50 Jahre Kürbis Wies - „Das ist ja kein Beamtenjob“

Interview: Wolfgang Pollanz & Karl Posch, Kürbis Wies

Text: Sigrun Karre - 13.10.2026

Rubrik: Kulturland Steiermark

Karl Posch (li.) und Wolfgang Pollanz sind seit Jahrzehnten Teil der „künstlerischen Intelligenz“ der KI Kürbis Wies. © Kürbis

Seit 50 Jahren steht die Kulturinitiative Kürbis Wies für Theater, Literatur, Musik und bildende Kunst. Karl Posch und Wolfgang Pollanz erzählen von den Anfängen in der Landjugend, vom Eigensinn im Programm und davon, wie man nach Jahrzehnten Verantwortung abgibt.

Junge engagierte Theaterbegeisterte legten den Grundstein für die Kulturinitiative – v.l. Josef Jauk, Franz Fenninger, Karl Wiedner, Karl Posch, Oskar Ribul © Kalendarium

Was hat euch damals in Wies gefehlt, dass ihr selbst Kultur machen wolltet?

Karl Posch: Ich bin zum Obmann der Landjugend gewählt worden. Wir wollten mit den Sommerfesten brechen. Wir haben gesagt: Statt Sommerfeste zu veranstalten, machen wir Theater

Wie wurde aus der Jugendbewegung ein eigener Kulturverein?

Karl Posch: Wir haben uns „Jugend Wies 73“ genannt und waren sehr vorlaut. Wirhaben demonstriert, damit wir einmal Geld von der Gemeinde bekommen, und sind bei einer Bürgerversammlung aufgetreten. Mit Erfolg: Wir konnten mit Unterstützung der Gemeinde ein altes Pfarrheim mieten und ausbauen. 1976 haben wir einen eigenen Verein gegründet. Wir wollten Theater machen, wir wollten anderes Theater machen als alle rundherum.

Abseits dessen, was vielleicht gefehlt hat: Welche Chancen hat euch Wies als kleiner Ort eröffnet, die Graz vielleicht nicht geboten hätte?

Karl Posch: Ein wirklicher Glücksfall war, dass wir bis heute kulturaffine Bürgermeister hatten und haben. Die Gemeinde hat uns nicht behindert und uns die Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Sie hat auch den Ausbau finanziert. Dadurch konnten wir uns auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren.

Burgstaller Bauerkalender im Schloss Burgstall © Kalendarium

Wie hat die Bevölkerung auf euer Programm reagiert?

Karl Posch: Mit dem Burgstaller Bauernkalender im Arkadenhof von Schloss Burgstall haben wir große Anerkennung bekommen. Parallel dazu haben wir Kabarett gemacht und lokale Themen sehr kritisch bearbeitet. Da mussten wir uns mit Anzeigen und Aufschreien aus der Bevölkerung auseinandersetzen. Das war ziemlich heftig. Wir sind nie bei einem Format stehen geblieben. Es gab zum Beispiel eine intensive Zusammenarbeit mit dem Marburger Puppentheater. Mit einer Produktion haben wir, glaube ich, achtzig Vorstellungen gespielt, bis nach Dornbirn. Wir wurden dafür vom Schulbetrieb freigestellt, bei voller Bezahlung. Alle waren stolz darauf, dass wir so etwas machen.

Wolfgang, wie bist du zum Kürbis gekommen?

Wolfgang Pollanz: Ich war Lehrer in Wies und hatte die Zeitschrift „Sterz“ mitgegründet, die ich später verlassen habe. Ich kann mich genau erinnern: Ich bin aus der Schule Richtung Marktplatz gekommen, und plötzlich ist Karl Posch vor mir gestanden. „Möchtest nicht irgendwas mit Literatur im Kürbis machen?“ So war das. Karl kam eher aus der schwarzen Reichshälfte, mein Vater war SPÖ-Ortsparteiobmann. Aber das hat nie eine Rolle gespielt. Ich habe mit Lesungen begonnen und meine Kontakte spielen lassen. Irgendwann kam die Idee, Bücher zu machen. Das erste Buch war von mir, mit sehr primitiven Mitteln, um Geld zu sparen. Gleich danach ist uns ein Coup gelungen: ein Buch von Reinhard P. Gruber, der damals schon sehr bekannt war. Ich habe ihn gefragt, ob erunveröffentlichte Texte hat, die irgendwo herumliegen. Die hatte er tatsächlich.

Und wie kam die Musik dazu?

Wolfgang Pollanz: Mein großes Faible war immer die Popmusik. Ich habe für die Kleine Zeitung Musik besprochen und Konzerte organisiert. „Rock in der Tenne“nannten wir das. Für Bands aus der Region, die noch keine Veröffentlichung hatten, haben wir einen Sampler gemacht. Unser erster Sampler hieß „unten“. Einerseits vom Underground her, andererseits regional gedacht. Mit dem Sampler „Heimat“, auf dem sich bekannte österreichische Musiker mit dem Heimatbegriff und dem Volkslied im erweiterten Sinn auseinandergesetzt haben, wurde pumpkin records überregional wahrgenommen. Fritz Ostermayer hat die ganze CD in seiner Sendung gespielt. Das war großartig. Inzwischen sind wir bei 165 Veröffentlichungen.

