Ein Porträt einer Künstlerin als junge Frau und Flüchtling
Kritik: Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus, Mateja Meded
Text: Robert Goessl - 06.01.2026
Rubrik: Theater
Das erste Gastspiel im neuen Gold & Pechtheater stammt aus Wien und wurde am 14.06.2024 erstmals im Rahmen der Wiener Festwochen im Kosmos Theater aufgeführt. Der Monolog mit dem provokanten Titel, der unter anderem darauf zurückgeht, dass Frauen in argentinischen Foltergefängnissen von ihnen geschriebene Gedichte auf eingerollten Zetteln in ihrer Vagina versteckten, erzählt eine Lebensgeschichte und ist eine Abrechnung zugleich.
Geboren in Zagreb, flüchtete sie mit ihrer Familie 1992 nach Deutschland, als Fünfjährige ohne Papiere, versteckt im Auto zwischen den Beinen ihrer Großmutter unter dem Rücksitz – das Auto gefühlt als UFO bei der mühsamen Reise in ein fremdes Land mit den kindlichen Erfahrungen der männlichen Gewalt im jugoslawischen Bürgerkrieg und mit einer Handgranate als symbolischem Relikt aus dieser Zeit und einem patriarchalen Vater zwischen Volksheld und Gangster, bei dem Gewalt an der Tagesordnung war.

Mateja Meded (Fotocredit Nurith Wagner-Strauss)
Splitter eines Flüchtlingslebens unter der gläsernen Decke
Doch so linear läuft die Erzählung nicht ab. Auf der fast leeren Bühne, auf der es nur zeitweise Projektionen im Hintergrund von Personen aus ihrer jüngeren Vergangenheit gibt, und auf der sonst nur ein Laufband steht, auf das sich die Akteurin immer wieder begibt, erfährt man von einem Leben, oder einem möglichen Leben, zwischen Flüchtlingsheim, Studium und der Suche nach Anschluss und Akzeptanz. Sie trägt dabei einen lasziven Bodysuit, in dem sie sich als Frau präsentiert. Die an der Hand hängende Fernbedienung für das Laufband wirkt dabei wie ein Preisschild, das Laufband selbst wie ein Objekt, auf dem man sich zwar bewegt, aber nicht vorankommt. So wird das Ganze zu einer Selbstdarstellung mit dem Versuch eines selbstbestimmten Lebens als Künstlerin in einer Welt, in der die beiden Tatsachen, Flüchtling und Frau zu sein, immer wieder gläserne Decken offenbaren.

Mateja Meded (Fotocredit Nurith Wagner-Strauss)
Gefangen in den Erwartungen anderer
Es entsteht ein Spiel mit und gegen das Publikum, hoffnungsvoll und mutig, aber auch verzweifelt und wütend, mit einer glaubhaften und nachfühlbaren Darstellung. Aus Vergangenheit und Gegenwart ergibt sich eine Geschichte eines Kampfes, beginnend damit, dass ihre Mutter sie bei schlechten Noten geschlagen hat, aus Angst, ihre Tochter müsste, ebenso wie sie, trotz akademischem Abschluss für die Deutschen putzen, bis hin zur wohlwollenden Aufnahme in die künstlerischen Kreise, die sich dort auch mit ihren Gefühlen und ihrer Benachteiligung als Flüchtlingskind beschäftigen wollen. Da ist einerseits die Erwartung an sie von ihrer Familie, die etwas bei der Flucht riskiert hat, aber auch die mehr oder weniger unauffälligen Erwartungen an sie, die sie als „Flüchtling“ in ihren neuen Kreisen zu erfüllen hat. Doch ohne reiche Eltern oder entsprechende Verbindungen kann es dann schon einmal passieren, dass man zum interessanten Objekt wird, welches gut künstlerisch verarbeitet werden kann.

