein gehören. Doch etwas bleibt: Zeit mit Freund zu verbringen und zu hoffen, dass das Beste noch vor einem liegt. Und der Gedanke, dass es weniger darauf ankommt, ein perfekt optimierter als ein anständiger Mensch zu sein. Ganz richtig wird man es wohl nie hinbekommen. Vielleicht ist das auch kein Grund, das Gespräch zu beenden.

Gabel Eiben und Ross Cowan beim Start- und Endpunkt (Fotocredit Gold & Pech Theater)
„A Perfect Person” von Gabel Eiben im Gold & Pech Theater
Konzept/Text: Gabel Eiben
Schauspiel: Ross Cowan, Gabel Eiben
Choreographie/Outside Eye: Tale Dolven
Bühne & Licht: Luka Curk
Technik: Thore Warland
Grafik: Michael Buchino
Kostüme: Victoria Heggelund
Termine:
13.10. (DI), 16.10., (Fr), 17.10. (Sa) jeweils 19:30 Uhr
im Gold & Pech Theater, Riesstraße 60, 8063 Höf
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