„Möglichkeiten sichtbar machen“

Interview: Dagmar Stehring, Chef-Dramaturgin Next Liberty

Text: Sigrun Karre - 28.01.2026

Rubrik: Theater
Dagmar Stehring,

Dagmar Stehring, Fotocredit: Stella

Dagmar Stehring spricht über Theater für Jugendliche im Next Liberty, den Umgang mit Klassikern und warum Theater keine Antworten liefern, sondern Denkräume öffnen sollte.

Beim Next Liberty steht in dieser Spielzeit die Jugendschiene stark im Fokus. Eine der Wiederaufnahmen in dieser Saison ist Faust, eine Inszenierung, die bereits über hundert Mal gespielt wurde. Warum funktioniert gerade dieser Stoff für ein junges Publikum, obwohl Faust nicht unbedingt als jugendnah gilt?

Unsere Aufgabe ist es, Stoffe für ein junges Publikum zugänglich zu machen, also für Menschen, die wenig oder noch gar keine Theatererfahrung haben. Bei Faust ist der Zugriff entscheidend. Die Inszenierung von Nikolaus Habjan verbindet Schauspiel und Figurentheater und arbeitet mit einer Strichfassung, die einen kurzen, konzentrierten Abend ermöglicht und dennoch die zentralen Aussagen enthält. Der Stoff selbst ist nicht per se jugendlich. Faust ist ein Mann im fortgeschrittenen Alter, der an seinem Leben zweifelt. In der Inszenierung steht Mephisto als Fädenzieher im Zentrum, der sich die menschlichen Schwächen, das ständige Streben nach Mehr, zunutze macht und zeigt, wie gefährlich dieses Verhalten ist, etwa für das Gretchen, das in diese Dynamik involviert wird. Diese Themen betreffen Jugendliche sehr wohl.

Eine weitere Erfolgsproduktion ist „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“ nach Jane Austen: historischer Stoff, patriarchale Gesellschaft – was interessiert Jugendliche daran heute?

Jane Austen wäre dieses Jahr 250 Jahre alt geworden, ihre Werke sind nicht nur literarische Klassiker, sondern quasi Teil der Popkultur, was u. a. an ihren starken und aufgeklärten Protagonistinnen liegt: Sie handeln selbstbestimmt und reflektiert, ohne frei von Fehlern zu sein. Sie setzen sich für das ein, woran sie glauben. Das sind Themen, an die man auch heute gut anknüpfen kann, das gilt für Jugendliche ebenso wie für Erwachsene. Unsere Bearbeitung spannt einen Bogen zwischen historischem Kontext und Gegenwart, wobei ein gewitzter Perspektivwechsel aktuelle Bezüge und einen Blick von außen ermöglicht: Erzählt wird die Geschichte von fünf Dienstmädchen, die alle in den Romanen vorkommen, aber natürlich dort nicht weiter beachtet werden. Bei uns kommen sie ans Mikro – und können endlich mit den gesellschaftlichen Zwängen und (patriarchalen) Strukturen abrechnen. Und das macht echt Spaß. Die Inszenierung hatte bereits in der letzten Spielzeit Premiere, pausiert jetzt und kommt im Jänner 2027 aufgrund der großen Nachfrage wieder auf den Spielplan.
Next Liberty

Faust, Fotocredit: Stella

Wiederaufnahmen haben im Jugendtheater oft auch eine programmatische Dimension. Was gibt den Ausschlag, inhaltliche Dringlichkeit oder die Nachfrage des Publikums?

Im besten Fall beides. Bei Stolz und Vorurteil war die Nachfrage war groß bei Jugendlichen wie bei Erwachsenen groß. Es hat sich herumgesprochen, dass diese Inszenierung sehr unterhaltsam ist UND zugleich etwas Relevantes erzählt. Wenn das Publikum und die Beteiligten mehr davon wollen, wäre es schade, die Produktion nach einer Spielzeit nicht weiterzuführen.

