Die Rückkehr der Natur ins menschliche Denken als mystisches Wesen
Ausstellung: Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 2: Das kolossale Landtier, <rotor>
Text: Robert Goessl - 09.10.2026
![Fotocredit: „Echo Keepers 1 + 2 [Hüter:innen des Echos]““ von Ernst Koslitsch (Fotocredit <rotor>) „Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 2: Das kolossale Landtier“– Ausstellung im <rotor>](/api/image-proxy?path=%2F52459%2FAbb4_ROTOR_A-Parabel_Land-Animal.jpeg)
„Echo Keepers 1 + 2 [Hüter:innen des Echos]““ von Ernst Koslitsch (Fotocredit <rotor>)
Der zweite Teil der Ausstellungsserie bleibt dem Grundthema treu: Man begibt sich, inspiriert von den Texten und Gedanken des Philosophen Báyò Akómoláfé, in die Welt der Mythen aus der menschlichen Vergangenheit, die seinerzeit dazu dienten, Dinge zu erklären, für die damals sonst keine Antworten gefunden werden konnten. Dieser Rückgriff wird bewusst in einer Zeit der zunehmenden Überforderung durch Krisen und Technisierung gesetzt, auch Inspiration dazu, sich wieder der Natur etwas mehr anzunähern, wie es sich auch das von Báyò Akómoláfé gegründete „The Emergence Network“ zum Ziel setzt.
Die Begrüßung am Eingang durch die zwei Figuren „Echo Keepers 1 + 2 [Hüter:innen des Echos]“ von Ernst Koslitsch ist vom ersten Teil geblieben sowie auch die "AYOCOTL"-Saatgutbibliothek im Barraum, die zum Austausch und danach zum Experimentieren mit Samen im eigenen Garten einlädt, sowie auch ein kleiner Garten vor dem Eingang, der zum Verweilen und Innehalten einlädt. Vom mystischen Wesen des großen Vogels, der über den ersten Teil der Ausstellungsserie als Inspiration stand, ist man nun zum mythologischen Landtier „Behemoth“ aus dem Alten Testament gelangt. Pro Raum werden dabei immer die zwei Werke zur Verbindung einander gegenübergestellt.

Die Feuerstelle in der Installation „Was steht hinter der Zeit, wenn die Schere schneidet?“ von Francesca Aldegani (Fotocredit kuma)
Ein Monster zum Streicheln und Zöpfe im konstanten Stadium der Transformation
So nimmt die griechisch-deutsche Künstlerin Joulia Strauss in ihrem Werk „Sitting With the Monster“ im Eingangsraum Bezug auf das kolossale Landtier, allerdings auf eine weiche, geschmeidige Art. Ihr Monster ist aus Yogamatten gefertigt, ernährt sich auch von diesen und erscheint viergeteilt mit Sitzgelegenheiten daneben. Damit wird, indem man neben der Skulptur Platz nimmt und sich mit ihr und ihrem sanften Wesen beschäftigt, angeboten, sich den eigenen Dämonen zu stellen, sie zu akzeptieren, anstatt sie zu bekämpfen oder auszugrenzen. Es gilt auch, in ihnen präsent zu bleiben, um sie wahrzunehmen und zu kontrollieren und sie so zu einem Teil von einem selbst zu machen. Laut einer These der Künstlerin, gibt es jetzt keine Yogamatten mehr in Berlin, womit die Körper dort nicht mehr geheilt werden können, um im neoliberalen System zu bestehen, und deswegen hat dort auch die Linke die Wahlen in jüngster Vergangenheit gewonnen. Da das Monster mittlerweile satt ist, sind in Graz keine Yogamatten in Gefahr – das andere hat sich hier ohnehin schon erledigt.

„Sitting With the Monster“ von Joulia Strauss (Fotocredit kuma)
Von der Decke hängende Bänder und Zöpfe sind diesem Werk gegenübergestellt. „Zeit zum Verwandeln“ von Frenzi Rigling besteht aus Pelzfragmenten, Haarteilen und aus anderen Materialien menschlicher und nicht menschlicher Herkunft. Diese Objekte haben eine lange Geschichte und transformieren sich je nach Ausstellungsräumlichkeiten auf unterschiedliche Weise und bilden so neue Strukturen. Der Titel ist inspiriert vom Signature-Spruch „It’s Morphin Time.“ der Kinderserie „Mighty Morphin Power Rangers“, womit die Künstlerin auch auf ihre Kindheit und die Geschichte der Bänder Bezug nimmt.

