Der Alltagshorror hautnah als Erlebnis der ausufernden Art

Kritik: Minihorror, Schauspielhaus Graz

Text: Robert Goessl - 16.01.2026

Rubrik: Theater
„Minihorror“ nach Kurzgeschichten von Barbi Marković im Schauraum des Schauspielhauses Graz

Fotocredit Lex Karelly

Der Regisseur Branko Janack inszeniert im Schauraum des Grazer Schauspielhauses ausgewählte Kurzgeschichten aus Barbi Marković Buch „Minihorror“ mit starker Hinwendung zum Publikum, denn man sitzt entlang von fächerartig aufgestellten Tischen auf der Bühne und wird so zu einem Teil der Inszenierung frei nach dem Motto: mittendrin statt nur dabei.

Daher hat es also schon etwas von einem Abenteuer, wenn man sich für „Minihorror“ in den Schauraum begibt. Ohne Chronologie werden einzelne Geschichten aufgegriffen und von den fünf Darsteller:innen gespielt und erzählt. Dabei schlüpfen diese abwechselnd in die Rolle von Mini oder Miki oder in andere Protagonist:innen. Zwar sind Mini und Miki in den meisten Geschichten ein Paar, aber es wird auch von deren Kindheit berichtet oder auch von seltsamen Wandlungen nach deren Beziehungsende. Vom Kennenlernen an einer Bar, über Eigenheiten der beiden Familien bis hin zum Einkaufen oder Aufräumen ziehen sich die Themen.
„Minihorror“ nach Kurzgeschichten von Barbi Marković im Schauraum des Schauspielhauses Graz

Fotocredit Lex Karelly

Wenn der Alltag zur schaurigen Groteske wird

Keine Situation ist sicher, auch wenn sie alltäglich beginnt. Beim Familienbesuch von Minis Verwandten in Serbien wird sie lebendig begraben, während die Verwandten von Miki in Oberösterreich beim Keksebacken selbst aus Teig zu bestehen scheinen. Es ist stets das wunderbare Kippen von Gewöhnlichem ins Absurde, das eine Wahrheit hinter der Realität zu eröffnen scheint. Kleine Unsicherheiten weiten sich zu grotesken Situationen aus, die immer ganz harmlos beginnen, um dann langsam zu eskalieren, sodass sich das entstehende Chaos nur noch mit dem Beginn einer neuen Geschichte aufräumen lässt, auch wenn sich dadurch das Ensemble immer wieder auch als Putz- und Aufräumpersonal betätigen muss.
„Minihorror“ nach Kurzgeschichten von Barbi Marković im Schauraum des Schauspielhauses Graz

Fotocredit Lex Karelly

Das Ich als wandelbares und vielfältiges Wesen

Es scheint dabei auch keine Identität sicher oder einzigartig zu sein. Und so werden diffuse Ängste auf humorvolle Weise greifbar, wenn im Urlaub eine Kellnerin einfach Minis Rolle übernimmt, während sie selbst am Urlaubsort als Kellnerin zurückbleibt, oder in der Lugner City plötzlich viele Mikis auftauchen, die dem echten Miki das Leben schwer machen und ihn in der Öffentlichkeit blamieren. Es ist das Gefühl, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein, und in dieser zu erstarren, ohne etwas dagegen unternehmen zu können, das immer wieder in den Geschichten auftritt. Für Mini manifestiert sich dieses durch das Kitzelmonster, ein Fantasiewesen, das sie seit der Kindheit begleitet und immer dort erscheint, wo Menschen einander nicht helfen können oder wollen – so auch, als Mini eine Nacht im Sterbezimmer eines Krankenhauses zur Beobachtung verbringen musste, weil sonst nirgendwo ein Platz frei war. Auch im Spiel mit dem Publikum wird das Thema ausgekostet, wenn das Ensemble plötzlich einen Tisch okkupiert, um dort eine Melone zu entsaften – man sollte zur Erhöhung des Erlebniswertes an dem Tisch in der Mitte sitzen und zur absoluten Sicherheit gut waschbare Kleidung tragen, obwohl man dankenswerterweise mit Plastikplanen versorgt wird, um das Ärgste zu verhindern.
„Minihorror“ nach Kurzgeschichten von Barbi Marković im Schauraum des Schauspielhauses Graz

Fotocredit Lex Karelly

Eine rasante und turbulente Durchquerung des Unbewussten oder: „What’s between Fear and Sex?” – „Fünf!”

Die Ensemble-Mitglieder:innen Željko Marović, Luiza Monteiro und Anke Stedingk verstärkt durch die KUG-Absolvent:innen Amelie Steinweiß und Louie Krüger meistern diese rasante Tour de Force auf großartige Weise, und zeigen keine Scheu, gnadenlos auf das Publikum zuzugehen, die Sessel und Tische zu besetzen und so eine hautnahe Atmosphäre zu kreieren. Es passiert natürlich niemandem etwas, denn die fünf Schauspieler:innen passen immer auch liebevoll auf das Publikum auf. Über allem schwebt latent Rassismus, Engstirnigkeit und Egoismus im Alltäglichen, als wären deren Folgen immer nur einen kleinen albtraumhaften Moment entfernt. So auch, als bei den Proben, wie aus gut informierten Quellen zu erfahren war, bei einer entscheidenden Szene vergessen wurde, die Saftpresse mit dem Deckel zu verschließen. Obwohl das zu einem tollen und raumübergreifenden Effekt führte, der bis in die letzten Winkel des Schauraums seine Wirkung entfalten konnte, hat man sich dazu entschlossen, bei den Aufführungen darauf zu verzichten.
„Minihorror“ nach Kurzgeschichten von Barbi Marković im Schauraum des Schauspielhauses Graz

Fotocredit Lex Karelly

„Minihorror“ nach Kurzgeschichten von Barbi Marković im Schauraum des Schauspielhauses Graz

Darsteller:innen: Željko Marović, Luiza Monteiro, Anke Stedingk (Ensemble), Amelie Steinweiß, Louie Krüger (KUG-Absolvent:innen) Regie: Branko Janack Bühne: Branko Janack Kostüme: Laila Rosenbauer Sounddesign & Musik: Max Nübling Dramaturgie: Herbert Graf