Wie weit darf oder muss man klassische Stoffe verändern, um sie für Jugendliche zeitgemäß zu machen?

Das hängt stark vom Stoff ab. Faust bleibt textlich beim Original, wird aber gekürzt und neu arrangiert. Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch, das im Jänner Premiere hatte, darf aus urheberrechtlichen Gründen kaum verändert werden. Der Text ist jedoch von sich aus hochaktuell. Stolz und Vorurteil ist eine Neubearbeitung mit Fremdtexten. Entscheidend ist der inszenatorische Zugriff auf Basis der Frage: Was ist heute (für junge Menschen) relevant und interessant? Klassiker nur weiterzuspielen, reicht nicht. Unser Anspruch ist es ja auch, möglichst positive Theatererlebnisse zu schaffen, damit junge Menschen wiederkommen.
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Biedermann und die Brandstifter, Fotocredit: Lex Karelly

Warum ist Biedermann und die Brandstifter jetzt so relevant?

Weil es an vielen Stellen brennt. Das betrifft gesellschaftliche Entwicklungen ebenso wie politische. Das Stück stellt Fragen, die uns aktuell stark beschäftigen: Wo schauen wir weg? Wo handeln wir nicht, obwohl wir es könnten – und sollten?

In dem Stück gibt es keine eindeutige Identifikationsfigur. Ist das auch für ein junges Publikum produktiv?

Das ist im Text selbst angelegt. Biedermann ist die Hauptfigur, aber nicht automatisch die Identifikationsfigur. Man kann Sympathien für die Brandstifter entwickeln, weil sie klug und witzig agieren. Das bricht moralische Eindeutigkeiten auf. Man fragt sich, warum man diesen Figuren folgt und ob man das nachvollziehen darf. Genau diese Ambivalenz ist produktiv.

Gerade Stücke für Jugendliche thematisieren immer wieder Leistungsdruck oder Machtmissbrauch, etwa Der Schüler Gerber. Warum treffen diese Themen Jugendliche so stark?

Leistungsdruck ist nicht weniger geworden, im Gegenteil. Beim Schüler Gerber geht es vor allem um Machtmissbrauch. Im Zentrum steht eine Lehrerfigur, die ihre Position ausnutzt. Jugendliche erleben Ohnmacht gegenüber Erwachsenen und Systemen sehr real. Das schafft starke Anknüpfungspunkte.

Sie haben Beteiligung angesprochen. Wie stark fließen Rückmeldungen von Kindern und Jugendlichen tatsächlich direkt in Ihre Produktionen ein?

Sehr konkret. Einerseits über unsere theaterpädagogische Arbeit, etwa bei Probenbesuchen oder Gesprächen mit Schulklassen. Dort bekommen wir oft direktes Feedback. Andererseits arbeiten wir bei bestimmten Produktionen dokumentarisch. Beim Tanztheaterstück Challenge, einer Koproduktion mit dem Mezzanin Theater zum Thema Social Media, hat die Regisseurin mit über vierzig Kindern und Jugendlichen Interviews geführt. Deren Stimmen bilden die Grundlage des Stücks. Wichtig ist dabei, nicht so zu tun, als wüssten Erwachsene besser, wie sich was für Jugendliche anfühlt.
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Kri, Fotocredit: Lex Karelly

Auch in der Arbeit mit neuen Texten setzt sich dieser Zugang fort, etwa in der Kooperation mit uniT und dem Retzhofer Dramapreis. Welche Bedeutung hat diese Zusammenarbeit für das Next Liberty?