„Zeit zum Verwandeln“ von Frenzi Rigling (Fotocredit kuma)
Das Matriarchat und die Göttinnen der Vergangenheit
Den zweiten Raum betritt man durch Kupferketten, die Teil der Rauminstallation „Was steht hinter der Zeit, wenn die Schere schneidet?“ von der in Bergamo geborenen und in Wien lebenden Künstlerin Francesca Aldegani sind. Sie verbindet in dieser Arbeit verkupferte Äste mit historischem Leinen. Eine zentrale Leinenbahn erhebt sich im Raum wie ein Totem vom Boden, von dem auch Augenpaare aus vergangenen Zeiten in die Zukunft blicken. Dabei nimmt sie Bezug auf die Kupferzeit, die fast vergessen zwischen Jungsteinzeit und Bronzezeit angesiedelt ist und in der es Hinweise auf matriarchale und weitgehend friedliche Strukturen gibt, und mit den mit Leinenstoffen, hergestellt und bestickt von Frauen in den letzten paar hundert Jahren, auf die Rolle der Frau im Patriarchat danach. In der symbolischen Feuerstelle daneben, liegt eine kupferne Schere, die fragen lässt, wann die Zeit wieder dafür reif ist, für das Abschneiden der Leinen und für einen Neubeginn mit Kupfer.

„Was steht hinter der Zeit, wenn die Schere schneidet?“ von Francesca Aldegani (Fotocredit kuma)
Die Arbeit "Alle Göttinnen in mir" der aus Venezuela stammenden Grazer Künstlerin Consuelo Méndez, besteht aus einem Leporello, der in ein großes Wandgemälde eingebettet ist. Dieser enthält Zeichnungen von Göttinnen aus alten Weltkulturen und wurde in über 14 Jahren verfasst. Entsprechend verbinden sich hier unterschiedliche Stile und Strichführungen und es fließen Maya- und Azteken-Göttinnen und Göttinnen aus Afrika, Griechenland und Indien ineinander. Die hinterlegte Wandmalerei, die einige der Gottheiten und Figuren noch einmal in größerer Dimension zeigt, gliedert sich in einen unterirdischen und einen oberirdischen Bereich und manifestiert damit ein Werden und Verwandeln mit Ritual- und Heilpflanzen, die mit den Göttinnen in Verbindung gesetzt werden, und das weibliche Wissen um die Heilkräfte der Natur zeigen.

"Alle Göttin in mir" von Consuelo Méndez (Fotocredit kuma)
Steine und Ton als ursprüngliche Materialien
Die Grazer Künstlerin Barbara Schmid beschäftigt sich im dritten Raum in ihren Werken „Fassungen“ und „Selbstberührungsobjekte“ auf unterschiedliche Weise mit Keramik, wobei beide Konzepte an Fossilien erinnern. „Fassungen“ sind das Ergebnis des Einschlagens von Sonnenblumenkernen in Tonerde, die danach gebrannt wird. In den Bruchstücken sind Farbrückstände, Leerstellen und Ascherückstände zu erkennen, die auf die Fähigkeit von Sonnenblumen als Schadstofffilter verweisen. Weicher geht es bei den „Selbstberührungsobjekten“ zu, die in der Ausstellung auch in die Hand genommen werden dürfen. Sie entstehen durch das Zusammendrücken eines weichen Tonklumpens mit beiden Händen, der dann alle dabei entstehenden Hohlräume zwischen den Fingern ausfüllt – somit wird jede Berührung des Tons auch zu einer Selbstberührung.

„Fassungen“ von Barbara Schmid (Fotocredit kuma)
„Hey Siss Phus, Stone Speaking!“ von Moira Zoitl und der sardischen Sängerin Marina Pittau ist eine Videoarbeit, die inspiriert ist von einer Legende aus der sardischen Nuraghenkultur, in der sich eine Königin vor Kummer über den Tod ihrer Tochter in Stein verwandelt. Die Sängerin wendet eine spezielle Zwerchfellatmung an, um während des Singens auch die hebräische Mundharfe spielen zu können. Mit Objekten, die Steine in Bezug zu bestickten Teppichen setzen, bleibt Moira Zoitl nicht nur dem fossilen Thema des Raumes treu, sie greift damit auch weitere mystische Geschichten von Versteinerungen, wie auch in Ovids „Metamorphosen“, auf.
Die Fotos aus der Serie „Seelenloch“ von Ralf Hoedt in diesem Raum verweisen auf die vorzeitliche Praxis, in eine Steinplatte, die eine Grabkammer verschließt, kleine Öffnungen zu bohren, um durch diese eine Kontaktstelle zwischen den Lebenden und den Toten zu schaffen. Doch so ewig Steiner wirken mögen, auch sie sind veränderlich, auch sie entstehen und vergehen, nur nicht in menschlichen Zeiträumen.

„Hey Siss Phus, Stone Speaking!“ von Moira Zoitl und Marina Pittau (Fotocredit kuma)
Künstliche und natürliche Höhlen unter und über der Erde
Der vierte Raum ist olfaktorisch herausfordernd: Folke Köbberling hat mit „DEWOOL 2“ eine organische Höhle aus Rohwolle gebaut, die man betreten kann und die sowohl rustikal als auch gemütlich wirkt, mit dem ernsten Hintergrund, dass Rohwolle in Europa als Rohstoff in der Weiterverarbeitung zu teuer ist und somit nur noch hauptsächlich als Dünger zum Einsatz kommt.