Band „Thalija“ in der Schlosstenne Burgstall © Wolfgang Pollanz

Welche Vorstellung hat euch bei der Entwicklung des Kürbis geleitet?

Karl Posch: Unsere Vorstellung war ein bisschen: Wir entwickeln uns weiter, und die gesamte Bevölkerung von Wies und dem Umfeld wächst mit uns mit. Wolfgang Pollanz: Das war ein Trugschluss. Karl Posch: Unsere Besucher sind von immer weiter her gekommen. Wir haben viel mit Schulen gearbeitet, aber junge Leute sind wegen des Studiums oder der Arbeit wieder von Wies weg. Somit fangen wir immer neu an. Was uns gelungen ist: Wir produzieren Theater selbst, mit Menschen aus der Region bis Graz. Auch in den anderen Sparten kommen Künstler hierher, arbeiten vor Ort und haben Beziehungen zu den Menschen. Wolfgang Pollanz: Das Besondere am Kürbis ist, dass es nicht nur das Theater gibt, sondern eben Kunst, Musik, Literatur.

Eröffnung Kunst im öffentlichen Raum Projekt „Der 1000-jähriger Spiegel“ von Viktor Thomas Kröll v.l.n.R. Viktor Thomas Kröll, Bürgermeister Mag. Josef Waltl, Wolfgang Pollanz (damaliger Projektverantwortlicher Bildende Kunst) © Kürbis Wies

Gibt es bis heute Vorbehalte gegenüber eurem Programm?

Karl Posch: Das erleben wir durchaus. Da heißt es: Warum spielt ihr nicht einmal etwas Einfaches für uns? Macht einmal ein Bauerntheater. Wolfgang Pollanz: Ich habe das Gefühl, dass die Neugierde der Menschen weniger geworden ist. Dass man beim Hergebrachten bleibt und Angst hat, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Das ist eine subjektive Wahrnehmung. Ich habe den Eindruck, viele wollen eher berieselt werden und suchen keine Herausforderung.

Gab es in diesen fünfzig Jahren Momente, in denen nicht klar war, ob es weitergeht?

Karl Posch: Eigentlich nie. Es sind immer neue Leute dazugekommen. Wir sehen uns nicht als typischen Verein. Für eine Theaterproduktion sucht sich die Regisseurin oder der Regisseur ein Team zusammen. Ob die Leute Mitglieder sind, spielt keine Rolle. Nach der Produktion geht das wieder auseinander, während eine andere Truppe schon arbeitet. Dadurch kommen neue Impulse und neue Formate dazu. Jetzt wird es allerdings langsam eng, weil wir alt werden.

Wie lässt sich eure ursprüngliche Vision weitergeben, ohne in Denkmalpflege zu erstarren? Was muss sich verändern dürfen, damit der Kürbis lebendig bleibt?

Wolfgang Pollanz: Ich habe schon mit sechzig gesagt, dass ich aufhören möchte. Jetzt bin ich zweiundsiebzig. pumpkin records habe ich vor zwei Jahren an Gabriel Schmid übergeben, und ich mische mich null ein. Es hat Bands gegeben, die immer wieder bei uns veröffentlicht haben und die Gabriel dann abgelehnt hat, weil sie ihm nicht gefallen. Finde ich voll in Ordnung. Ich habe immer radikal subjektiv ausgesucht: Wenn es mir gefallen hat, okay, wenn nicht, dann nicht. Die nächste Generation muss das nicht übernehmen. Andrea Stift-Laube wird die Edition Kürbis weiterführen. Wie sie weitermacht, ist ihre Sache. Mir fällt das Loslassen relativ leicht. Wenn jemand Hilfe braucht, jederzeit. Ichschreibe weiter meine Bücher und mache wieder Musik. In solchen Kulturbetrieben kommt es sehr auf die Personen an, auf die Begeisterung und das Herzblut. Das ist ja kein Beamtenjob. Man möchte etwas verwirklichen oder zumindest ermöglichen.

Aktuelles Kürbis-Team bestehend aus Vorstand und Programmverantwortlichen v.l.n.r Melina Schuster, Katharina Sieghartsleitner, Karl Posch, Uli Wonisch, Gabriel Schmidt, Wolfgang Pollanz, Marlies Schuster, Oskar Ribul © Kürbis

Karl, wo siehst du die größte Herausforderung bei der Übergabe an die nächste Generation?

Karl Posch: Im Theaterbereich wird die Übergabe funktionieren. Schwieriger ist das Management des gesamten Unternehmens. Koordinieren, Geldauftreiben, Controlling: Das war alles bei mir. Wer übernimmt welche Verantwortung? Daran arbeiten wir. Man braucht kaufmännisches Verständnis, aber auch eine Verankerung in Wies oder in der Region. Die Unterstützung durch die Gemeinde hängt mit Vertrauen zusammen. Und wir haben Gott sei Dank junge Leute, die sich engagieren wollen. Viele Kulturvereine und Theatergruppen haben diesen Nachwuchs nicht. Ich glaube, das wird funktionieren.