Diese Kooperation ist uns sehr wichtig, weil sie Textentwicklung als längerfristigen Prozess versteht. Beim Retzhofer Dramapreis, einer Kombination aus Wettbewerb und Workshop, begleiten wir Autorinnen und Autoren bei der Entstehung neuer Stücke für Kinder und Jugendliche. Ein konkretes Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist steht heuer am Spielplan. Mit KRI von Stefan Wipplinger, dem Sieger:innenstück des Retzhofer Dramapreises 2025 in der Kategorie für junges Publikum, feierte Ende Jänner eine Uraufführung für ein Publikum ab zwölf Jahren Premiere. Die Produktion entstand in Koproduktion mit dem TaO! – Theater am Ortweinplatz. Bei diesem Durchgang haben wir erstmals Young Experts eingebunden: Jugendliche waren von Anfang an in den Schreibprozess involviert und haben Texte gelesen sowie Feedback gegeben. Schließlich sind sie die Expertinnen und Experten für ihre eigene Lebensrealität. Diese Perspektive ist zentral.

Theaterbesuche hängen stark von den Schulen ab. Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Hürden?

An strukturellen Faktoren. Zeit und Organisation spielen eine große Rolle. Ein Theaterbesuch nimmt einen ganzen Vormittag ein und viele Schulen haben andere Prioritäten oder nicht genug Personal.

Wie bewusst ist Haltung Teil Ihres Spielplans? Wie halten Sie die Balance zwischen Offenheit und gesellschaftlicher Positionierung?

Wir erreichen mit unseren Produktionen jede Saison rund 45 000 Menschen – diese Verantwortung ist uns bewusst und entsprechend bewusst wählen wir auch die Stücke, Inhalte und Formulierungen aus. Natürlich wollen wir Haltung zeigen, aber gleichzeitig ist es uns wichtig, keine eindeutigen Antworten vorzugeben. Figuren hadern, wechseln Perspektiven und treffen Entscheidungen, die sich nicht klar auflösen lassen. So entsteht kein Urteil, sondern ein Denkraum. Theater darf nicht moralisierend werden. Es soll nicht belehren. Unsere Aufgabe ist es nicht, (einfache) Lösungen zu liefern, sondern Möglichkeiten sichtbar zu machen. Wie man leben kann oder wie man anderen begegnen kann. Die Antworten darauf müssen die Zuschauerinnen und Zuschauer selbst finden.

Gibt es einen Wunsch für die Zukunft des Next Liberty?

Mein Wunsch ist, Offenheit zu bewahren und Heterogenität zu gewährleisten. Theater soll ein Ort bleiben, an dem Fragen gestellt werden dürfen, ohne sie sofort zu beantworten. Junge Menschen sollen dort unterschiedliche Formen und Perspektiven erleben und merken, dass es nicht nur ein „Richtig“ gibt. Theater kann Orientierung geben, aber keine Wahrheiten vorgeben. Genau darin liegt für mich seine Stärke.

Dagmar Stehring war bereits während des Germanistik- und Kunstgeschichte-Studiums an zahlreichen freien Theater- und Kulturprojekten beteiligt. Nach einer mehrjährigen Assistenz am Schauspielhaus Graz leitet sie seit 2010 den Bereich Dramaturgie im Next Liberty Jugendtheater. Im Rahmen dessen hat sie rund 65 Produktionen (darunter zahlreiche Uraufführungen und Stückentwicklungen) im Sprech- und Musiktheaterbereich betreut (u. a. in Kooperation mit der Oper Graz, dem Theater am Ortweinplatz, der Kunstuniversität Graz, Theater Ansicht). Darüber hinaus war sie für Text, Dramaturgie, Konzeption und szenische Einrichtung div. Theater- und Hörspiel-Projekte verantwortlich (u. a. mit dem Verein Kleines Büro, Verein Sektor B, Verein uniT und dem Dramatiker*innenfestival Graz, der Grazer Märchenbahn und der Neuen Hofkapelle Graz). Weiters war Dagmar Stehring in div. Beiräten und Jurys tätig (u. a. 2012-2025 im Fachbeirat für Kinder und Jugendkultur der Stadt Graz, seit 2024 im Fachbeirat für Darstellende Kunst beim Land Steiermark und seit 2021 in der Auswahljury des Retzhofer Dramapreis im Bereich “Für junges Publikum” und absolvierte 2018-2020 den Universitätslehrgang für „Mediation & Konfliktregelung“ über die ARGE Bildungsmanagement.