Eine widerständige Form von Schönheit
Konzertkritik: Soap&Skin, Helmut List Halle
Text: Sigrun Karre - 25.03.2026
Rubrik: Musik
Graz, 21. März 2026. Wenn die international gefeierte Soap&Skin, als Anja Plaschg aufgewachsen im südoststeirischen Gnas, Graz mit einem Konzert beehrt, ist die Helmut-List-Halle bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Publikum ist auffallend gemischt, viele Besucher:innen gehören zur Eltern- oder Großelterngeneration der Mitte Dreißigjährigen. Das dürfte sowohl an ihrem seit Jahren konstanten Starstatus als auch am Format des Sitzkonzerts liegen.
Als Opener kommt Palinstar, das Soloprojekt der Schweizer Multiinstrumentalistin Sarah Palin, auf die Bühne und mixt – fast ein wenig oldschool – zauberhafte Harmonien mit gitarrenlastigem Grunge. Dass ihre Stimme stellenweise an Indie-Star Feist erinnert, relativiert ihren Wiedererkennungswert nicht. Definitiv aber funktioniert diese Musik nur bedingt für ein sitzendes Publikum.
Und dann kommt Soap&Skin, oder: Sie erscheint und zeigt, dass Introversion und Ausstrahlung kein Widerspruch sind. Fast schüchtern setzt sie sich ans Klavier, das sie einen Gutteil des Abends nicht verlassen wird.
Das Album „Torso (2024)“ steht auf dieser Tour am Programm, auf dem sie ausschließlich Coverversionen interpretiert. Spätestens seit Cat Power wissen wir, dass Coverversionen eine besondere Meisterschaft sein können, Soap&Skin legt ihre Interpretationen als kammermusikalisch instrumentierte Musikkonzentrate an. Ihr grandioses Ensemble besteht aus den Streicherinnen Viola Falb, Anna Starzinger, Emily Stewart und den Bläsern Martin Eberle, Alex Kranabetter (der auch bei Palinstar zum Einsatz kommt) und Martin Ptak. Mit „The End“ kann man eigentlich ein Konzert nur schließen oder beginnen. Soap&Skin entscheidet sich für die weniger vorhersehbare Chronologie und eröffnet mit dem berühmten Abgesang von The Doors.

Fotocredit: David Kranzelbinder
Zwischen Exorzismus und Zärtlichkeit
In den folgenden zwei Stunden wird sie zur Hohepriesterin und Exorzistin zugleich, leise Melancholie und immer wieder auch Elektrogewitter und Lichtershow, die einen umhauen – würde man nicht schon sitzen. Sie spielt nicht für das Publikum, sondern zieht es in eine emotionale Reise hinein. Das ist intensiv. Und selten. Vergleiche zwischen Künstler:innen sind immer unzureichend und nie ganz treffend – für eine Künstlerin ihres Ranges erst recht. Und doch drängen sich Sinéad O’Connor und Björk als musikalische Schwestern auf. Das kompromisslose Ausloten von Schmerz ebenso wie – Klischee hin oder her – ein elfenhaftes Erhabensein: Sie hat beides und natürlich noch viel und einiges Unsagbare mehr.
Mit ihrer innigen Interpretation von „Mystery of Love“ von Sufjan Stevens setzt sie den Abend fort. Besonders dunkel-schön gerät hier der Einsatz der Bläser. Hans Zimmers „God Yu Tekem Laef Blong Mi“ wird hier zum traumhaft entrückten, zärtlichen Wiegenlied. „Pale Blue Eyes“ von Velvet Underground, „Johnsburg, Illinois“ von Tom Waits, … die allerbesten Songs auf dem Album spielt sie an diesem Abend.

Fotocredit: David Kranzelbinder
Die Zumutung des Gefühls
Und natürlich: „Me and the Devil“, ihr älteres Robert-Johnson-Cover, das durch FIFA-Edits sogar für Fußballfans zum Ohrwurm geworden ist. Ein weiteres Highlight: „Girl Loves Me“ von David Bowies letztem Album „Blackstar“, dem man das Ringen mit dem Tod bedrückend anhört. In der Version von Soap&Skin gewinnt das Stück durch Reduktion eine eigentümliche existenzielle Dringlichkeit. Definitiv die mutigste Song-Auswahl des Albums, vielleicht nur noch – wenn auch aus anderen Gründen – gleichauf wäre da ihre Zugabe zu nennen. „Stars“ ist untrennbar mit Nina Simones legendärer Stimme und ihrem nuancierten Gefühlsausdruck verbunden.
Aber wenn Soap&Skin etwas kann, dann echtes Gefühl in allen Tiefen und Höhen. Sie macht sich radikal nackt auf der Bühne, ist authentisch bis in die Poren. Und liefert sich der ganzen Palette an Gefühlen aus, das macht sie so verstörend und berührend und genau darin liegt eine eigene, fast widerständige Form von Schönheit. Vielleicht ist ihr größtes Talent ihr Mut zur Verletzlichkeit, den sie sich bewahren konnte. Sie erzählt vom ersten Konzert in Graz vor 20 Jahren im Veilchen im Forum Stadtpark. Da war sie 15. Wunderkind, als das sie wenig später vermarktet wurde. Nicht widerstandslos.
Bei „Vater“, dem Lied, das sie mit gerade einmal 20 für den verstorbenen Vater schrieb, steigert sich beim Zuhören die Gänsehaut zur unerträglichen Beklemmung. Und doch schwingt im äußersten Schmerz durchgehend etwas Tröstendes, Kraftvolles mit. Liebe. Von spürbarer Wertschätzung ist ihr Verhältnis zu ihren Mitmusiker:innen auf der Bühne getragen, es gibt Raum für Einzelapplaus, als sie sie der Reihe nach vorstellt. Und als sie nach Standing Ovations weiße Lilien im Publikum verteilt, huscht sie mit einem Lächeln durch die Konzerthalle, nach einem Abend, in dem sie ganz bei sich geblieben ist, von der Musik sichtlich mitgenommen. Gerade deshalb bekommt diese kleine Geste etwas still Liebenswürdiges.

Fotocredit: David Kranzelbinder
