Soziale Härte – weichgezeichnet
Kritik: Wozzeck, Alban Berg, Oper Graz
Text: Martin Exner - 16.02.2026
Alban Bergs Wozzeck – zur Gänze im weststeirischen Trahütten entstanden und auch mit vielen (volkstümlichen) musikalischen Elementen der Region ausgestattet, gilt zu Recht als zentrales und vielleicht bedeutendstes musiktheatralisches Werk des 20. Jahrhunderts. Das liegt einerseits an der anscheinend zeitlosen Gültigkeit der Handlung, zuvorderst aber an der exzeptionellen Musik Alban Bergs.
Die 15 durchkonzipierten Szenen, auskomponiert in freier Tonalität, ziehen die Zuhörer:innen seit jeher in ihren Bann, wenngleich die Aufführung des Werkes diffizil und mit einigen Herausforderungen versehen ist. Musikalisch gelingt diese Ausführung bei der jüngst erfolgten Premiere am Grazer Opernhaus in herausragender Qualität. Dirigent Vassilis Christopoulos hat nicht nur Orchestergraben und Bühne im Griff, Bergs Musik liegt ihm hörbar. Ihm gelingt es, ein enorm breites Ausdrucksspektrum aus dem Orchestergraben zu senden, von grotesker Schärfe bis zu geheimnisvollem Flirren, geprägt von einer ungemeinen Bandbreite an dynamischen Phrasierungen und bisweilen heftigen Ausbrüchen, ohne jemals die Sängerinnen und Sänger zu gefährden. Das Grazer Philharmonische Orchester folgt ihm in vollem Vertrauen, was hier aus dem Orchestergraben tönt, hat schlicht Weltniveau.

Matthias Koziorowski, Annette Dasch. (Fotocredit: Herwig Prammer)
Sängerische Meisterleistungen
Auch die sängerische Besetzung hat Klasse und lässt keine Wünsche übrig: Daniel Schmutzhard gibt den Protagonisten musikalisch präzise, kann sein breites stimmliches Spektrum voll auskosten und beeindruckt mit sängerischer wie darstellerischer Intensität. Um nichts nach steht ihm Annette Dasch, die der Marie (regiebedingt) szenisch wenig Profil, aber stimmlich starke und Großteils sehr wortdeutliche Präsenz gibt. Matthias Koziorowski reizt seinen kräftigen, niemals scharfen Tenor für den Tambourmajor aus, Thomas Ebenstein glänzt als Hauptmann, Daeho Kim beeindruckt in der Rolle des Doktors. Auch die kleineren Rollen (wie Wilfried Zelinka und Will Frost als Handwerksburschen oder Ted Black als Andres) sind hervorragend besetzt, besondere Erwähnung müssen Neira Muhić als Margret und Martin Fournier mit einem kurzen, aber intensiven Auftritt als Narr finden. Simeon Ephraem Schnutt gehört als Mariens Knabe das Ende der Oper.
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Daniel Schmutzhard, Ted Black, Chor, Grazer Philharmoniker. (Fotocredit: Herwig Prammer)
Schräge Inszenierung mit Hieronymus Bosch Optik
So viel Gehalt, so viel Kontur die musikalische Umsetzung in der Grazer Oper anbietet, sosehr verweigert sich der als „Regiestar“ angekündigte Evgeny Titov jeglichen Realitätsbezuges und aller sozialer Aspekte des Werkes, das wie erwähnt, auch heute noch brandaktuell sein könnte: Er verwandelt das Werk in ein 15-teiliges Passionsspiel, das Leiden des Wozzeck, zitiert hie und da die sieben Todsünden und in manchen Momenten Hieronymus Bosch. Auf die sich oft drehende Bühne stellt Gideon Davey einen mächtigen, mit Gestrüpp bewachsenen Erdwall mit Höhlen, Sebastian Alphons Licht erzeugt meist düstere, manchmal mystische Stimmungen. Die Kostüme von Klaus Bruns sind – mit Ausnahme jenes des Wozzeck – realitätsfern und eigenwillig. Das alles ergibt teils beeindruckende Bilder, die jedoch der Musik nicht gerecht werden, diese manchmal sogar konterkarieren. Gerade die musikalisch intensivsten Szenen wie das Wiegenlied der Marie oder die Verklärung Wozzecks lassen einen unberührt zurück, und so bleibt ein mehr als zwiespältiger Eindruck von dieser Aufführung. Dass zum Schluss doch noch die Gesellschaft bemüht wird – der Wozzeck und die Marie der nächsten Generation sind schon da – passt dann auch nicht wirklich.
Wozzeck in der Grazer Oper: auf höchstem musikalischen Niveau, aber leider szenisch weichgezeichnet.

Daniel Schmutzhard, Statisterie Oper Graz. (Fotocredit: Herwig Prammer)
Alban Berg: Wozzeck, Oper in drei Akten (15 Szenen) (1925)
Besetzung: Bühne: Gideon Davey Kostüme: Klaus Bruns Licht: Sebastian Alphons Dramaturgie: Katharina John Chor: Johannes Köhler Singschul': Andrea Fournier Wozzeck: Daniel Schmutzhard Marie: Annette Dasch Tambourmajor: Matthias Koziorowski Andres: Ted Black Hauptmann: Thomas Ebenstein Doktor: Daeho Kim 1. Handwerksbursch: Wilfried Zelinka 2. Handwerksbursch: Will Frost Der Narr: Martin Fournier Margret: Neira Muhić