„DEWOOL 2“ - ein Blick in Folke Köbberlings Höhle (Fotocredit kuma)
Dem Gegenüber steht das Hörspiel „Das Vermächtnis des Spalax“ von
Rena Rädle und
Vladan Jeremić, das mit einer Übertragung einer Superkraft eines realen Tieres auf den Menschen spielt, dem Spalax, einer unterirdisch lebenden Blindmaus, deren Augen sich zu magnetischen Sinnenorganen umgewandelt haben. Neben kultigen Objekten, das Hörspiel betreffend, das man natürlich vor Ort hören kann (oder
hier), hängen auch Banner der beiden Künstler:innen im Raum, die auch auf Demonstrationen getragen werden können. Das Motto „You Won't Dig“ bezieht sich auf eine Widerstandsbewegung, die in Serbien gegen die Ausbeutung seltener Erden entstanden ist, wobei die Umweltzerstörung vor Ort bleibt, während die Wertschöpfung woanders stattfindet.

„You Won't Dig“ - Rena Rädles und Vladan Jeremić Banner inklusive "Spalax"-Utensilien (Fotocredit kuma)
Die Weidenkörbe der Tradition und die Unfassbarkeit des Kolossalen
Der Lichthof hat sich auch im zweiten Teil der Ausstellungsserie verändert: Zum Vogelwesen gesellt sich nun ein „Landwesen“, ebenfalls von denselben Künstlerinnen Catherina Jarau, Laila Reichenpfader und Anna Mora Moll geschaffen aus Draht, Körben, Rohren, Schläuchen, Holz, Plastik und gefundenen Materialien, aus Resten, die sonst niemand zu brauchen scheint. Doch das Tier ähnelt frappant einer Kuh, mit traditionellen Elementen geschmückt, als Trademark für ländliche Brauchtümer, wie patriarchale Strukturen und das Festhalten an althergebrachten Gepflogenheiten.

Das "Landwesen" im Lichthof von Catherina Jarau, Laila Reichenpfader und Anna Mora Moll (Fotocredit kuma)
Oskar Jocham nimmt in der Serie „Unknown Spaces“ im Gang Bezug auf Báyò Akómoláfés Schriften zu Behemoth, wobei er das Monster nicht als etwas Gegenständliches wahrnimmt, sondern als Idee des Kontrollverlusts durch das Unbekannte und Unberechenbare der Natur. So entstehen auf den Bildern Gedanken- und Gefühlsfetzen als auf den ersten Blick wirres Durcheinander einer nicht fassbaren metaphysischen Ebene.

„Unknown Spaces“ von Oskar Jocham (Fotocredit kuma)
Das kolossale Landtier als Mahnung vor der menschlichen Überheblichkeit
Die Ausstellung ist ein Eintauchen in Gedankenwelten und spinnt vergangene Mythen weiter, erfindet aber auch neue. Es geht um das Sichtbarmachen von Unbehagen und die Suche nach symbolischem Festmachen an natürlichen Objekten oder Objekten, die aus dem zusammengesetzt sind, was vermeintlich wertlos übrig bleibt. Das kolossale Landtier spiegelt sich in der Ausstellung als Bedrohung und Rettung zugleich, als eine Erinnerung daran, dass die Natur, sowohl die belebte als auch die unbelebte, nicht dem Menschen untertan ist, sondern auch ohne ihn zurechtkommen würde – was umgekehrt nicht der Fall ist, das, auch wenn es offensichtlich ist, immer wieder im System feststeckend vergessen wird. Dem Tempo unserer Zeit wird die Trägheit und der Widerstand des Landtiers entgegengesetzt, was als Reaktion Entschleunigung und nachdenkliches Handeln erfordert.

„Selbstberührungsobjekte“ zum Angreifen von Barbara Schmid (Fotocredit kuma)
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 2: Das kolossale Landtier“– Ausstellung im <rotor>
Ausstellungszeitraum:
25.09.2026 – 23.12.2026
07.01.2027 – 09.01.2027
Öffnungezeiten:
Mo –Fr 10:00 – 18:00
Sa 12:00 – 16:00
an Sonn- und Feiertagen geschlossen
Ort:
< rotor > – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Volksgartenstraße 6a, 8020 Graz
Beteiligte Künstler:innen:
Francesca Aldegani • Catherina Jarau, Anna Mora Moll, Laila Reichenpfader • Oskar Jocham • Ernst Koslitsch • Folke Köbberling • Consuelo Méndez • Rena Rädle & Vladan Jeremić • Frenzi Rigling • Barbara Schmid • Joulia Strauss • Moira Zoitl, Marina Pittau, Ralf Hoedt
AYOCOTL Saatgutbibliothek für Alle:
Forum Urbanes Gärtnern • Andreas Motschiunig • Daniela Brasil • Florian Perl
Kuratiert von:
Margarethe Makovec & Anton Lederer
Eintritt frei

Ein „Seelenloch“ von Ralf Hoedt (Fotocredit kuma)