Man hört manchmal, dass die Bereitschaft geringer wird, ehrenamtlich oder prekär bezahlt zu arbeiten. Könnte man das nicht auch als Erfolg eurer Pioniergeneration sehen, dass sich mittlerweile das Verständnis durchsetzt: Kultur ist Arbeit und wird auch bezahlt?

Karl Posch: Für unsere Generation war die Ehrenamtlichkeit leichter zu stemmen, weil sehr viele von uns Lehrer waren. Lehrer waren ja auch bei der Blasmusik oder in Volksmusikgruppen Träger der Kultur. Für uns war es selbstverständlich, dass wir das machen konnten. Aber ich verstehe gut, dass die jungen Leute dafür bezahlt werden wollen. Wolfgang Pollanz: Künstler, die zu uns gekommen sind, etwa für Lesungen, sind immer bezahlt worden. Darauf habe ich bestanden. Die Ehrenamtlichkeit hat eher uns selbst getroffen.

„Wies Open“ im Theater im Kürbis – Projektverantwortlicher Wolfgang Pollanz (links)

Wolfgang, was hat dich persönlich so lange angetrieben?

Wolfgang Pollanz: Ich habe immer ein großes Faible fürs Lesen gehabt und dann selbst zu schreiben begonnen. Eine gewisse Anerkennung möchte ich schon haben. Ich war nie der Typ, der sagt: Ich schreibe nur für meine Schublade. Ich kann mich erinnern: Mit achtzehn oder so habe ich meinem Bruder, der drei Jahre jünger ist, Gedichte vorgelesen. Das Einzige, was er gemacht hat: Er hat zu lachen begonnen. Es war vielleicht auch der damalige Zeitgeist, dass man das Gefühl hatte, sich durch Kunst und Kultur persönlich verwirklichen zu können.

In der Nachfolge von 1968?

Wolfgang Pollanz: Es heißt ja immer so polemisch: Am Land passiert alles zehn Jahre später. Bei uns 1976, also so ungefähr. Und wir haben Infrastruktur geschaffen, um auch anderen Künstlern etwas zu ermöglichen.

„Es weihnachtet“ eine Theatercollage von Regisseur Karl Posch (rechts) © Christian Koschar

Und was macht die Arbeit beim Kürbis für dich bis heute interessant, Karl?

Karl Posch: Ich mache viel Regiearbeit. Es ist faszinierend, dass Leute kommen, sich das anschauen, lachen oder weinen. Man kann Menschen zusammenbringen, auch solche, die sonst nie kommen würden. Zuerst kommen sie vielleicht nur, weil das Enkerl oder jemand aus der Familie mitspielt. Aber sie kommen und setzen sich damit auseinander.

Stellen wir uns vor, jemand schreibt in fünfzig Jahren zum hundertjährigen Bestehen des Kürbis einen einzigen Satz darüber, warum diese Kulturinitiative so lange Bestand hat. Was muss darin unbedingt stehen?

Karl Posch: Dass es Verrückte gibt. Wolfgang Pollanz: Die verrückt nach Kunst und Kultur sind. Karl Posch: Man muss leicht verrückt sein, dass man das durchsteht.

„Minidramen-Wettbewerb“ Gruppenfoto mit Gewinner-Autor:innen, Regisseur:innen, Darsteller:innen, Sponsor:innen, Projektverantwortlichen Karl Posch (Theater) und Wolfgang Pollanz (Literatur) © Christian Koschar

Was macht euch für die Zukunft zuversichtlich?

Wolfgang Pollanz: Bei einem Workshop zur Übergabe des Kürbis kam ein interessanter Gedanke auf: Vielleicht führt die KI dazu, dass Menschen wieder mehr persönliche Kontakte wollen. Dass sie irgendwann übersättigt sind von KI-Produkten und lieber in ein Theater gehen, wo wirkliche Menschen sind. Oder zu einer Lesung, bei der ein echter Mensch sitzt. Ich glaube, das ist eine Chance. Karl Posch: Wir erleben immer wieder, dass die Menschen, die für ein Projekt zusammenkommen, fast wie eine Familie werden. Sie müssen sich dafür Zeit freihalten. Man arbeitet zusammen, man isst zusammen, es entstehen neue Begegnungen. Und am Ende geht man mit Wehmut auseinander. Das ist schon ein Motor für die Zukunft.

Seit 1976 macht die Kulturinitiative Kürbis Wies Kunst und Kultur auf dem Land. Aus einer jungen Theatergruppe entstand ein vielseitiger Kulturort für Theater, Literatur, Musik und bildende Kunst – mit eigenem Verlag edition kürbis und Musiklabel pumpkin records. Mit eigenen Produktionen und Formaten wirkt der Kürbis weit über die Region hinaus. 2026 feiert die Initiative ihr 50-jähriges Bestehen.