Eine spekulative Posse im Trachtensaal des Volkskundemuseums
Kritik: 2073: Die neue Kolonie, TiB
Text: Sigrun Karre - 21.09.2026
Rubrik: Theater
Das Theater im Bahnhof blickt aus dem Jahr 2073 auf unsere Gegenwart zurück. Der Abend ist von bitterem Schmäh durchzogen. Im Trachtensaal des Volkskundemuseums treffen bei der Premiere von "2073: Die neue Kolonie" am 18. September historische Abgründe auf eine Zukunft, die erschreckender Weise nicht unmöglich scheint.
Gleich 47 Jahre reist das Theater im Bahnhof mit seiner „spekulativen Posse“ voraus. Erst der Blick aus zeitlicher Distanz schärft oft die Sicht auf die Realität. So weit, so bekannt: Im Nachhinein ist man meist klüger, im Vorhinein nur selten. Der Abend sucht in einem Rückblick aus dem Jahr 2073 nach möglichen Antworten in unserer Gegenwart.
Ausgangspunkt der Produktion „2073: Die neue Kolonie“ war ein Text, den Helene Thümmel 2023 für den steirischen herbst schrieb und dort verlas. Während der Erarbeitung wurde dieser Entwurf mit dem Ensemble weitergesponnen und um neue Zukunftsbilder ergänzt. Ed. Hauswirth bringt das Ergebnis als eine Art Museumsführung aus dem Jahr 2073 auf die Bühne.
Als Spielort wurde der Trachtensaal des Volkskundemuseums Graz gewählt. Die historische Ausstellung mit ihren Holzfiguren und Trachten transportierte einst völkische Vorstellungen. Sie unterschied zwischen „Ursteirern“ und „Urslawen“ und schuf vermeintlich typische Figuren der steirischen Bevölkerung.
Dass die Sammlung ausgerechnet auf den jüdischen Volkskundler Konrad Mautner zurückgeht, gehört zu den bittersten Ironien ihrer Geschichte: Die Nationalsozialisten vereinnahmten seine Trachtensammlung für ihre Rassenideologie und enteigneten und vertrieben im Namen eben dieser Ideologie seine Familie.

Eva Hofer, Fotocredit: Joahnnes Gellner
Das Private ist politisch
Jacob Banigan führt im dunkel schillernden Anzug als professionell-distanzierter Kurator durch die Ausstellung. Damit hebt er sich auch optisch vom restlichen Ensemble in beigefarbenen Zukunftstrachten ab. Das Publikum begegnet der dritten Generation des Theaters im Bahnhof. Die Gruppe hat sich als „neue Kolonie“ behauptet und blickt auf die vergangenen Jahrzehnte zurück. Dabei erzählt sie nicht nur, was aus Österreich und der Welt geworden ist. Auch die eigene Zukunft des TiB wird zum Thema.„Das Private ist politisch“, heißt es an diesem Abend mehr als einmal. Folgerichtig macht die Satire auch vor Selbstreflexion und der eigenen Geschichte nicht halt.
Über die futuristische Glasbrücke und durch eine elektrisch öffnende Glastür gelangen die Erdbewohner:innen der Zukunft, die sich heute bestenfalls im Windelalter befinden dürften, in den Trachtensaal und treten zwischen den starr blickenden Holzfiguren hervor. Mit emotionsarmen Mienen stehen oder sitzen sie beisammen und knabbern mit spitzen Fingern genügsam ein paar Krümel aus ökologisch vernünftigen Jausendosen. Dabei wirken sie beinahe wie lebendig gewordene Verwandte der Holzfiguren im Saal.
Banigan als Kurator hält den Abend zusammen und führt durch eine Zukunft, die er präsentiert, als wäre sie bereits historische Gewissheit. Elisabeth Holzmeister erinnert in ihrer Mischung aus demonstrativer Selbstbeherrschung und unverhohlener Neugier eine Spur an Gerti Drassl als TV-„Vorstadtweib“. Kurzzeitig zeigt sie zumindest ein libidinöses Interesse an Wolfgang Lampls Haarmähne.
Wolfgang Lampl wurde für die Produktion gewissermaßen ausgeliehen – mit dem Ursteirertum hat er schließlich schon reichlich Rollenerfahrung gesammelt. Hier verkörpert er dessen postmaskuline Zukunftsversion. Als einziger Mann der feministischen Theatergruppe gerät er beinahe nebenbei in jene Position, die sonst oft Frauen in Männergesellschaften zukommt: Er steht etwas am Rand und scheint nie ganz sicher, wie viel Platz ihm zusteht.
Monika Klengel erscheint durchgehend zart geschockt, als hätte ihr das (Welt-)Geschehen dauerhaft ein wenig den Atem genommen. Eva Hofer ist durch ihre Präsenz und ihre ganz eigene Komik ein Eye- und Earcatcher für sich, Gabriela Hiti hält die Truppe mit ihrem geerdeten Spiel gewissermaßen zusammen. Das Ensemble spielt mit Präzision und einer betonten Beiläufigkeit, die das Absurde wie selbstverständlichen Alltag erscheinen lässt.
„Wann fing das an?“, fragt der Abend aus dem Jahr 2073 und findet mögliche Antworten in der Gegenwart. Die fiktive Geschichte beginnt in naher Zukunft. Von der FPÖ-Regierung 2028 zur Autokratie ist es ein Katzensprung, dann geht es Schlag auf Schlag: Österreich tritt aus der EU aus. Schließlich zerfällt die Union. Kulturell verschmelzen der steirische herbst und das Volksfestspektakel Aufsteirern zum „Aufsteirischen Herbst“. Ideologisch und als Kunstrichtung setzt sich der Neo-Traditionalismus der Grazer Schule durch. Im Volkskundemuseum des Jahres 2073 ist seine passende Uniform als „Steirische Festtagstracht Neo-Tradition“ zu bestaunen.

