Ein Abend ohne Trost
Kritik: Wir töten Stella, Schauspielhaus Graz
Text: Lydia Bißmann - 09.02.2026
Jakab Tarnóczi hat mit „Wir töten Stella" eine meisterhaft gelungene Adaption der Novelle von Marlene Haushofer für die Bühne hingelegt.
Wie schon bei Rutherford & Sohn in der letzten Saison arbeitet er wieder mit der Bühnenbildnerin Eszter Kálmán und Ilka Giliga (Kostüm) zusammen, auch die Musik kommt wieder von Levente Bencsik und Máté Hunyadi. Dem gesamten Team ist ein bedrückendes Werk gelungen, das die spannende Geschichte einer österreichischen Autorin mit ausgefeilter Inszenierung verbindet. Wohlfühltheater sieht anders aus: Wir töten Stella ist nichts für schwache Nerven und strapaziert die Gehirnwindungen noch tagelang über den Theaterabend hinaus. Aber nicht nur der Geist, auch der Körper wird bei dieser Aufführung strapaziert. Und das nicht nur deshalb, weil der Tod schließlich eine recht körperliche Angelegenheit ist.

Olivia Grigolli, Sebastian Schindegger, Sarah Sophia Meyer (Fotocredit: Lex Karelly
Schuldfrage aus mehreren Perspektiven
Der Plot der 60-seitigen Erzählung wäre mit dem Titel eigentlich schon erzählt – die blutjunge Stella, (Otiti Engelhardt) wird sterben, und Anna (Olivia Grigolli), ihre Pflegemutter für ein Jahr, lässt in ihren Aufzeichnungen die Geschehnisse Revue passieren. Es ist auch eine fragwürdige Suche nach Schuld – ein Suizid ist in der Regel eher keine kollektive Angelegenheit. Eine fast aus Langeweile geborene Intervention entfacht an verwahrlosten und ignorierten Stella die Freude an der eigenen Körperlichkeit - ob die fatalen folgenden Geschehnisse damit zu tun haben, bleibt offen. Die im bourgeoisen Milieu beheimatete Ehefrau, Mutter und Übersetzerin Anna tritt beim Sinnieren in mehreren Figuren auf. Sarah Sophia Meyer spielt die frühere Anna, Olivia Grigolli die aktuelle, erzählende – Jana Ajorgbor sowie Katharina Wakonig bedienen eine Live-Kamera, die die Mimik der Darsteller:innen – der beiden Annas, ihres Ehemanns Richard (Sebastian Schindegger) und der unglücklichen Stella – heranzoomt und für das Publikum sichtbar macht.
Körperlich auch deswegen, da die Figuren neben Anna, die das Geschehen wie in der Novelle mit kleinen Änderungen erzählt, agieren oder besser gesagt reagieren. Alles, was man über sie weiß, erzählt Anna oder wird durch Handlungen ersichtlich, was besonders bei Annas Sohn Wolfgang (Danylo Dmytrenko) klar wird. Er ist als sensibler, androgyn wirkender Heranwachsender der Gegenentwurf zum toxischen Anwaltsgatten Richard. Sebastian Schindegger gibt den Egomanen ohne Kinkerlitzchen. Er spielt kein Monster. Genau diese Normalität macht die Figur so unerträglich und abstoßend.

Otiti Engelhardt, Sarah Sophia Meyer (Fotocredit: Lex Karelly)
Normalität als Monster
Richard fixt seine Pflegetochter Stella mit der Droge „romantische Beziehung“ an, verweigert ihr jegliches Substitut und zwingt sie dazu, die körperlichen Spuren dieser Verbindung abzutreiben. Das erledigt sein kleingeistiger und schmieriger Bekannter Dr. W. (Thomas Kramer), der als Gynäkologe auch für die Intimgesundheit von Anna zuständig ist, was in einer zum Erbrechen grauslichen, aber enorm authentisch gespielten Untersuchungsszene gezeigt wird. Aber auch Stellas Mutter Luise (Anke Stedingk) ist ein Ausbund an beispielloser Ignoranz und Narzissmus. Trotzdem bringt sie als eine der wenigen eine gewisse Portion Authentizität mit an Bord. Gewandet in gewagte Fingernägel, Lederleggings und eine Liza-Minnelli-Perücke legt Anke Stedingk in einer für sie eher untypischen Rolle mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Sparsamkeit eine Mutter an den Tag, die keine sein möchte, das nie wollte und keinen Wert darauf legt, dies mehr als notdürftig zu kaschieren. Anna gibt zu, dass sie keine großen Gefühle für ihre eigene Teenager-Tochter Annette (Ambra Panz / Lilli Wrann) hegt, weil sie ihrem Vater Richard physiognomisch zu sehr ähnelt. Luise würde an diese Gedanken wohl erst gar keine Zeit verschwenden.

