Vergangenheit zum Leben erweckt
Kritik: „Von der Liebe …“, Theaterzentrum Deutschlandsberg im Volkskundemuseum
Text: Robert Goessl - 19.11.2025
Rubrik: Theater
Bereits zum dritten Mal bespielt das Theaterzentrum Deutschlandsberg ein Museum. Nach zweimal im „Museum für Geschichte“ wechselt man nun ins Volkskundemuseum. Wir treffen hier wieder auf das Ehepaar Margarete und Johann (Ninja Reichert und Gerd Wilfing), die die Führung durch die Dauerausstellung „Welten, Wandel, Perspektiven“ mit Szenen aus verschiedenen Zeiten begleiten und so ein Einfühlen in das harte und entbehrungsreiche Leben der sogenannten normalen Menschen in der Vergangenheit ermöglichen. Nicht zuletzt deswegen steht das Ganze auch unter dem Motto „Von der Liebe oder dem, was man dafür halten könnte“.
Nach einem kurzen Abriss über die Geschichte des Gebäudes geht es in die Rauchstube des Museums, die, ursprünglich aus Oberrohrbach auf der Pack stammend, seit 1914 Teil des Volkskundemuseums ist und von den Räumen her den ältesten Teil verkörpert. Es wird das Leben einer einfachen Bauernfamilie mit sieben Kindern gezeigt, wobei das nächste bereits unterwegs ist. Die harte Sprache spiegelt das harte Leben wider – man hat keine Zeit für Romantik im harten Alltag –, obwohl Johann seiner Margarete zur Liebesanbahnung ein Mangelbrett (zum Wäscheglätten) mit selbst geschnitzten Verzierungen geschenkt hat, was ihr schon ein wenig Freude bereitet hat. Doch hat in dieser Zeit der Mann letztendlich das Sagen, die Frau Margarete fügt sich. Das zeigt sich, wenn er die Kinder bereits im Alter zwischen acht und zehn Jahren außer Haus gibt, denn der einzige warme Platz ist über der Feuerstelle und dort haben nur sieben Kinder Platz. Also mussten sie zu Bauern in der Umgebung oder wurden Handwerkern übergeben, wobei die Mädchen dann auch bald verheiratet wurden und Vergewaltigung am Land an der Tagesordnung war, ohne gerichtlich verfolgt zu werden. Die Szene macht die eindringliche Härte des Lebens und das Fügen und den Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann spürbar. Auch die Enge wird in der kleinen Stube fühlbar. Den extremen Rauch, der diese seinerzeit ständig erfüllt hat, kann man sich in diesem dunklen Ambiente gut vorstellen.

Gerd Wilfing und Ninja Reichert als Johann und Margarete (Fotocredit: Theaterzentrum Deutschlandsberg)
Die "Gute Stube" als privater und der Kirchgang als öffentlicher Lebensmittelpunkt
Die nächste Szene entführt in die Neuzeit, in der bereits die Küche und die „Gute Stube“ getrennt sind, sodass es zumindest einen nicht zu Gänze verrauchten Raum gibt. Margarete hat eine Geburt seit einer Woche hinter sich, und Johann beschwert sich bei ihr, dass ihre Aussteuertruhe verschlossen ist. Diese Truhen sind zu der Zeit der einzige wirkliche Besitz der Frauen, meist mit Textilien zum lebenslangen Ausbessern der Kleider befüllt und wenigen persönlichen Kleinigkeiten. Auch nimmt er keine Rücksicht auf den Zustand seiner Frau und möchte das nächste Kind machen. Dabei wird auch der Aberglaube besprochen, dem Frauen bezüglich der Menstruation ausgesetzt waren, vom bösen verfluchten Blick bis zum Rosten von Eisen bei Berührung. Danach geht es in die St. Antonius-Kirche und wir befinden uns in der Zeit der Gegenreformation, die in der Steiermark besonders gewalttätig durch Erzherzog Ferdinand II. vor sich ging. Nach einer kurzen Einführung in die historischen Fakten erleben wir Margarete und Johann beim Kirchgang im lockeren Gespräch auf der Kirchenbank. Das ist für Margarete und Johann einer der wenigen Momente, in denen man den Hof daheim verlässt und dabei auch ins Gespräch mit anderen kommt, um die letzten Neuigkeiten auszutauschen. Es steht auch eine Taufe an, und daher soll der Pfarrer auf den Hof schauen, der dazu natürlich von Margarete herausgeputzt werden soll. Doch da sie auch andere Verpflichtungen auf dem Hof hat, muss etwas widerwillig auch Johann im Haus mitanpacken – alles eine Frage der Arbeitsteilung. Und besonders wichtig dabei ist es, mit Kräutern für einen angenehmen Duft in der "Guten Stube" für den Pfarrer zu sorgen – es ist heute unvorstellbar, wie sehr es seinerzeit gestunken haben muss.

