„Es ist nicht nett, wenn in dieser Familie ein Bastard den anderen Bastard einen Bastard nennt.“

Künstlich intelligentes Stück, Theater im Keller

Text: Robert Goessl - 06.03.2026

Rubrik: Theater
„Künstlich intelligentes Stück“  von Evald Flisar im Theater im Keller

Die traute Familie (Emilie Haidacher, Bernd Sračnik, Karl Michael Spiess, Hermann Tödtling, Petra Pauritsch, Leo Weingerl) (Fotocredit: TiK)

„Künstlich intelligentes Stück“ ist das vorerst letzte dramatische Werk des slowenischen Autors Evald Flisar, dessen Stücke weltweit aufgeführt werden. Das Theater im Keller hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle seine Stücke zu inszenieren, und hat das bis auf zwei, die noch zur Aufführung anstehen, bereits fast geschafft.

Das Stück hat die üblichen Zutaten eines Flisar-Texts: eine Familie am Abgrund in einer dystopischen Welt mit einem existenzialistisch-philosophischen Hintergrund. In diesem Fall flüchtet eine Familie aus Angst vor der KI-technisierten Welt in die Abgeschiedenheit auf das Land – und trifft dabei auf sich selbst. Man gibt sich schon irgendwie tolerant, aber jeder lebt an den anderen vorbei für sich selbst in seinem gewohnten Alltag ohne unnötiges Miteinander. Die Ausstattung auf der Bühne wirkt dabei ebenso abgewohnt und heruntergekommen wie die Familie selbst, vollgestopft mit den Gewändern ihrer versäumten Möglichkeiten.
„Künstlich intelligentes Stück“  von Evald Flisar im Theater im Keller

Der Vater (Bernd Sračnik) schreckt kurz auf (Fotocredit TiK)

Eine Familie auf dem Rückzug – und das auch voreinander

Es ist eine skurrile Figurenwelt, die da gezeigt wird: Der Vater (Bernd Sračnik) hält den Laden zusammen und wird als Autorität mehr oder weniger von allen akzeptiert. Er liest jeden Tag die gleiche Zeitung und schreitet nur ein, wenn es ihm wirklich notwendig erscheint – ein Patriarch, der im Endeffekt die meiste Zeit mit Nichtstun verbringt. Die Mutter Ana (Tamara Belic) macht brav, wenn auch mit etwas Widerwillen, ihren Job als Hausfrau und versucht sich mit Joggen jung zu halten. Während ihr desillusionierter Bruder Vinko (Karl Michael Spiess) auf Ausgleich bedacht ist, zeigt sich ihr anderer frustrierter Bruder Vladimir (Alfred Haidacher) mit angeblicher Partisanenvergangenheit aggressiv und paranoid – immer wieder fuchtelt er gerne mit seiner Waffe herum.
„Künstlich intelligentes Stück“  von Evald Flisar im Theater im Keller

Valdimir (Alfred Haidacher) in seinem Element (Fotocredit TiK)

Eine Welt zwischen Marquis de Sade und Jesus und noch viel mehr Gleichgültigkeit

In dieser Welt ist dann noch die bigotte Mara (Petra Pauritsch), die auf ihrer Suche nach Zuneigung sich als dilettantische Malerin versucht, mit ihrer Tochter Elisabeth (Emilie Haidacher), die aus einem Fehltritt hervorging, den sie weder sich selbst noch ihr verzeiht. Beide sind einander in tiefem Hass verbunden, wobei sich der ebenfalls nach Zuneigung und Aufmerksamkeit in dieser Inselfamilie sehnende Teenager zwischen Marquis de Sade und Jesus schwankt – doch was soll man machen, wenn alle noch so bösartigen Fantasien von allen anderen bestenfalls ignoriert werden und jedes Gespräch mit der Mutter in gegenseitigen Beschimpfungen endet? Über all dem scheint Peter (Leo Weingerl) zu stehen, Philosoph und Zyniker, beides mit nihilistischen Tendenzen. Er vertreibt sich die Zeit mit der Beobachtung von Sternen, wenn nicht gerade die anderen herabschauend über die Leere und die Austauschbarkeit von allem belehrt.
„Künstlich intelligentes Stück“  von Evald Flisar im Theater im Keller

Valdimir (Alfred Haidacher) mit Elisabeth (Emilie Haidacher) (Fotocredit TiK)

Ein Beobachter lässt alle anderen sichtbar werden

In diese Welt tritt Schwejk (Hermann Tödtling), der Halbruder von Mutter Ana, naiv, herzensgut und hilfsbereit – wobei es da ein Ereignis aus der Vergangenheit mit ihm in diese Familie zu schweben scheint. Anfangs ist es für ihn schwer, vom Rest akzeptiert zu werden, und so löst er allerlei Konflikte aus, wie ein Katalysator, dessen Anwesenheit allein schon reicht, um Reaktionen hervorzurufen. Auch versucht er zu ergründen, was es mit einem mystischen Gerät im Schuppen auf sich hat, über das niemand sprechen will. E scheint ein ebenso merkwürdiges Konstrukt zu sein wie die Familie, und gibt unvermittelt mehrmals pro Tag Geräusche in ohrenbetäubender Lautstärke von sich, irgendwo zwischen klassischer Musik und Hilfeschreien. Es scheint etwas zu sein, vor dem die Familie Angst hat und diese Angst damit bekämpfen möchte, indem sie das Gerät und dessen Lärm so gut wie möglich ignoriert. Ist es ein Stück von der Welt, vor dem man flüchten wollte, oder aber nur die Summe aller verdrängten Gefühlswelten einer Familie, die einander nichts mehr zu sagen hat?
„Künstlich intelligentes Stück“ von Evald Flisar im Theater im Keller

Der liebvolle und hilfsbereite Schwejk (Hermann Tödtling) (Fotocredit TiK)

Auch wenn man aus der Welt flüchtet, bleibt man die Person, die man ist

In dieser souveränen Inszenierung von ⁣Alfred Haidacher, die ebenso souverän vom Ensemble gespielt wird, sticht wunderbar trotzig Emilie Haidacher als Tochter hervor. Das selbst Stück wirkt, als hätte Boris Vian Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ mit etwas größerer Besetzung und einer dysfunktionalen Familie in ein absurdes Theaterstück verwandelt. Und so überrascht es nicht, dass am Ende eine vorhersehbare Katastrophe steht, die alle etwas ratlos zurücklässt – es sind eben immer die Menschen, die einander das Leben zur Hölle machen.

„Künstlich intelligentes Stück“ von Evald Flisar im Theater im Keller

Darsteller:innen: Tamara Belic, Emilie Haidacher, Petra Pauritsch, Alfred Haidacher, Karl Michael Spiess, Bernd Sračnik, Hermann Tödtling, Leo Weingerl Kostüme: Eva Weutz Assistenzen: Leo Weingerl Technik: Ilias Mouaddib, Maude Maure Regie und Bühne: Alfred Haidacher Termine: 11.03. (Mi), 12.03. (Do), 13.03. (Fr), 14.03. (Sa), 18.03. (Mi), 19.03. (Do), 20.03. (Fr), 21.03. (Sa) jeweils 20:00 22.03. (So) um 17:00 Kartenreservierung