Über den Wert von Dingen und den Wert des Loslassens
Kritik: Testament, falsch-Theater
Text: Robert Goessl - 24.01.2026
Rubrik: Theater
Das Projekt der Schauspielerin Barbara Gassner und des TiB-Mitglieds und Regisseurs und Schauspielers Ed. Hauswirth war als Gastspiel im Theater im Bahnhof zu sehen. Angekündigt als „fiktive Albumpräsentation“ in Klang und Raum, beschäftigt sich die Inszenierung, musikalisch von KMET an Gitarre und Melodica und Gudrun Maier an der Tuba unterstützt, mit der Geschichte des Erbens eines Hauses, das die verstorbene Mutter von Barbara Gassner im Pinzgau als Pension geführt hat, und mit den damit verbundenen Erinnerungen, Verlusten und Verpflichtungen.
Es beginnt mit poetischen Momenten, mit Worten, die nicht mehr von jemandem gesagt werden, und Worten, die nicht mehr zu jemandem gesagt werden – persönlichen Worten, die zwischen Barbara Gassner und ihrer verstorbenen Mutter im Dialekt gewechselt wurden, die häufigen und gewohnten Worte und Floskeln, die seinerzeit nichts Besonderes waren, nun aber in der Erinnerung zu etwas Besonderen werden. Diese Worte werden zwar gesprochen, wirken fast wie gesungen, untermalt mit Klängen von KMET, der über die Saiten seiner E-Gitarre mit einem Geigenbogen streicht. Die Bühne selbst ist dabei nur ein leerer Raum, mit Gudrun Maier, mit Tuba links, in weißem Leder mit Schleier gekleidet, und KMET in einer Art schwarzen Kampfanzug samt E-Gitarre, beide mit erstem Blick. Barbara Gassner tritt in den leeren Raum und teilt ihn mit Klebestreifen am Boden in die Zimmer des Hauses ein, das im Hintergrund auf die Bühne auf den Glitzervorhang projiziert wird. Dabei wird auch kurz die Geschichte des Hauses in Bildern gezeigt.
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Die Dinge balancierend vor dem Haus (Fotocredit Apollonia Theresa Bitzan)
Was bleibt von einem mit Dingen vollgestopften Haus?
Barbara Gassner betritt die imaginären Räume des Hauses, das jetzt verkauft werden soll, vom Vorraum über das Badezimmer und anderen Zimmern bis hin zur Stube. Sie zählt die Dinge auf, die sie dort findet, und die wenigen, die sie dann auch mitnimmt, z. B. einen Lippenstift, eine Bibel, Hausschuhe, Töpfe, eine Brosche, Briefe und ein Kinderdirndl – teils alltägliche praktische Dinge, teils Dinge mit einem hohen Erinnerungswert – es ist eben nicht viel, das mitgenommen wird. Ein paar dieser Gegenstände werden filigran symbolisch auf der Bühne auf Holzlatten platziert, als ein Balanceakt der Präsentation. Es wird auch über sie erzählt, als ein Versuch, etwas aus der Vergangenheit festzumachen, Erinnerungen und Gefühle aus der eigenen Geschichte zu verankern, die nur für einen kurzen Moment festzumachen sind und im nächsten Moment schon wieder etwas anders wirken, als ob Dinge, die ihrer ursprünglich vertrauten Umgebung entrissen wurden, in ihrer neuen Umgebung anders vertraut wirken.