Gerd Wilfing und Ninja Reichert als Johann und Margarete (Fotocredit: Theaterzentrum Deutschlandsberg)
Ein Kartenspiel im Garten
Zum Abschluss geht es in den Innenhof des Volkskundemuseums. Wir schreiben das Jahr 1815 – kurz nach den napoleonischen Kriegen und kurz vor dem „Jahr ohne Sommer“ 1816. Margarete und Johann sitzen auf einer Bank und haben Zeit, sich etwas zu entspannen. Sie haben einen Brief von einer ihrer Töchter bekommen, einen sehr kurzen – es ist durchaus wahrscheinlich, dass sie zu dieser Zeit lesen und schreiben konnten, da Maria Theresia 1774 die Schulpflicht eingeführt hat. Während Johann etwas ausführlicher ebenfalls per Brief antworten möchte, und auch so etwas wie Heimweh dabei erwähnen möchte, meint Margarete, dass die Tochter eine neue Heimat hat und keine Zeit für solche Sentimentalität haben wird. So wird auch der Antwortbrief sehr kurz … Margarete schaffte es, Johann zu überreden, doch nicht ins Wirtshaus zu gehen, da das Geld wieder einmal knapp ist, sondern mit ihr daheim Karten zu spielen. Immerhin kann er daheim auch kein Geld oder gar den Hof verspielen, was seinerzeit doch immer wieder vorkam.
Ein Eintauchen in die Vergangenheit ohne romantische Verklärung
In einem wunderbaren Ende sucht der Kulturvermittler Christoph Kugler das Zwiegespräch mit den Figuren, berichtet ihnen von der düsteren Zukunft des folgenden Jahres, aber reißt auch die vierte Wand und die Zeit auf, indem er den beiden einfachen Menschen aus der Vergangenheit mitteilt, dass sie in Zukunft einmal im Mittelpunkt des Interesses stehen werden, eben bei dieser ungefähr 60-minütigen Führung. Zum Schluss bekommen wir und die beiden Figuren das Mangelbrett zu sehen, ein Originalstück aus der Sammlung des Museums. Auch wenn die Szenen erfunden sind, orientieren sie sich an den Quellen der jeweiligen Zeit und könnten sich so ähnlich zugetragen haben. Sie schaffen damit einen wunderbaren Mehrwert für die Führung und machen diese zu einem besonderen Erlebnis, wobei das ehrliche und schnörkellose Spiel von Ninja Reichert und Gert Wilfing das Eintauchen in die Vergangenheit ohne romantische Verklärungen ermöglicht, sondern ein Leben zeigt, das neben patriarchalen Strukturen, Aberglauben, Arbeit und Armut nur wenige Freuden zu bieten hatte.
„Von der Liebe …“ vom Theaterzentrum Deutschlandsberg im Volkskundemuseum
Von und mit: Ninja Reichert und Gerd Wilfing
Termine: 07.12.2024 (So), 01.02.2025 (So) jeweils 16:30
Anmeldung vor Ort, unter 0316/8017-9810 oder volkskunde@museum-joanneum.at
