Kritik: Biedermann und die Brandstifter, Next Liberty

Schaurig-schöner Klassiker in Farbe

Text: Lydia Bißmann - 17.01.2026

Rubrik: Theater
Kritik: Biedermann und die Brandstifter, Next Liberty

V.l.n.r.: Martin Niederbrunner, Lisa Rothhardt, Christoph Steiner und Christina Kiesler. (Fotocredit: Lex Karelly)

Einen ganz speziellen Klassiker findet sich diese Saison auf dem Spielplan des Next Liberty: Mit Max Frischs Biedermann und die Brandstifter zeigt man zeitlose Kritik an den Kardinaltugenden des Kleinbürgertums. Mira Stadler verbindet in der Inszenierung, die am 16. Jänner ihre Premiere vor vollem Haus feierte, jugendgerechte Verpackung mit bestechender Ästhetik.

Der Schweizer Autor und Moralist Max Frisch hat mit Biedermann und die Brandstifter ein Werk erschaffen, in dem jedes Wort sitzt und in dem es dennoch um genau das geht, was nicht gesagt wird. Kaum ein anderes Stück präsentiert die hohe Kunst des Framings, des Gaslighings und der manifestierten Mutlosigkeit so deutlich wie dieses. Egal, wie oft man es schon gesehen hat: Immer wieder regt sich eine lose Hoffnung, dass irgendjemand von den Beteiligten doch einen Funken Vernunft findet und die Handlung durch einen beherzten Schritt vor der programmierten Katastrophe rettet. Das geschieht natürlich nicht, und das schreckliche Ende ist an den Gesichtsmasken samt flackernden Flammen im allerersten Bild schon abzulesen.
Kritik: Biedermann und die Brandstifter, Next Liberty

Biedermann und die Brandstifter unter der Regie von Mira Stadler im Next Liberty. (Fotocredit: Lex Karelly)

Mutlosigkeit vor Primärfarben und Chrom

Ausweglosigkeit vor Primärfarben und Chrom
Gottlieb Biedermann (Helmut Pucher) im türkisgrünen Satinanzug hat sich gut in seiner Lebenslüge eingefunden. Er vertreibt mit kaufmännischem Geschick Haarwasser, an dessen Wirkung er selbst nicht glaubt. Seine eigene Glatze ist geschickt mit einem Toupet abgedeckt, und auch sein restliches Leben kaschiert er mit Ausflüchten, Aus- und Schönreden und einer Vorliebe für schickes, kostbares Interieur. Seine Frau Babette, herrlich dargestellt von Christina Kiesler, tritt in komplett verrücktem Knallgelb auf und ist – trotz kurzer Anfälle von geistiger Klarheit – schlicht überfordert mit Denkarbeit. Für das Brandstifter-Duo ist es ein Kinderspiel, den Keller des Hauses mit zuckrigen Sentimentalitäten und passiver moralischer Erpressung zu squaten und darin nahezu ungestört den Vorbereitungen für einen flächendeckenden Großbrand nachzugehen. Christoph Steiner mimt den schleimig-sentimentalen Ringer Schmitz mit diabolischem Blick und süßlicher Stimme. Sein Kollege Eisenring (Martin Niederbrunner) tritt in der roten Lederhose als Elvis-Verschnitt auf und vereint in seiner Figur gekonnt eloquente Bauernschläue mit gelebter Grausamkeit. Allein die arbeitenden Protagonistinnen, das Dienstmädchen Anna (Lisa Rothhardt) und die Feuerwehrhauptfrau (Simone Leski), trauen dem Geschehen nicht, verfügen aber nicht über die Befähigung, einzugreifen, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Die Verzweiflung, die die Hausangestellte angesichts der drohenden Gefahr verspürt, drückt sich wunderbar in der distanziert gespielten Mimik von Lisa Rothhardt aus. Gekleidet in einen ausgestellten Mantel, der aus einem Grazer Stadtplan geschneidert wurde, steht sie im Stück für alle, die eigentlich eine klare Ansage formulieren könnten, denen aber niemand zuhört. Doppelt tragisch ist die Figur der Feuer-Expertin, deren Warnungen schlicht ignoriert oder heruntergespielt werden, obwohl alle dieselbe Angst vor dem Feuer in sich tragen.

Kritik: Biedermann und die Brandstifter, Next Liberty

Christoph Steiner, Martin Niederbrunner. (Fotocredit: Lex Karelly)

Perfekte Inszenierung vor menschlichem Unvermögen

Das Bühnenbild (Mignon Ritter) arbeitet mit starken Farbkontrasten und Design-Klassikern, fast zu schön und geschmackvoll für die kleinbürgerliche (Un-)Welt der Biedermanns. Ein überdimensionaler Stadtplan von Graz hinter dem Fenster der Unternehmer-Villa rückt das Geschehen in die Gegenwart und unterstreicht, dass das Handeln einiger weniger immer sehr viele betreffen kann. Die fast fröhlich wirkenden roten Benzinkanister scheinen sich durch geschicktes Arrangement fast von selbst zu vermehren. Nikolaj Efendis Musik begleitet das unsägliche Vorspiel zur Katastrophe eindrücklich und zielgerichtet bedrohlich und dehnt damit die Rolle der Untermalung sehr erfreulich aus. Das Team des Next Liberty hat mit der Inszenierung des Klassikers eine barrierefreie, gut rezipierbare Version des diffizilen Mahnstücks geliefert. Ein wenig mehr Stille und kleine Pausen im Spiel hätten trotzdem nicht geschadet, um dem Text etwas mehr Resonanz zu geben.

Kritik: Biedermann und die Brandstifter, Next Liberty

Christoph Steiner, Helmut Pucher. (Fotocredit: Lex Karelly)

Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch

Empfohlen ab der 8. Schulstufe.

Next Liberty

Termine bis zum 9. Juni auf KUMA.at

Team:

Inszenierung: Mira Stadler
Ausstattung: Mignon Ritter
Musik: Nikolaj Efendi
Videoprojektion: Alexander Scherpink
Lightdesign: Viktor Fellegi
Dramaturgie: Iris Harter
Regieassistenz: Johanna Ortner
Gottlieb Biedermann: Helmut Pucher
Babette Biedermann: Christina Kiesler
Anna: Lisa Rothhardt
Schmitz: Christoph Steiner
Eisenring: Martin Niederbrunner
Feuerwehrfrau: Simone Leski