Hoffnungsschimmer im Foyer der Verluste

Kritik: Grand Hotel Steirerhof, Schauspielhaus Graz

Text: Sigrun Karre - 19.01.2026

Rubrik: Theater
Kritik: Gran Hotel Steirerhof, Schauspielhaus Graz

Rudi Widerhofer, Mario Lopatta, Marielle Layher, Dominik Puhl (c)Lex Karelly

Premiere am 16. Jänner im Schauspielhaus Graz: Rebekka David & Ensemble machen Grand Hotel Steirerhof – Ein Abend für Verlierer* zu einem luftigen Gegenwarts-Check über Verlust – und öffnen dabei, ganz unaufdringlich, einen Möglichkeitsraum nach vorn.

Schon beim Einlass gerät man wie beiläufig in medias res, als hätte der Abend längst begonnen und man fiele einfach hinein. Und das passt durchaus zur zentralen Diagnose: Wir leben nicht im Prolog, sondern mittendrin – mit unseren Verlusten, Projektionen und der mal mehr oder weniger leisen Dauerangst, die Welt könnte jederzeit kippen. Rudi Widerhofer „gschaftlt“ noch bevor alle ihren Platz gefunden haben in bestem Altösterreichisch als Portier Herr Rudolf durch seine Loge, sein Spiel blinzelt frech ein wenig zu den Paraderollen jenes Volksschauspielers hinüber, den er in einer der kommenden Szenen als früheren Steirerhof-Gast erwähnen wird.

Wir sind im Jahr 1989, im Grand Hotel Steirerhof, das sich noch als erstes Haus der Steiermark versteht, als Adresse, an der sich die internationale Prominenz ein Stelldichein gab. Das Haus präsentiert sich als currygelbes Zeitfalten-Foyer, extra viel Stoff gibt’s hier. Und während Herr Rudolf gemeinsam mit Zeitzeugin Gerlinde Likowetz als Resi Anekdoten auspackt, beginnen im Publikum tatsächlich einzelne Erinnerungen zu knistern. Für einen Moment vermutet – zugegeben: befürchtet man –, das wird ein nostalgischer Abend mit launigen Schmähs über verflossene Zeiten.

Kritik: Grand Hotel Steirerhof, Schauspielhaus Graz

Ensemble (c)Lex Karelly

Sprache als Drift

Zum Glück: Rebekka David verfolgt eine entschieden andere Fährte. Die Regisseurin, die während der Intendanz von Andrea Vilter bereits zwei Produktionen (2023: Leonce und Lena - nowhere to run, 2025: Immer noch hier) inszeniert hat, interessiert sich weniger für den Grazer Zeitgeist anno dazumal als für den Versuch, aus der Rückschau auf ein reales Kapitel Stadtgeschichte ein gegenwärtiges Zeitgefühl freizulegen.

Dass dem Stück kein klassischer Theatertext zugrunde liegt, sondern gemeinsam mit dem Ensemble entwickeltes Material, wird schnell deutlich. Nicht jede Wortspielerei ist inhaltlich eine Offenbarung, doch die ungeglättete Wortkaskade entwickelt einen klanglichen Sog. In diesem sprachlichen Drift streifen einander Philosophie, Humor, Systemkritik und Verzweiflung, ohne sich aufzudrängen.

Kritik: Grand Hotel Steirerhof, Schauspielhaus Graz

Ensemble (c)Lex Karelly

Bühne spielt mit

Die Ausstattung trägt wesentlich dazu bei. Stephan Weber (Bühne) und Anna Maria Schories (Kostüme) verwandeln den Raum in eine Zeitkapsel aus Ocker und Patina, die ihren eigenen Betrieb kaum noch aufrechterhält. Die Schauspieler:innen erscheinen darin immer wieder selbst wie Teile des Interieurs: Ihre Köpfe verschwinden unter textilen Lampenschirmen, sie verschmelzen mit der Ornamentik des Polsterfauteuils, werden Requisite und Körper zugleich. Hier wird tatsächlich „Stoff“ verhandelt, als Material und als Metapher: für die Geschichten und Wunden, die sich im Lauf der Zeit in Menschen und Orte einschreiben, bis man sie wie Ballast mitschleppt. Umgekehrt bekommt das Bühnenbild selbst immer wieder eine präzise getimte und im wahrsten Sinne bewegende darstellende Rolle. Ins Spiel der Darsteller.innen fließen dabei immer wieder kleine Performance-Elemente ein, die die richtige Dosis Absurdität erzeugen. Man kennt so etwas sonst eher aus der Freien Szene. Dort begegnet einem dieser unbekümmert wirkende „Frisch von der Leber“-Charme, der Davids Arbeiten spürbar prägt und den sie hier erfreulich souverän auf die Bühne bringt – ein Esprit, der wie improvisiert wirkt, aber genau gearbeitet ist. Die Musik von Dominik Mayr muss hier gar nicht für zusätzliche Leichtigkeit oder Schwung sorgen; sie setzt nur punktuell feine akustische Markierungen. Dass die Musik sich so zurücknimmt, passt zur gesamten Inszenierung, die mit großer Sorgfalt und einer bemerkenswerten Balance gebaut ist.