v.l.n.r: Elisabeth Holzmeitser, Gabriela Hiti, Fotocredit: Joahnnes Gellner
Blumauer Tradwife, Samenbankerin & letzte Oma gegen Rechts
Auch der Klimawandel bringt neue Berufe samt passender Kleidung hervor. Eine steirische Wasserwächterin ist für die knappe Ressource zuständig, der Katastrophenschützer erinnert an das Jahrhunderthochwasser. Ein digitaler Jäger überwacht die Schutzgebiete, während der letzte Bergbauer vom Dachstein seinen Platz in der zukünftigen Volkskunde gefunden hat. Dazu kommen eine Samenbankerin im Businessdress und eine norwegische Migrantin aus dem Mürztal. Selbst die letzte Oma gegen Rechts wird zum Ausstellungsstück.
Der Polleraufstand in Gleisdorf richtet sich gegen eine ultrarechte Autokratie. Nach dem Aussterben der Bienen verpflichtet das Regime queere Menschen, Migrant:innen und unverheiratete Frauen zur Bestäubung der Obstbäume. Die Groteske folgt einer erschreckend konsequenten Logik: Wer nicht in das traditionelle Familienbild passt, wird vom Staat für reproduktive Zwecke eingesetzt.
Eine neue Sprachregelung gibt es ebenso: Aus „die Mutter“ wird „der Mutter“, aus „die Tracht“ wird „der Tracht“. Inspiriert wurde diese Kunstsprache von Max Höfler und Andreas Unterwegers Text „Der Gendergeneral Klausel. Ein steirischer Heldengesang“ als Antwort auf das aktuelle Genderverbot. Ihre konsequente Verwendung stellt eine beachtliche schauspielerische Herausforderung dar. Mit zunehmender Dauer des Abends beginnt ihr suggestiver “Sound” zu wirken und macht die unheimliche neue Wirklichkeit anschaulich.

Fotocredit: Joahnnes Gellner
Zukunft als Brennglas
Wie akribisch und fantasievoll hier die Geschichte eines halben Jahrhunderts entworfen wird, macht großen Spaß und wirkt zugleich verstörend. Politische, wirtschaftliche, technische und klimatische Entwicklungen stehen nicht einfach nebeneinander. Sie greifen ineinander und treiben sich gegenseitig voran und machen diese groteske Zukunft so erschreckend plausibel.
In dieser Welt behauptet sich das Theater im Bahnhof als „neue Kolonie“ und letzter feministischer Zufluchtsort. Die Gruppe diskutiert über politische Ideen. Immer wieder ist vom „Fluchtpunkt“ die Rede, und das wohl nicht nur im Sinne der Zentralperspektive, die abngeschafft werden soll.
Hervorzuheben sind die Kostüme von Johanna Hierzegger und Helene Thümmel: Als „Trachten der Zukunft“ erzählen sie in visueller Andeutung einen nicht unerheblichen Teil der Geschichte; Pastelliges Beige in allen Schattierungen trifft auf Strohhüte, symbolisch anmutende Stickereien ergänzen den Look. So verbindet sich neo-bäuerliche “Tradition” mit Science-Fiction. Ein deutlicher Hauch von Eso-Sekten-Flair schwingt ebenfalls irgendwie mit.

v.l.n.r: Monika Klengel, Wolfgang Lampl, Gabriela Hiti, Eva Hofer, Fotocredit: Joahnnes Gellner
Wann fing das an?
Benno Hitis Musik schafft eine stimmig entrückte Atmosphäre. Unvermittelt beginnen die Figuren ihre Dialoge zu singen, aus Sprache werden Rezitative und aus Gesprächen mitunter ein paar Takte einer schrägen Zukunftsoper.
Die Einfälle sind oft sehr komisch, aber zu bedrohlich, um sich in gemütlichem Gelächter aufzulösen. Denn diese Zukunft setzt sich aus Entwicklungen zusammen, deren Anfänge längst zu beobachten sind. Umgekehrt - und mit dieser Tatsache spielt das Stück - wirkt heute manches aus der Vergangenheit grotesk und kaum vorstellbar, obwohl es tatsächlich geschehen ist.
Gegen Ende verliert der Abend kurz etwas an Fokus, doch angesichts der Fülle an Gedanken fällt diese kleine Durststrecke kaum ins Gewicht: „2073: Die neue Kolonie“ bleibt ebenso gehaltvoll wie unterhaltsam und beunruhigend relevant.
Die Zukunft erweist sich als überscharfer Spiegel der Gegenwart. Was davon überzeichnet und was realistisch ist, wird sich weisen. Es bleibt zu hoffen, dass die dystopische Fantasie weiter von der Wirklichkeit entfernt ist, als es derzeit scheint.

v.l.n.r: Gabriela Hiti, Elisabeth Holzmeister, Wolfgang Lampl, Helene Thümmel, Monika Klengel, Jacob Banigan,, Fotocredit: Joahnnes Gellner
