Zwischen Recht und virtueller Realität bei Digithalia im Schauspielhaus

Kritik: Be Arielle F., Simon Senn

Text: Karoline Pilich - 30.03.2026

Rubrik: Theater
Simon Senn in Be Arielle F.

Der Schweizer Künstler Simon Senn bedient sich in seiner Performance unterschiedlicher Techniken. (Fotocredit: Mathilda Olmi)

Am 28. März erzählte der Schweizer Künstler Simon Senn im Rahmen von Digithalia – das Festival für virtuelle Theaterformen in einer Lecture Performance im Schauspielhaus von seinen Erlebnissen im Körper einer digitalen Reproduktion von Arielle F., einer real existierenden Person.

Simon Senn steht alleine auf der Bühne, auf der nichts weiter als zwei Leinwände und ein Tisch mit technischen Geräten zu sehen sind, und schildert jene Erfahrungen, die er in der virtuellen Version der Britin Arielle machte, während diese an einer Universität in England studierte.
Simon Senn und Arielle F.

Simon Senn und die Britin Arielle F. (Fotocredit: Elisa Larvego)

70 Pfund und kein Vertrag

Im Vordergrund der Lecture Performance stehen technische und digitale Geräte, Applikationen, Apps sowie das Internet in all seinen Facetten. Zwischen KI-Deepfakes, 3D-Animationen und Snapchat-Dysmorphie tut sich außerdem die Frage auf, wer im Netz welches Recht hat, in Bezug auf den Einsatz von Körpern und Gesichtern. Dieser Frage ging Simon nach, indem er nach England reiste, um herauszufinden, ob das, was er getan hatte, richtig war. Arielle F. ließ für 70 Pfund und ohne Vertrag einen 3D-Scan von sich selbst anfertigen, den Simon Senn um 12 Dollar legal und mit den Rechten, diesen zu benutzen, erhielt. Er zeigt dem Publikum Ausschnitte aus Interviews, die er mit Arielle führte. In diesen erklärt sie ihre Standpunkte und gibt Gründe für den digitalen Scan.
Simon Senn in Arielles Körper

Simon Senn während seiner Performance in Arielles Körper (Fotocredit: Mathilda Olmi)

Switch zwischen Geschlechtern

So spannend und tagesaktuell die Thematik, mit der sich der Künstler auseinandersetzt, auch ist, lässt sich doch der Gedanke an die Skurrilität des Unterfangens nicht ganz verdrängen. In seiner Performance führt Simon Senn Sensoren vor, die er sich an Füße, Hände und die Hüfte anlegt, und eine VR-Brille, eine Virtual-Reality-Brille, die er sich aufsetzt. Diese Ausstattung erlaubt es ihm, in Arielles Körper durch die Welt zu spazieren, zu tanzen und Kunststücke zu machen. „Ich war überrascht, wie passend sich ein weiblicher Körper für mich anfühlte“, erklärt er. Außerdem spricht er von einer Leichtigkeit, die er unmittelbar verspürte, als er „in ihrem Körper“ war und den Problemen, die sich in weiterer Folge daraus ergaben. So fiel es ihm nach einiger Zeit in seiner Recherchephase schwer, in den eigenen Körper zurückzukehren. „Ich war verloren in der Leere zwischen zwei Körpern“.
Simon Senn ruft Arielle F. an

FaceTime-Anruf mit Arielle F. (Fotocredit: Mathilda Olmi)

Virtuelles (Weiter)Leben nach dem Tod

Die Frage „Warum lässt man eine virtuelle Version von sich anfertigen?“ wird eher nebensächlich behandelt, Arielle F. sieht den Scan jedoch als Möglichkeit, nach ihrem Tod weiterhin präsent auf der Erde zu sein. „Ich wäre noch lebendig. Aber digital.“ Vielmehr beschäftigt sich der Künstler mit dem, was theoretisch jede Person um 12 Dollar mit Arielles digitaler Reproduktion machen kann. Er verknüpft seine Erlebnisse mit der aktuellen Problematik rund um KI-Deepfakes, die oft in Verbindung mit Missbrauch und Pornografie stehen. Ein FaceTime-Anruf mit Arielle F. während der Performance lockert das Publikum etwas auf und zeigt eine fröhliche Person, deren virtuelles Ich zuvor auf der Leinwand akrobatische Kunststücke vorzeigte. Als Arielle dem Schweizer abschließend die Frage stellt, was seine Familie von der Sache hält, antwortet er zufrieden, dass diese immer hinter ihm steht und die Auseinandersetzung mit dem digitalen Körper gut für die Beziehung zwischen seinen Töchtern und ihm war.

Be Arielle F. | Lecture-Performance

Von: Simon Senn Produktion: Elizabeth Gay, Elyse Blanquet Konzeption & Regie: Simon Senn Mit: Simon Senn, Arielle F. und einem virtuellen Körper Produktion: Compagnie Simon Senn Eine Koproduktion mit: Théâtre Vidy-Lausanne Le Grütli, Centre de production et de diffusion des Arts vivants Théâtre du Loup Unterstützt durch: Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Ernst Göhner Stiftung, Migros Kulturprozent, Porosus, Loterie Romand