Die Spielzeit 26/27 im Schauspielhaus Graz
Elfriede Jelinek, Bertha von Suttner und Édouard Louis
Text: Karoline Pilich, Lydia Bißmann - 19.05.2026
Rubrik: Theater
Das Schauspielhaus Graz setzt im vierten Intendanzjahr von Andrea Vilter beim Spielplan 2026/27 insbesondere auf neue Akzente, österreichische Literatur und auf eine Erweiterung des dramatischen Kanons.
Eröffnet wird die Saison mit „Die Waffen nieder!“, einer Adaption des gleichnamigen Romans der Österreicherin Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt. Diese österreichische Erstaufführung verzichtet bewusst nicht auf große Emotionen und rührt an den weltpolitischen Grundfragen unserer Gegenwart. Am Eröffnungswochenende wird in der Uraufführung „ФielföلkaŠtát (äh, vielfölkastaat, oder was?)“ im Schauraum in einer Koproduktion mit dem steirischen herbst das Verhältnis zwischen Österreich und „Osteuropa“ von der k.u.k.-Zeit bis heute behandelt. Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ in der Konsole beendet das Premieren-Triple und rechnet im Bachmann-Jahr mit patriarchal-struktureller Gewalt ab.

Chefdramaturgin Anna-Sophia Güther und Intendantin Andrea Vilter mit den neuen Spielzeitbüchern (Fotocredit: Lex Karelly).
Shitstorm, Screwball-Witz und Soziologie
Elfriede Jelinek feiert ihren 80. Geburtstag. Zum Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs verfasste die Nobelpreisträgerin das Stück „Ein Übertritt“, das im November Premiere feiert (Regie: DARUM). Um einen Shitstorm und das PR-Team hinter einem Presseskandal geht es in Selina Fillingers Erfolgskomödie „Die Schattenpräsidentinnen“ (Regie: Branko Janack), die zum ersten Mal in Österreich gezeigt wird. Weltliteratur gibt es von Regisseurin Ewelina Marciniak und ihrer Inszenierung von Emily Brontës „Wuthering Heights“, die sich vor allem der zweiten Hälfte des vor Kurzem von Emerald Fennell verfilmten Romans annimmt. „Werther & Lotte & Albert“ ist explizit eine Einladung auch an junge Menschen. Mit Goethes epochemachendem Briefroman nimmt die Regisseurin über den Protagonisten hinaus die Dreiecksbeziehung von Liebe und Freundschaft in den Blick. Nach „Rutherford & Son“ und „Wir töten Stella“ inszeniert Jakab Tarnóczi mit „Anleitung, ein anderer zu werden“ eine Art Medley aus den Soziologie-Bestsellern des französischen Autors Édouard Louis. Im Kontext der Kanonerweiterung steht das Drama „Machinal“ der US-amerikanischen Dramatikerin Sophie Treadwell, die sich in den 1920er-Jahren mit der wahren Geschichte einer jungen Mörderin beschäftigte. Dieses Meisterwerk des expressionistischen Theaters wurde trotz seines Erfolgs zur Entstehungszeit im deutschsprachigen Raum bisher nie aufgeführt.

Chefdramaturgin Anna-Sophia Güther und Intendantin Andrea Vilter bei der Spielzeitpräsentation (Fotocredit: Lex Karelly).
Räume für junge Menschen
Rund 27 Prozent der Besucherinnen und Besucher im Schauraum sind jünger als 27 Jahre. Mit dem neuen Abo-Format ist es möglich, vier Schauraum-Produktionen im Abo zu besuchen. Hier gibt es in der kommenden Saison neben „Otherland“, einer transformativen Erkundung von Chris Bush (Regie: MoMo Matsunyane), mit „Inter Alia“ auch ein weiteres Gerichtsdrama von Suzie Miller zu sehen. Folge 2 und 3 von „I am from Austria“ vom Institut für Medien, Politik und Theater gibt es in aktualisierter Form als Wiederaufnahme. Um Femizid und den fragwürdigen Umgang mit lebenden und toten Frauen in Theater, Film und Fernsehen geht es in „Sehr schön und sehr tot“ von Rebekka David, die sich in einer musikalischen Séance mit Figuren wie Ophelia, Carmen oder Schneewittchen auseinandersetzt. „Geht Gras fühlen! Oder: Eliza“ in Kooperation mit der KUG und der Theaterakademie LebensGroß feiert in der Konsole unter der Regie von Anja M. Wohlfahrt das analoge Lebensgefühl. Um virtuelle Theaterformen geht es von 10. bis 13. März wieder bei der vierten Ausgabe von Digithalia.
