Zwischenmenschlicher Resilienz in Krisenzeiten
Ausstellung: Im Rad der Emotionen, <rotor>
Text: Robert Goessl - 22.02.2026
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Mouries Collective: Handgefertigte Fragmente von Geschichten und Wünschen (Fotocredit kuma)
In dieser Ausstellung fühlen sich die einzelnen Räume sehr unterschiedlich an. Von einladendem Ambiente über sachliche Darstellung bis zu sehr rustikalem Interieur spürt man einem Istzustand der Welt nach, der von Erschöpfung, Unsicherheit und Auflösung des Gewohnten geprägt ist. Dabei werden neben nostalgischen Gefühlen auch Lösungsansätze zur Resilienz geboten.
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Oleksandr Halishchuk: Pastime: Zwei Puzzles und ein Miniatur-Detail (Fotocredit kuma)
Ein öffentlicher Kleiderkasten des Einfühlungsvermögens
Im ersten Raum begegnet man in der Installation „Konferenz der Körperteile (Auf Grün wirkt das Blut weniger eindrucksvoll)“ sorgsam aufgehängten Kleidungsstücken von der aus Prag stammenden Künstlerin Eva Kot´átková, wobei diese die intuitive Wahrnehmung vom anderen sichtbar machen wollen. Sie wirken wie Hüllen, die Wunden nach innen durchlassen, aber auch wie Organe, die das Innerste nach außen kehren – gemeinsam ist allen, dass sie Verwundbarkeit zeigen, etwas, das wir gewohnt sind, nach außen hin zu unterdrücken und nach innen hin zu ignorieren, um selbstoptimiert gegenüber der Konkurrenz in der Welt Stärke demonstrieren zu können. Die Kostüme lenken die Aufmerksamkeit auf die Perspektiven und Erfahrungen von Kindern, und ihre Dimensionen sind in erster Linie auf sie zugeschnitten.