Marie-Lou, gespielt von Marielle Layher, ist eine Chansonnière, die Layher gewohnt betont körperlich anlegt, mit einer Präsenz, die immer ein wenig größer wirkt als der Moment selbst und genau dadurch so gut funktioniert. Im Kontrast dazu steht der musikalische Höhepunkt des Abends: Layher singt „Voyage, Voyage“, schlicht und intim, ohne jede Begleitung, nur ihre Stimme im Raum. Ein Moment, der alles kurz anhalten lässt. Dass die Originalstimme des bekannten Chansons selbst nur einen Hit vorzuweisen hatte, macht diese Szene fast unverschämt tragikomisch. Als One-Hit-Wunder, das sich an einen Erfolg klammert, an den sich niemand mehr genau erinnern kann, verliert Marie-Lou mit dem Steirerhof auch ihre letzte Comeback-Fantasie.

Mario Lopatta zeigt als Versicherungsvertreter Marcel Moser ein leicht abgehalftertes Achtzigerjahre-Klischee: ein Mann, der mit Ängsten handelt und beruflich etwas verkauft, woran er selbst längst nicht mehr glaubt: Sicherheit. Seine Frau hat sich in Richtung „Scheiß St. Pölten“ abgesetzt, und wenn er bemerkt: „Mit dem Recht ist nicht immer zu rechnen“, hört man darin weniger Überzeugung als eine Routine, die längst kapituliert hat.

Kritik: Grand Hotel Steirerhof, Schauspielhaus Graz

Rudi Widerhofer, Marielle Layher, Dominik Puhl, Mario Lopatta (c)Lex Karelly

Wodka statt Würstel

Dominik Puhl gestaltet den Piccolo Paul als bezaubernd-entzauberten jungen Hotel-Angestellten, der auf einem Retro-Hometrainer einen Selbstoptimierungs-Monolog abstrampelt, der schon beim Zuschauen außer Atem geraten lässt. Je verbissener er behauptet, alles werde „besser und besser“, desto sichtbarer geht ihm die Luft aus. In dieser Erschöpfung fällt das Fortschrittsversprechen in sich zusammen: als das Werbemärchen, das es immer schon war.

Hervor sticht Anna Klimovitskaya mit einer erst fahrigen, dann vom Schock so entschleunigten Ausstrahlung, dass man sie am liebsten in die Arme nehmen will. Sie verkörpert einen gestressten Last-Minute-Hotelgast, zugleich gescheiterte CD-ROM-Unternehmerin, mit enormer Präsenz. Was ihr fehlt: die Trauer. Die Investoren glauben nicht an ihre Idee, und ihren verstorbenen Vater hat sie, wie sie sagt, „eigentlich schon zu Lebzeiten verloren“. Dass ausgerechnet ihre Investoren die CD-ROM für chancenlos halten – ein Produkt, das seinen realen Aufstieg und Fall heute schon hinter sich hat –, ist einer jener Schmunzelmomente dieses Abends.

Zwischen den Figuren entwickelt sich eine merkwürdige Gemeinschaft, in der jeder jeden gegen seinen Willen tröstet, als könnte man im Scheitern des anderen kurz eigenen Halt finden. Immer wieder huschen kleine, fast kabaretthafte Stiche durchs Stück: „Echte Verlierer werden nicht geliebt – Verliererinnen schon gar nicht.“ Oder: „Vorwärts führt manchmal auch nach rückwärts.“ Viel expliziter muss es gar nicht werden; der Abend hält die Dinge gern leicht und niederschwellig und trotzdem hellwach. Die Würsteln sind leider aus, dafür gibt’s den Wodka doppelt. Dazwischen streut Portier Rudolf seine trockenen Kommentare ein. „Es geht immer um die Tiefgarage“, bemerkt er. Ein harmlos wirkender Satz, der sich als scharfkantige Systemkommentar entpuppt. Und so geht das weiter.

 

Kritik: Grand Hotel Steirerhof, Schauspielhaus Graz

Ensemble (c)Lex Karelly

Provisorische Utopie

Der Abend wagt sich an Gefühle heran, die sich gern entziehen: Trauer, die nicht kommt, und dieses diffuse „irgendwas stimmt doch nicht“. Dass „Grand Hotel Steirerhof“ keine fertige Geschichte erzählt, gehört zum Konzept: Die Figuren sprechen selbst von der Sehnsucht nach einer Erzählung, in der Verlust einmal zu etwas gut ist – und davon, dass sie sie nicht finden. Daraus entsteht eine provisorische, aber tröstliche Bühnenutopie. So blickt dieser warmherzige, systemkritische und witzige, zugleich niederschwellige Abend von der Gegenwart zurück auf eine Vergangenheit, die erstaunlich viel über heute erzählt und gerade dadurch einen vorsichtigen Blick nach vorn ermöglicht. Die Einsicht, dass Fortschritt nicht automatisch Fortschritt bedeutet, ist nicht neu, wirkt hier aber überraschend luftig. Während sich die Bühne im Spiel selbst abbaut, bleibt ein leiser Gedanke hängen: Zukunftsangst mag berechtigt sein, hilft aber nicht weiter. Für diesen Abend jedenfalls sorgt der Steirerhof dafür, dass man „einfach nur da sein“ kann.

Grand Hotel Steirerhof: ein Abend für Verlierer*
von Rebekka David und Ensemble

Darsteller:innen: Anna Klimovitskaya, Marielle Layher, Gerlinde Likowetz, Mario Lopatta, Dominik Puhl, Rudi Widerhofer.

Regie: Rebekka David
Bühne: Stephan Weber
Kostüme: Anna Maria Schories
Musik: Dominik Mayr
Licht: Thomas Bernhardt
Dramaturgie: Male Günther.