Szenen-Puzzle als assoziativer Zeitvertreib im Theaterhaus Graz

Kritik: Rand, High Five Collective

Text: Robert Goessl - 16.01.2026

Rubrik: Theater
„Rand“ von Kiki Miru Miroslava Svolikova, von und mit Bea Benedek, Ninja Reichert, Nico Link, Mathias Lodd und Yvonne Beck im Theaterhaus

Nico Link, Mathias Lodd und Ninja Reichert bei der Tetris--Identifikation (Fotocredit Johanna Lamprecht)

Die drei Ex-Ensemble-Mitglieder des Grazer Schauspielhauses Ninja Reichert, Nico Link und Mathias Lodd begeben sich in dieser Inszenierung des 2021 mit dem Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie "Bestes Stück" ausgezeichneten Textes von Kiki Miru Miroslava Svolikova auf dystopisch-absurde Abwege, wobei die Regisseurin Bea Benedek das Werk im Theaterhaus noch einmal kräftig durchgeschüttelt hat.

Wenn man den Raum, oder vielmehr die Raumstation betritt, die rundherum und auch oben von weißen Lacken umhüllt ist, wird man sofort zu einem Teil der Inszenierung. Am Rand, nahe an den Lacken, nimmt man Platz rund um einen Tisch, auf dem sich ein Schachbrett, Bücher, kleine Figuren unter Glas und etliches anderes Zeug befindet, wobei man Letzteres gemeinhin als Klumpert bezeichnen könnte, als Erinnerungsstücke oder einfach nur das, was von der Vergangenheit übrig blieb. Insgesamt scheint es etwas unaufgeräumt in der Raumstation zu sein, was die drei namenlosen Protagonist:innen nicht weiter zu stören scheint. Man lungert herum, strickt oder liegt einfach nur da und lässt damit dem Publikum etwas Zeit, sich in die Situation hineinzuleben und sich im Zusammenleben mit den Dreien in dem etwas engen Raum zu arrangieren.
„Rand“ von Kiki Miru Miroslava Svolikova, von und mit Bea Benedek, Ninja Reichert, Nico Link, Mathias Lodd und Yvonne Beck im Theaterhaus

Nico LInk in der Raumstation (Fotocredit Johanna Lamprecht)

Am Rand des Endes zwischen Fantasie und Wirklichkeit

Es beginnt ein Schweben im Nirgendwo, mit Sinnsuche im alltäglichen Trott des einfachen Überlebens – eine ständige Beschäftigungstherapie zwischen Rollenspielen und ernsthaften Versuchen, einander möglichst wenig auf die Nerven zu gehen. Eingesperrt über einer unbewohnbaren Erde als die letzten ihrer Art, versorgt mit Pulver als täglicher Hauptmahlzeit, die zum Überleben reicht, fristet man zu dritt sein Dasein. Oder lebt da doch noch etwas da unten, das ohnehin mit aller Kraft versucht, zu ihnen Kontakt aufzunehmen? Bei den Gesprächen zwischen den Dreien wird nicht so klar, was nun Fantasie und Wirklichkeit ist, oder ob die Fantasie zur einzig verbliebenen Wirklichkeit geworden ist. So beschleicht einen manchmal das Gefühl, in einer dadaistischen Traumwelt gelandet zu sein, bei der man nie weiß, was als Nächstes folgt, und man genau deswegen die nächste Szene nicht erwarten kann.
„Rand“ von Kiki Miru Miroslava Svolikova, von und mit Bea Benedek, Ninja Reichert, Nico Link, Mathias Lodd und Yvonne Beck im Theaterhaus

Ninja Reichert (Fotocredit Johanna Lamprecht)

Die ineinander verhakten Tetris-Steine des Lebens wollen vom Rand zur Mitte

Was soll man sonst mit seiner Zeit anfangen, nachdem es nichts zu tun gibt, als sich mit etwas Schach, dem Lesen von „Anna Karenina“ und mit Tetris-Steinen als außerirdischen Lebensformen per Videoeinspielung zu beschäftigen? Oder sind diese doch auch nur Reflexionsflächen von den Dreien auf der Raumstation, die sich ineinander verhaken und ständig weg vom Rand in die Mitte wollen? Denn die menschlichen Steine in unterschiedlich farbigen Ganzkörperanzügen scheinen den Anwesenden doch verwandt zu sein, eignen sich aber auch hervorragend für soziologische Studien – vielleicht war man ja einmal in der Vergangenheit Wissenschaftler:in? Zumindest die Vorurteile gegenüber Frauen und deren Ignorieren in der Wissenschaft scheinen noch einwandfrei zu funktionieren – auch wenn sich die einzige Frau im Ensemble dagegen mit Tetris-Stein-Würfen zu wehren weiß. Und wenn die Tetris-Steine verschwinden, dann bleiben immerhin noch die Zuschauer als Studienobjekte, die man vermessen oder befragen und erforschen kann – um die Menschen hinter den statistischen Zahlen zu finden, wenn selbst Einhörner uninteressant sind und das einem Dasein als Selbstzweck gleicht.
„Rand“ von Kiki Miru Miroslava Svolikova, von und mit Bea Benedek, Ninja Reichert, Nico Link, Mathias Lodd und Yvonne Beck im Theaterhaus

