Doku-Polit Satire aus dem Herzen der Demokratie

Kritik: 183 Abgeordnete, Theater im Bahnhof und Schauspielhaus Graz

Text: Sigrun Karre - 12.05.2026

Rubrik: Theater
Kritik: 183 Abgeordnete, Theater im Bahnhof und Schauspielhaus Graz

v.l.n.r: Juliette Eröth, Annette Holzmann, Martina Zinnee, Fotocredit: Johannes Gellner

Dokumentarisches Theater aus Originalzitaten des Parlaments im Schauraum des Schauspielhauses: „183 Abgeordnete“ von Theater im Bahnhof und iSchauspielhaus Graz zeigt mit satirischer Schärfe, wie nah politische Realität und absurde Farce oft beieinanderliegen. Ein kluger Abend über Sprache als Machtinstrument – und über Demokratie am Kipppunkt.

Wie viel satirisches Potenzial Parlamentsreden besitzen, zeigt Maschek seit Jahren. Davon abgesehen ist der „Maschinenraum der Demokratie“, das Parlament, für die meisten Bewohner:innen Österreichs eine Blackbox, ein unbekanntes Terrain. Mit „183 Abgeordnete – Die letzten Tage von Österreich, wie wir es kennen“ ist Regisseurin Monika Klengel vom Theater im Bahnhof in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Graz ein bemerkenswert smarter, mehrfunktionaler Theaterabend geglückt. Gemeinsam mit den Dramaturg:innen Emily Richards und Herbert Graf entwickelt sie einen Abend, der politische Analyse, Satire und theatrale Zuspitzung präzise miteinander verbindet.

Anna Rausch, Fotocredit: Johannes Gellner

Sprache als Waffe

Nicht nur methodisch begibt sich die Inszenierung dabei auf die Spuren von Karl Kraus, der für „Die letzten Tage der Menschheit“ eine Satire aus Originalzitaten zimmerte, die die Grausamkeit der Sprache schonungslos offenlegte. Sprache als Waffe ist auch an diesem Theaterabend ein zentrales Thema.

Das Stück – und das ist vielleicht die klügste Machart für politisches Theater überhaupt – besteht ausnahmslos aus O-Tönen aus dem Parlament. Diese entlarven ihre Wortspender:innen konsequent ohne weiteren Kommentar, der allzu schnell Gefahr liefe, dem Publikum das Denken abzunehmen.

Credit: Lex Karelly

Aufklärungsarbeit ohne Zeigefinger

Zugleich wird ein Stück Aufklärungsarbeit in Sachen Parlamentarismus geleistet, auch das ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit via Screen eingewobenen Statistiken und präzise platzierten Projektionen, die Helene Thümmel gemeinsam mit Richard Dank gestaltet hat. Sie transportieren einen filigranen, atmosphärischen Mehrwert, ohne vom Bühnengeschehen abzulenken.

Von Helene Thümmel stammt auch die gelungene Bühne und Ausstattung, deren genderfluide Kostüme an ein Mix-and-Match-Puzzle erinnern und gerade im Kontrast zur demonstrativ männlichen Körpersprache – Stichwort Manspreading – zum nachhaltigen Eyecatcher werden.

Das subtil ironische Sounddesign von Moke Rudolf Klengel und das präzise Lichtdesign von Martin Schneebacher verstärken den Eindruck eines Abends, der seine satirische Schärfe nicht plakativ ausstellen muss.

Annette Holzmann, Credit: Lex Karelly

Ein Ensemble in Hochform

Gabriela Hiti, Eva Hofer, Lorenz Kabas und Martina Zinner sowie den Schauspielhaus-Ensemblemitgliedern Annette Holzmann, Mario Lopatta und Anna Rausch zusammensetzt.

Ob Anna Rausch alle 183 Abgeordneten wirklich im Kopf oder doch eher im Ohr hatte, die sie zum Einstieg namentlich vorstellt, bleibt ungeklärt. In jedem Fall meistern die Darsteller:innen innerhalb von zwei Stunden in immer wieder neuen Rollen eine beachtliche Textmenge, abwechselnd beziehungsweise parallel zu einer körperlich nicht wesentlich weniger fordernden Performance.

Szenische Höhepunkte gibt es zuhauf: Mario Lopattas Nervenzusammenbruch als Abgeordneter Wolfgang Gerstl, der Trost in einer Reiswaffel findet, gehört definitiv dazu. Ebenso seine absurd-komische Lobrede auf die Steueroase Kuwait. Das liegt nicht zuletzt am Text – da ist die Realität tatsächlich unwirklicher, als es die Fiktion je sein könnte.

Annette Holzmann einmal auf der kleineren Bühne zu sehen, ist ebenfalls ein Erlebnis. Ihr differenziertes mimisches Spiel entfaltet in diesem intimeren Setting eine besondere Wirkung. Furios rabiat sind Martina Zinner als Dagmar Belakowitsch und Eva Hofer als Aktivistin für den MUTTER-Kind-Pass und gegen den „Zwang zur Digitalisierung“ – später kramt sie ausdauernd in einer Pelikan-Tasche, in der Platz für zwei Großfamilien zu sein scheint. Lorenz Kabas wiederum bringt eine intrinsische Komik mit, die verlässlich für Momente zwischen Komik und leiser Verstörung sorgt. Juliette Eröd zeigt als Werner Kogler ihre Unterwäsche her und überzeugt mit nonchalantem Herumlungern auf dem charakteristischen Drehstuhl.

Fotocredit: Johannes Gellner

Theater über ein Theater mit echten Konsequenzen

Anschaulich in typischer TiB-Manier wird es bei einem gemeinschaftlichen Turmbau aus Parlamentsbestuhlung. Trotz des zwangsläufigen Show-Charakters des Nationalrats, Geburtstagswünschen und Bussi-Bussi bleibt klar: Politik ist oft Theater – manchmal Farce, manchmal Drama, allerdings mit sehr realen Konsequenzen. Gerade darin liegt die beunruhigende Aktualität dieses Abends. Unbedingt sehenswert – und nicht zuletzt auch für Schulklassen ein kluger, anregender Zugang zu Parlamentarismus, Sprache und politischer Verantwortung.