Uraufführung für Jugendliche in Graz

Kritik: Kri, Stefan Wipplinger

Text: Sigrun Karre - 27.01.2026

Rubrik: Theater
Kritik: Kri, Stefan Wipplinger

Fotocredit: Lex Karelly

Stefan Wipplingers preisgekröntes Jugendstück „Kri“ zeigt, wie ein Dorf das Unbekannte zur Bedrohung macht – und wie aus Neugier in Sekunden Gerücht, Angst und Ausgrenzung werden.

Am 24. Jänner feierte „Kri“ im Grazer Next Liberty Premiere, Stefan Wipplingers Stück wurde 2025 mit dem Retzhofer Dramapreis für junges Publikum ausgezeichnet. Als Koproduktion von Next Liberty und TaO in Kooperation mit dem Landestheater Marburg entstand ein bemerkenswert stimmiges Gesamtpaket, das „Theater für junges Publikum“ entschieden ernst nimmt und überraschend direkt von uns erzählt.
Kritik: Kri, Stefan Wipplinger

Fotocredit: Lex Karelly

Gerüchteküche mit Taktgefühl

Hintertupfing, dieses gern belächelte Irgendwo, ist im Aufruhr, weil plötzlich jemand da ist, der nicht ins System passt. Regie führen Manfred Weissensteiner und David Valentek mit sicherem Gespür für das Wesentliche.

Milena Czernovskys und Caroline Haberls Ausstattung gibt dem Ganzen einen klaren, zugleich offenen Spielraum. Auf der Bühne ist das dann auch streng verteilt: rechts die dunkel gewandete Dorfgemeinschaft als achtköpfige Formation, die sich bei Bedarf zum Chor, zum kollektiven Atem verdichtet. Das dörfliche Kollektiv spielen: Michaela Czernovsky, Stefan Egger, Manuela Cortolezis, Dietmar Hirzberger, Markus Teufelberger, Balazs Illyes, Emma Glauninger und Martina Koller-Maier.

Felix Klengel liefert eine Musik, die nicht anbiedert, nicht „jugendlich“ auf cool getrimmt wird, sondern mit tradierten Melodien arbeitet, die sich als Erzählmotor entpuppen. Das ist eigenwillig und gerade deshalb klug, weil es keine Erwartungen bedient und die Aufmerksamkeit wachhält. Diese zeitlose Klangfolie löst den Abend aus dem Jetzt, als würde man einer Parabel lauschen, die schon lange in der Luft liegt.

Kritik: Kri, Stefan Wipplinger

Fotocredit: Lex Karelly

Kri & die Krähen

Links auf der Bühne: Kri. Ein Mädchen, in einem transparenten Würfel aus feuerroten Streben: sichtbar, beobachtet, aber nicht kleinzukriegen. Michaela Neuhold spielt diese Rolle unbekümmert und angenehm unaufgeregt, ohne große Show, dafür mit einer Ruhe, die alles um sie herum erst recht hörbar macht. Das Gerücht geht um: Jemand wohnt im Wartehäuschen der längst stillgelegten Bushaltestelle. Und ab da läuft das Dorfprogramm zuverlässig an: erst staunen, dann tuscheln, dann „nur mal kurz nachschauen“. Der Tenor: „Schau ma mal, dann werden wir schon sehen.“ Spoiler: Man sieht vor allem sich selbst – im Hässlichen wie im Hoffnungsfähigen.

Kri sagt kaum etwas über sich. Außer ihren Namen verrät sie nichts – und genau das macht sie zur Projektionsfläche. Wo Information fehlt, wächst Fantasie. Und Fantasie ist in einem Dorf selten harmlos. Sofort entstehen Diagnosen: andere Zeit, andere Galaxie, „Klapse“. Einer raunzt: „A Haltestell is zum Woatn do, net zum Wohnen.“ Nur: Wer wartet noch auf einen Bus, der dort schon lange nicht mehr fährt? Zwei Teenager wollen ihr „Rauchkammerl“ zurück, die üblichen Revierkämpfe. Kri bleibt gelassen, lässt sich weder vertreiben noch provozieren. Stattdessen klettert sie aufs Dach, näher zu den Sternen – und zu den Krähen, die von den Bewohner:innen für ein böses Omen gehalten werden. Kri redet mit ihnen. Damit ist sie endgültig verdächtig. Und weckt zugleich Neugier.