Eva Kot´átková: Konferenz der Körperteile (Fotocredit kuma)
Zwischen der Wahrnehmung der Welt in Fragmenten und detaillierter nostalgischer Erinnerung
Der zweite Raum ist nicht nur emotional zweigeteilt, er zeigt die Welt zweier Künstler, die sich mit ihrem Herkunftsland, fernab von diesem, beschäftigen, in Verbindung mit ihrem jetzigen Leben.
Die aus Budapest stammende Künstlerin Róza El-Hassan mit syrischem Hintergrund zeigt in ihren Skulpturen und Zeichnungen unter dem Thema „Möge auf alle Tränen ein Lächeln folgen“ scheinbar Unfertiges und Fragmentarisches als Reaktion auf ihre Beschäftigung mit dem dortigen Bürgerkrieg. Man spürt einerseits die Verrohung, die in den Gesichtern der groben Skulpturen zu erkennen ist, und auch Leere auf den Zeichnungen, und auch die Unruhe, die von Ihnen ausgeht. Man erspürt die Gefühle, die den Objekten innewohnen, als Weg einer Verarbeitung mit Spuren von Hoffnung.
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Róza El-Hassan: Möge auf alle Tränen ein Lächeln folgen (Fotocredit kuma)
Eine spielerisch detailreiche Miniatur vor dem Hintergrund zerfallender Erinnerungen
Der in Graz lebende ukrainische Künstler Oleksandr Halishchuk beschäftigt sich im aus drei Teilen bestehenden Projekt „Pastime“ mit seinem Leben als Migrant in Österreich und seiner Kindheit im mittlerweile von Russland besetzten Melitopol nahe des Asowschen Meeres. Im Mittelpunkt steht dabei eine Nachbildung der Heimatstadt seiner Kindheit auf drei Tischen, in denen er die Details mittels Spielzeugsteinen und einfachsten Mitteln seinen Erinnerungen gemäß zusammengesetzt hat. Versteckt auf der Hinterseite findet sich dabei ein geheimnisvoller Kasten der Geschichten, in dem einzelne Symbole für Erlebnisse in seiner Heimat stehen. Darüber hängen vier Puzzles aus Bildern seiner Vergangenheit, vermischt, zusammengesetzt als Zeichen von verblassenden Erinnerungen, die mehr und mehr ineinander übergehen. Darüber in der Mitte präsentiert er seinen Jetztzustand: ein Video aus kurzen Sequenzen seines Lebens in Österreich. Es spiegelt sich im Gesamten ein Leben wider, in dem an der Vergangenheit verzweifelt festgehalten wird, im Wissen, dass diese nie wieder so sein wird, aber auch ein lebendiges Jetzt zwischen den zersplitterten Puzzle-Bildern seiner Vergangenheit.
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Oleksandr Halishchuk: Pastime (Fotocredit kuma)
In Hand- und Gedankenarbeit zur Ruhe kommen, um damit die Welt zu bereichern
Zu einem Sehnsuchtsort des Erzählens und Kommunizierens mit vielen verspielten Details wird der dritte Raum: Das von Griechenland ausgehend fließende Mouries Collective ermöglicht in der partizipativen Anordnung „Handgefertigte Fragmente von Geschichten und Wünschen“, zur Ruhe zu kommen, um für sich und andere etwas in diesem Raum zu hinterlassen: In einer meditativen Atmosphäre eines orientalischen Zeltes mit einem symbolischen Opfer an die Natur in der Mitte kann man einfach mal loslassen, um mit Nähen, Schreiben, Zeichnen oder Geschichtenerzählen einen Talisman zu erschaffen und ihn an dem Ort zurückzulassen, der sich damit auch immer weiter zu einem Tempel der menschlichen Gedanken und Gefühle wird. Oder man begibt sich einfach nur hinein, um diese oder einfach nur die Ruhe in sich aufzusaugen.
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Mouries Collective: Handgefertigte Fragmente von Geschichten und Wünschen (Fotocredit kuma)
Eine neue alte Sprache der Hoffnung vor kargem Hintergrund
Zu einem radikalen Wechsel in der Atmosphäre kommt es, wenn man den vierten Raum betritt. In „Shelter of Hope (Esperanto Klassenzimmer)“ vom Ex-artists' collective (Tamás Kaszás & Anikó Loránt) scheint alles auf das Notwendigste reduziert – als wäre man in einem Nachkriegsklassenzimmer in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Zusammengesetzt aus Fundgegenständen und einer Tafel kann man hier einer Esperanto-Lektion ohne Lehrer und Schüler beiwohnen, als Überbleibsel einer gescheiterten Utopie der Schaffung einer künstlichen Sprache, die von jedem Menschen leicht zu erlernen ist und damit als universelles Kommunikationsmittel weltweit dienen könnte, und die sich paradoxerweise trotz Globalisierung nicht durchsetzen konnte. Somit steht das Werk in seiner radikalen Kargheit für das Überleben und für eine stille Widerstandsfähigkeit, für potenzielle Neuanfänge und die Idee des universellen Verständnisses, mit Esperanto als Symbol einer universellen Sprache der Hoffnung.

Ex-artists' collective: Shelter of Hope (Esperanto Klassenzimmer) (Fotocredit kuma)
In kleinen Schuhen mit den Fingern in der Kindheit
Im Video „Was übrig bleibt“ im Gang beschäftigt sich die slowakische Künstlerin Jana Kapelová mit den vergessenen und verdrängten Erfahrungen und Erinnerungen ihrer Kindheit. Mit ihren Händen performt sie so einzelne Situationen aus ihrer Kindheit und Jugend als abstrakte Selbsttherapie, macht verletzende Erfahrungen und Erinnerungen so sichtbar und gibt ihnen damit einen Rahmen, sie zu teilen und damit bewältigbar zu machen.