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Barbara Gassner mit Vogel (Fotocredit Apollonia Theresa Bitzan)
Die Last der Generationen im Dickicht der Erinnerungen
Es mischen sich zunehmend Geräusche und Klänge, die etwas verstören, von Tuba und Gitarre, und Gudrun Maier dringt verschleiert als Geist der Vergangenheit und Zukunft, vielleicht als weibliche Erblinie von den Vorfahren bis zu den Nachfahren, in die „Räume“ mit den platzierten Gegenständen ein. Sie taumelt durch diese Räume, stößt gegen die Gegenstände und wirft sie auch um – nicht wirklich gezielt. Es wirkt wie ein Schweben in einer Welt, in der sie keinen Halt findet. Im Hintergrund scheint sie KMET als eine Art Todesengel zu begleiten – man spürt damit die ganze Fragilität des Zustandes, auch wenn Barbara Gassner immer wieder die Gegenstände neu platziert, was sich mitunter als komplizierter Balanceakt erweist. Barbara Gassner durchbricht die Situation, indem sie von hinten durch den Glitzervorhang mit dem auf ihn projizierten Haus schreitet – sie lässt das Haus und die Dinge hinter sich.
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Barbara Gassner von Gudrun Maier umschleiert (Fotocredit Apollonia Theresa Bitzan)
Welchen „Wert“ hat Besitz, wenn er nicht mit Erinnerungen verknüpft ist?
Auch wenn der Verkauf des Hauses für sie und ihre vier Geschwister ausreichend Geld eingebracht hat – „so viel Geld, dass man damit etwas anfangen kann“ – wird dieses zur Nebensache. Es ist fast wichtiger, dass eine Familie aus dem Kosovo, ebenfalls mit fünf Kindern, eingezogen ist, die sich im Dorf gut zurechtfindet und die auch von der Dorfgemeinschaft aufgenommen wurde, auch wenn sie die kleinen Änderungen am Haus etwas skeptisch sieht – da kommt ein letztes Mal etwas Nostalgie auf. Nur steht die Frau nicht im Grundbuch, woher diese Information auch stammt, sie kommt mit der Stimme der Mutter: „Bei uns in der Familie haben die Frauen immer etwas besessen!“, fast als Vorwurf, mit der Verpflichtung, Besitz für die folgenden Generationen zu schaffen. Etwas Schuld schwingt dann am Ende schon mit: die Schuld, kein Haus zu besitzen oder auch dessen Besitz anzustreben, aber angesichts der vielen Dinge, die aus dem Besitz der Mutter einfach nicht mehr gebraucht wurden, liegt der Wert doch in den Erinnerungen, die an den wenigen Dingen in der neuen Umgebung in einem neuen Leben hängen.
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Gudrun Maier und Barbara Gassner (Fotocredit Apollonia Theresa Bitzan)
Ein unsentimentaler Abend, der in seiner nachdenklichen, aber überlegten Schlichtheit berührt
Ein unsentimentaler Abend, der in seiner nachdenklichen, aber überlegten Schlichtheit berührt
In den 70 Minuten der Aufführung stehen das filigrane Festhalten und das zarte Loslassen im Mittelpunkt – durch sanftes Erinnern mithilfe von Dingen, die von ihren Podesten fallen. Die von der Musik und den Musiker:innen immer wieder intonierte Unruhe steht im Gegensatz zu Barbara Gassners demonstrativer sachlicher Entspanntheit, auch wenn mit den Gedanken über Besitz und dessen Weitervererbung etwas Sorge und Unsicherheit aufkommt. Aber wenn sich das Haus der Kindheit in Erinnerungen und wenigen Dingen auflöst, wird sichtbar, wie wenig Wert Besitz eigentlich hat – es wird bloß etwas Sicherheit weitergeben, mit ein paar Spuren aus einem vergangenen Zuhause, die einen Platz im Neuen finden.
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KMET (Fotocredit Apollonia Theresa Bitzan)
„Testament“ von falsch-Theater als Gastspiel im Theater im Bahnhof
Inszenierung: Ed. Hauswirth
Darsteller:innen: Barbara Gassner, KMET, Gudrun Maier
Musik: KMET
Bühne, Ausstattung und Gewand: Georg Klüver-Pfandtner
Dramaturgie: Regula Schröter
Regiemitarbeit: Eva Buttenhauser
Eine Koproduktion von falsch-Theater und Theater am Werk
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Gudrun Maier inmitten der Dinge (Fotocredit Apollonia Theresa Bitzan)
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