Mateja Meded (Fotocredit Nurith Wagner-Strauss)
Die gelebte Verlogenheit einer pseudo-aktivistischen Gesellschaft
Denn zwischen Selbsthass, Wut und der Suche nach Zugehörigkeit in ihrem neuen Heimatland wird sie zwar mit gutem Willen, aber auch mit der wirtschaftlichen Realität konfrontiert. Der selbstverständlich verständnisvolle Umgang der Bobos in der Großstadt mit ihr hat seine Grenzen, wenn es darum geht, erfolgreich zu sein. Immerhin kann sie froh sein, dass auf diese Weise ihre Geschichte der Öffentlichkeit zuteilwird, sodass sich dann jeder anhand ihrer Fluchterfahrungen mit ihr und ihresgleichen das eigene Gewissen schonend solidarisieren kann. In ihrem intensiven, ausdrucksstarken Spiel entlarvt sie die Normalität des Egoismus in einem auf Erfolg ausgelegten kapitalistischen System, das im Zweifelsfall keine gelebte Solidarität, sondern bestenfalls ein paar Krümel Gnaden halber bereithält.

Mateja Meded (Fotocredit Nurith Wagner-Strauss)
Der Wert des Geldes und des Erfolgs überwiegt
Sie wird zu einer Bereicherung, an der sich andere bereichern können, sowohl emotional als auch durch die schamlose Verwendung ihrer Geschichte am Bankkonto: eine Inspiration als verwertbares Opfer, das nur in der Rolle des „Flüchtlings“ wahrgenommen wird und nicht als echter Mensch, der ohne finanziellen Hintergrund immer an der Kippe leben muss - auch weil die Gentrifizierung in ihrem Wohnviertel voranschreitet, nicht zuletzt durch altes Geld – von eindeutiger, nicht einmal zweifelhafter Herkunft von Nazi-Großeltern. So vordergründig endet es aber nicht, auch weil am Schluss die Rolle der Frauen als natürliche Opfer im Krieg in einen historischen Kontext gesetzt wird. So stellt sich die Frage: Ist das System, an das wir uns so sehr gewöhnt haben, schuld an unserem Verhalten, weil es sich so selbstverständlich anfühlt, dass man, sobald sich die Chance ergibt, zu einer wohlmeinenden Täterin oder zu einem wohlmeinenden Täter wird – vielleicht auch mit ein klein wenig Bedauern oder sogar mit dem Gefühl, ohnehin etwas Gutes getan zu haben?
„Das Problem unserer Gesellschaft ist nicht Passivität, sondern Pseudo-Aktivismus.“

Mateja Meded (Fotocredit Nurith Wagner-Strauss)
Der Zynismus einer wohlmeinenden Mehrheitsgesellschaft auf den Punkt gebracht
In fünfundsiebzig atemlosen Minuten zeigt das ehemalige Ensemblemitglied des Maxim-Gorki-Theaters die unbequeme Wahrheit einer solidarischen Scheinwelt, geprägt von emotionalem und materiellem Eigennutz, der sich als geschlechtsabhängig zeigt. Am Laufband des täglichen Überlebenskampfes als Objekt empfunden zu werden und dagegen ankämpfend, stellt Mateja Meded in dieser kraftvollen Selbstbehauptung den Zynismus in einer auf Erfolg getrimmten Gesellschaft zur Schau, der gerne verdrängt wird. Auch wenn dieser Spiegel fürs Publikum unangenehm ehrlich wirkt, ist diese berührend bitterböse Inszenierung mit diesem großartigen Text vorbehaltlos sehenswert, auch weil in der dem Theater nahen Stadt Gleisdorf die Plakate für das Stück heruntergerissen bzw. nicht aufgehängt werden durften.

Mateja Meded (Fotocredit Nurith Wagner-Strauss)
„Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus“ von Mateja Meded im Gold & Pechtheater
Text, Konzept, Regie, Performance: Mateja Meded
Voiceover: Mika Amsterdam, Anna Laner
Dramaturgie:: Anna Laner
Termin:: 07.01. (Mi) 19:30
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Mateja Meded (Fotocredit Nurith Wagner-Strauss)
