Christine Teichmanns Antimoral-Stück im ARTist’s
Kritik: Nachbarn, Theater Kaendace
Text: Lydia Bißmann - 30.01.2026
Mit Nachbarn inszeniert Alexander Mitterer vom Theater Kaendace eine szenische Lesung, die die Grenzen des Genres stark ausdehnt. Christine Teichmann, die auch den Text verfasst hat, spielt hier gemeinsam mit Lena Pöltl, Alexander Kropsch und Michael Brantner Situationen zweier benachbarter Familien nach, die unter die Haut gehen. Eigene Vor(urteile) werden hier kräftig auf die Probe gestellt – Erlösung gibt es keine.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Das ist eine der kargen Erkenntnisse, die man sich aus der Performance Nachbarn mitnehmen kann. Ansonsten werden die eigenen Glaubenssätze ordentlich durchgeschüttelt und auf die Probe gestellt. Wer sich eine gemütliche Geschichte über nettes Zusammenleben im Mietshaus erwartet hat, wird enttäuscht – und das ist auch logisch. Christine Teichmann schreibt keine Kuschelstorys; bei ihr geht es immer um viel. Gekonnt spannt sie eine Brücke von häuslichen Beziehungen und Generationenkonflikten zu Corona und anderen globalen Krisen. Auch wenn (oder gerade weil) die Protagonist:innen aus dem ganz normalen Alltag kommen und der Anlass vielleicht nur ein verstopfter Abfluss ist.
Toxische Vorurteile und Blaumann
Alexander Kropsch vom Theater Quadrat, das sich sonst mit der Umsetzung literarischer Texte auf der Bühne beschäftigt, mimt in Nachbarn mit Erwin einen Ein-Personen-Unternehmer im Blaumann mit fragwürdigem Firmennamen. Anders als André (Michael Brantner), sein Nachbar, macht er sich die Hände schmutzig bei der Arbeit und hat trotzdem den Briefkasten voll unbezahlter Rechnungen. Seine Nachbarschaftshilfe ist nicht ganz freiwillig, trotzdem zieht er sie durch. Erwins Figur ist vielschichtig angelegt – man weiß nie so genau, was man von ihm halten soll, eigentlich könnte es ganz einfach sein. Konzentriert und lakonisch spielt Alexander Kropsch die Rolle des zunächst anzüglich daherkommenden Machos. Tatsächlich ist man im Laufe des Stücks mehr vor den eigenen dunklen Seiten abgestoßen als vor denen des grantigen Handwerkers. Außer einem schmierigen Firmennamen, seltsamen Geräuschen und dem mehrfach geäußerten Unwillen, sich selbst eine warme Mahlzeit zuzubereiten, kann man ihm eigentlich nichts anlasten. Eine verurteilenswerte Tat, die vor den Augen des Publikums ausgeführt wird, leistet sich der links-liberale Nachbar André. Und auch hier ist man sich nicht so sicher, ob seine Tochter Lisa (Lena Pöltl) die Ohrfeige nicht verdient hat. Michael Brantner kommt aus der Impro-Ecke und schafft es, mit unaufgeregtem Spiel und viel Mut, das Bild eines Mannes zu zeichnen, der zwischen stereotypen Rollenbildern und Moderne hin- und herpendelt. Sei es Zynismus, Faulheit oder Unwillen – er kann eben schlecht aus jener Haut, in die er hineinerzogen wurde.

Christine Teichmann und Alexander Kropsch stellen die Glaubenssätze in Nachbarn auch die Probe. (Fotocredit: Peter Wohlfahrt)
Ominöser Feminismus 4.0

Lena Pöltl als Lisa. (Fotocredit: Peter Wohlfahrt)
Nachbarn – eine szenische Lesung
Von Theater Kaendace
Mit Christine Teichmann (Text), Lena Pöltl, Michael Brantner (Musik) und Alexander Kropsch (Dramaturgie), Inszenierung: Alexander Mitterer

Michael Brandner als IT-Fachmann André. (Fotocredit: Peter Wohlfahrt)