Jana Kapelová: Was übrig bleibt - Ausschnitte aus dem Video (Fotocredit kuma)
Die ministerielle Suche nach dem kleinen Glück
Seit 2024 tourt die slowakische Künstlerin Katarína Poliačiková mit ihrem „Ministerium der kleinen Genüsse“, das immer wieder andere Formen annimmt. In diesem Fall wird der Raum im Café als fiktives Pop-up-Ministerium benutzt, in dem die Besucher:innen ihre alltäglichen Glücksmomente auf Zetteln schreiben und aufhängen können. Die Künstlerin möchte damit erreichen, dass Menschen sich einander neugierig zeigen, und sich auch miteinander beschäftigen und so einen sorgsamen Umgang mit den Wünschen und angenehm empfundenen Momenten pflegen zur gegenseitigen Wertschätzung.

Katarína Poliačiková: Ministerium der kleinen Genüsse (Fotocredit kuma)
Eine Kultur der gegenseitigen Fürsorge
„Das Hologramm“ von Cassie Thornton & Florence Freitag & collaborators geht über ein formales Kunstwerk hinaus. Es steckt die Idee dahinter, dass sich vier Personen regelmäßig treffen, bei denen immer eine Person – das Hologramm – die Hilfesuchende ist, während die anderen Personen – die sogenannten Dreiecke – sich auf Fragen der körperlichen, geistigen sowie sozialen Gesundheit des Hologramms konzentrieren. Zu sehen ist in der Ausstellung eine Anleitung mit Hinweisen rund um einen Tisch, der zum Platznehmen einlädt, um in die Idee der kollektiven Selbsthilfe, eines Austauschs von Gebenden und Nehmenden einzutauchen, der sich aber auch als gegenseitiger Lernprozess versteht. Denn auch das Hologramm lehrt den Betreuenden, wie man Fürsorge gibt und auch empfängt als Akt eines offenen, vertrauensvollen Miteinanders.

Cassie Thornton & Florence Freitag & collaborators: Das Hologramm (Fotocredit kuma)
Eine Motivationsausstellung, einander zuzuhören, um einander zu verstehen und zu helfen
Es werden nicht große politische Themen präsentiert, die Ausstellung ist der Versuch einer Reduktion auf das persönliche, auf das menschliche Maß. Es wird Trost gespendet und Hoffnung vermittelt, auch indem die Künstler:innen sich in den Werken mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen und versuchen, schmerzvoll Verdrängtes in diesen sichtbar zu machen, um sich damit eine Gegenwart zu schaffen, in der man trotz Multikrisen bestehen kann und im Kleinen versucht, Positives auch für andere zu bewirken.

Katarína Poliačiková: Ministerium der kleinen Genüsse (Fotocredit kuma)
Ausstellung „Im Rad der Emotionen“ im <rotor>, Volksgartenstraße 6a, Graz
Kuratiert von:
Judit Angel, Eliška Mazalanová, Margarethe Makovec, Anton Lederer
Teilnehmende Künstler:innen und Kollektive:
Róza El-Hassan, ex-artists’ collective (Tamás Kaszás & Anikó Loránt), Oleksandr Halishchuk, The Hologram, Jana Kapelová, Eva Kot´átková, Mouries Collective (Eliana Lucia Otta Vildoso, Maria Juliana Byck, Eftalia Dimitropoulos Lopez, Vasiliki Sifostratoudaki, Isabel Gutierrez Sanchez), Katarína Poliačiková
Ausstellungsdauer:
30.01. – 26.04.2026
Öffnungszeiten:
Mo – Fr 10:00–18:00
Sa 12:00–16:00
an Sonn- und Feiertagen geschlossen
Eintritt frei!
Spezielle Events und Performances:
Sa 31.01. 13:30: Ausstellungsrundgang mit Kurator:innen und Künstler:innen
Sa 31.01. 16:30: Session mit Mouries Collective
Sa 28.02. 15:00: kuratorischer Rundgang durch die Ausstellung mit Anton Lederer
Mi 04.03. 20:00: Performance "Pastime"von Oleksandr Halishchuk (Begehung einer Miniatur)
Anmeldung jeweils unter rotor@mur.at
Dialogführungen
durch die Ausstellung für Schulklassen und andere Gruppen nach Voranmeldung: rotor@mur.at, 0316/688306
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Oleksandr Halishchuk: Pastime - der geheimnisvolle Kasten auf der Rückseite (Fotocredit kuma)