Fotocredit: Lex Karelly
Architektur der emotionalen Kälte
Das Bühnenbild unterstützt die nicht immer einfache, aber hier enorm gelungene Transformation einer Erzählung in ein Bühnenstück mit jedem Utensil. Die unglückliche Familie bewohnt eine großzügige Wohnung, die jedoch von ungemütlichen Bauscheinwerfern beleuchtet wird. Ein Sofa und Annas Schreibtisch machen fast die gesamte Einrichtung aus. Der elegant-feminin wirkende Tisch wird über das Stück hinweg mit Gegenständen beladen – hier werden Blumen, Bücher und Teetassen abgestellt, hier schreibt Anna an ihren Erinnerungen. Ein kleiner Ort der Menschlichkeit und Wärme in einem emotional sparsamen Environment, das einem die Kälte unter den Hosenbeinen entlang klettern lässt. Nahezu nahtlos wechseln sich Olivia Grigolli und Sarah Sophia Meyer in ihren Berichten ab. Das Spiel der ident gekleideten Schauspielerinnen, die eine Figur verkörpern, die an ihren Gefühlen zweifelt oder sie lakonisch eingesteht und daher die Einzige ist, der man welche zuspricht, ist so selbstverständlich und logisch, dass man sich nach einer gewissen Zeit fragt, wo denn die weiteren Egos der anderen Figuren abbleiben. Die Live-Kamera operiert ungewöhnlich sanft und sachte. Langsam rollen die gerahmten Leinwände von der Decke und fangen die Gesichter der Protagonist:innen gemalten Porträts ähnlich ein.

Sarah Sophia Meyer, Sebastian Schindegger (Fotocredit: Lex Karelly)
Zeitlose griechische Tragik
Marlene Haushofers Novelle Wir töten Stella ist in der Inszenierung am Schauspielhaus so offen für politische, feministische, soziale und zwischenmenschliche Interpretationen, dass es Tage brauchen kann, um damit durch zu sein. 1958 verfasst, kommt die Erzählung auf der Bühne wie eine antike Tragödie daher, verzichtet aber völlig auf Moral. Dennoch bleibt es eine fesselnde Story, die von Szene zu Szene angespannter wird, obwohl man um die fehlende Erlösung genau weiß. Man fühlt sich wie Wolfgangs antike Lieblingsfigur Kassandra, die Seherin, die um die Zukunft genau weiß, aber der keiner glaubt. Und das könnte die Message des Abends sein – wir alle sind ein wenig Kassandra. Wir sehen zu und wissen relativ genau, was passieren wird, aber wir glauben uns selbst und unseren Kräften nicht, und behalten die Hände lieber im Schoß.
Alles in allem ein packend inszeniertes Stück mit sensationellen schauspielerischen Leistungen in einer sinnvoll-sinnlichen Inszenierung, bei der die beklemmende Musik nur komplementäre Ergänzung zur Stimmung ist. Erneut ist es Intendantin Andrea Vilter, die hier auch als Dramaturgin selbst Hand angelegt hat, den Kanon in Richtung weiblicher, österreichischer Autorinnen zu erweitern. Empfehlenswert ist es allerdings, für alle Fälle nach dem Theaterbesuch eine Handvoll Ecstasy parat zu halten.

Sebastian Schindegger, Otiti Engelhardt (Fotocredit: Lex Karelly)
Wir töten Stella nach der Novelle von Marlen Haushofer in einer Theateradaption von Jakab Tarnóczi
Termine auf KUMA.at
Besetzung: Olivia Grigolli Sarah Sophia Meyer Otiti Engelhardt Sebastian Schindegger Anke Stedingk Thomas Kramer Danilo Dmytrenko Team: Regie: Jakab Tarnóczi Bühne: Eszter Kálmán Kostüme: Ilka Giliga Musik: Levente Bencsik, Máté Hunyadi Choreographie: Emese Cuhorka Dramaturgie: Andrea Vilter Licht: Viktor Fellegi