Kritik: Kri, Stefan Wipplinger

Fotocredit: Lex Karelly

Kleine Gegenbewegungen & Ausgrenzung mit System

Während das Wartehäuschen dank nicht immer ganz uneigennütziger Geschenke der Dorfbewohner:innen ganz real auf der Bühne wächst, wächst auch da die Uneinigkeit darüber, was mit diesem Mädchen zu tun ist. Selbst der Pfarrer schaut vorbei und erlebt das seltene Gefühl, mit Fragen konfrontiert zu sein, auf die seine Standardantworten nicht passen. Kri fragt so direkt, dass er den Rückzug antritt. Ein kleiner, feiner Moment der Entzauberung: Da merkt man, wie dünn die Decke aus Gewissheiten ist, wenn jemand nicht nach Drehbuch funktioniert.

Im Dorf hingegen wird die Unruhe größer – paradoxerweise gerade, weil Kri so wenig „macht“. Sie wartet, ohne zu erklären worauf. Und genau daraus wird ihr ein Strick gedreht: Plötzlich heißt es, sie sei „ein Keil“, der alle spaltet. Natürlich liegt das „Ausländer-Thema“ in der Luft, aber das Stück bleibt nicht dort stehen. Es geht allgemeiner um das Unbekannte, um Angst vor Kontrollverlust, um die Lust am Wir-gegen-sie, um das Bedürfnis, komplexe Gefühle in einfache Feindbilder zu gießen. Der Abend tut dabei etwas Seltenes: Er zeigt die Gemeinheit des Reflexes, aber er lässt auch die Tür offen für die andere Entscheidung. Und das wird erfreulich leichtfüßig erzählt: mit Witz und Musik und ohne lautstark „Botschaft!“ zu schreien.

Am Ende kippt es dann doch in Richtung Hoffnung: Die Dorfbewohner finden Herz, zeigen Courage und DER Benefiz-Ohrwurm schlechthin setzt dem Ganzen die Krone auf. Aber es ist eher ein Kontrapunkt zu dem, was davor so unangenehm genau sitzt: wie bequem Ausgrenzen sein kann. Manchmal reicht schon eine einzige Person, die still bleibt, wo alle schreien, damit klar wird, wer hier eigentlich den Lärm macht.

Kri macht aus einer stillgelegten Bushaltestelle einen Ort, an dem plötzlich alles sichtbar wird. Der Bus kommt nicht mehr, aber alles, was eine Gemeinschaft über sich verrät, fährt an diesem Abend ziemlich zuverlässig vor: das Dorf in uns.

Kritik: Kri, Stefan Wipplinger

Fotocredit: Lex Karelly

Kri, Next Liberty

Kri von Stefan Wipplinger / Sieger:innenstück Retzhofer Dramapreis 2025 in der Kategorie „Für junges Publikum“ / eine Koproduktion mit dem TaO! –Theater am Ortweinplatz

Regie: Manfred Weissensteiner
Co-Regie: David Valentek
Ausstattung: Milena Czernovsky, Caroline Haberl
Musikalische Leitung: Felix Klengel
Lightdesign: Lorenz Meiler
Dramaturgie: Dagmar Stehring

Mit: Manuela Cortolezis, Michaela Czernovsky, Stefan Egger, Emma Glauninger, Dietmar Hirzberger, Balazs Illyes, Martina Koller-Maier, Michaela Neuhold, Markus Teufelberger, David Valentek