Nico Link (Johanna Lamprecht)

Von Kakerlaken und der Rettung durch Terror

Der Rand taucht immer wieder als verbindendes Element auf, unter dem sich Kakerlaken flüchten, ebenso wie sich die oberen Zehntausend an den unteren Rand, in diesem Fall die Mehrheit, wenden, um ihm mitzuteilen, dass er ihnen egal ist. Und wenn nichts mehr zu helfen scheint, führen die Akteur:innen Interviews miteinander, in denen sie ihre Situation erzählen oder auch nur, wie sie sich diese vorstellen, und die sich am Ende in sinnlose Satzgebilde und Schweigen auflösen. Selbst wenn dann gegen die vermeintlichen Kakerlaken nur noch Gift in großen Dosen zu helfen scheint, lässt sich dieses nicht finden. Dass das Ganze nicht langweilig wird, dafür sorgt die rasche Abfolge der Szenen, die in ihrer Absurdität abgründigen und skurrilen Humor enthalten, bis hin zu Träumen, die sich die Protagonist:innen erzählen, dabei schwankend zwischen Rettungs- und Terror- und (Selbst-)Erschießungs-Fantasien. Aber keine Angst: Während der gesamten Inszenierung kommt kein Einhorn zu Schaden! Am Ende kehrt man nach bestandenen Abenteuern wieder zum Sticken, Schachspielen und Lesen zurück.
„Rand“ von Kiki Miru Miroslava Svolikova, von und mit Bea Benedek, Ninja Reichert, Nico Link, Mathias Lodd und Yvonne Beck im Theaterhaus

Mathias Lodd (Johanna Lamprecht)

Das Durchbrechen von Erwartungen als fantasievolles Spiel

Bea Benedeks Textfassung mit einigen Weglassungen und ein paar zusätzlichen Elementen setzt das Stück etwas anders zusammen, und mitsamt ihrer klugen Regie wird daraus ein bewusstes Spiel mit dem Unerwartbaren und damit mit den Erwartungshaltungen des Publikums, das ständig die Neugier auf das Folgende weckt. Zusätzlich macht das exzellent eingespielte Team Ninja Reichert, Nico Link und Mathias Lodd den Abend durch ihre natürlich-lebendige Darstellung zu einem abenteuerlichen Gedankenüberschuss-Experiment, in dem man sich durch das Bühnensetting als Teil des ganzen „Experiments“ fühlt. Das liegt auch daran, dass die Grenzen zwischen Publikum und Akteur:innen immer wieder aufgebrochen werden in einem Licht (Viktor Felegi), das die unterschiedlichsten Stimmungslagen der Figuren von bunt bis (monochrom-)schwarz-weiß ziemlich cool widerspiegelt. Und so stellt sich die Frage: Spielen hier drei Menschen, dass sie Theater spielen, oder spielen sie einfach nur Theater? Und spielen sie für oder mit dem Publikum? Aber was spielt das schon für eine Rolle – auf jeden Fall macht so das Eintauchen in das dystopische Setting einer Raumstation am Rande der Welt Spaß, wenn man Menschen 90 Minuten dabei zusieht, wie die Drei versuchen, etwas zu tun, wenn es nichts mehr zu tun gibt, wenn zwar alles perfekt fürs Überleben organisiert ist, aber kein Sinn mehr dahinterliegt. Könnte man so nicht auch die moderne Wohlstandsgesellschaft beschreiben?

„Rand“ von Kiki Miru Miroslava Svolikova, von und mit Bea Benedek, Ninja Reichert, Nico Link, Mathias Lodd und Yvonne Beck im Theaterhaus

Text: Kiki Miru Miroslava Svolikova in der bearbeiteten Fassung von Bea Benedek Darsteller:inen:: Nico Link, Mathias Lodd, Ninja Reichert Regie: Bea Benedek Bühnenbild und Kostüm: Yvonne Beck Licht und Ton: Viktor Felegi Termine: 20.01. (Di), 22.01. (Do), 28.01. (Mi), 29.01. (Do), 03.02. (Di), 05.02. (Do) jeweils 19:00 Kartenlink