“Du bist nicht tolerant, nur weil du Milch verträgst”

Kritik: V.O.L.T. – Poesie mit Strom

Text: Lydia Bißmann - 05.09.2022

Rubrik: Literatur

Ganzkörperlyrik von Anna-Lena Obermoser. (Credit: fb)

V.O.L.T. (V. Da Wastl, O. Obermoser, L. Lederwasch, T. Tomić) ist ein Akronym, das auf den ersten Blick nicht ganz einleuchtet. Und auch sonst ist einiges ein wenig anders bei der neuen Veranstaltungsreihe der 1. Grazer Lesebühne im Postgarage Café. Die erste Ausgabe gab es schon im Mai mit Stargast David “Dave” Scheid. Zur zweiten Runde am 1. September reiste Sigrid Horn, Gewinnerin des FM4 Protestsongcontests im Rabenhoftheater 2019, an.

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David "Dave" Scheid war der erste "Stargast" bei V.O.L.T. (Credit: Antonia Mayer/Felix Knoche)

Ein Boden als Bühne

Gelesen wird eher selten, die Texte haben die Autor*innen meist im Kopf. Die Bühne im Postgarage-Café ist auch nur ein Boden, von dem die Gastro-Tische weggeschoben worden sind. Dafür befinden sich Künstler*innen und Publikum auf einer Ebene, was Nähe und Intimität herstellt. Das ist nicht unwesentlich, denn bei V.O.L.T. kann es schon einmal etwas tiefer ins emotional Eingemachte gehen. Besonders dann, wenn Anna-Lena Obermoser die Bühne betritt. Den Mikrofonständer räumt sie gleich auf die Seite, damit er nicht umfällt bei ihren ganzkörperlich performten Auftritten. Sie ist unverstärkt sowieso lauter. Anna-Lena Obermoser holt mit starkem Salzburger Slang die pragmatisch-blumige 70er-Jahre Lyrik in die Gegenwart. Ihre rhythmisch wundervoll gestrickten Texte sind wild und sanft, rotzfrech und düster, gefühlvoll und unverblümt zugleich. Sie lassen Luft zum Atmen und auch Raum für kluge und geschliffene Kommentare auf das Geschehen im Raum, wenn etwa ein Zuhörer plötzlich lautstark von der Bank plumpst.

Österreichische Melange in Turnschuhen

Es ist die Verspieltheit und Unbekümmertheit der Protagonist*innen, ihre Begeisterung, die der Lesung mit Benefits ihren Charme verleiht. Mario Tomić führt durch den Abend und ist Alleinunterhalter mit jeder einzelnen Körperzelle. Stoisch wickelt er sich jedes Mal wieder eine Lichterkette um den Hals, wenn er seine Kolleg*innen mit sehr viel Improvisation und spontanen Bonmots an- oder abmoderiert oder die Umbaupausen überbrückt. Einer seiner Texte ist eine Art Rede an den kleinen Mann, der hier aber gegendert wird, vermutlich Nike-Sneakers trägt und einen FH-Abschluss besitzt. „Du bist nicht tolerant, weil du Milch verträgst“ oder „Du interessierst dich fürs Kämpfen, aber nicht für den Klassenkampf“ heißt es hier. Ganz luftige Leichtigkeit, Scheiß-drauf Nonchalance wird hier mit sehr viel Tiefgang, einer ordentlichen Portion Gefühle und einem Hauch Morbidität gemischt.

Sigrid Horn gewann 2019 den FMA Protestsongcontest. (Credit: Joachim Bomann)

Protest mit der Ukulele

Sigrid Horn singt mit glockenheller Stimme davon, dass sie sich in die Donau schmeißen wird und ihre Songs sind so schön, dass man erst nach einer Weile merkt, worum es bei „Woizer“ eigentlich geht. Überhaupt muss man bei ihren Liedern, zu denen sie sich selbst auf der Ukulele begleitet, immer aktiv zu den Lyrics der Liedermacherin zurückdirigieren, weil sie einfach auch ohne wunderbar funktionieren. So engelsgleich hat noch niemand von Klimawandel, niederösterreichischen Kreisverkehren und Bauwut gesungen. Klaus Lederwasch, österreichischer Poetry Slam Meister 2013 und Da Wastl beschreiten den Weg des Rap und der Hip-hop-Dichtkunst. Da Wastl erzählt von seiner Zeit als Wachmann im Schloss Eggenberg. Klaus Lederwasch dreht bei „Deine Mutter“ den Spieß um und spuckt statt Beleidigungen fantastische Lobeshymnen in Bad Boy Manier aus. Volt, das neue Veranstaltungsformat der ersten Grazer Lesebühne, ist ein Muss für alle, die kluge Textkunst, leidenschaftliche Performance und ein sinnlich skurriles und zutiefst herzliches Bühnenerlebnis möchten. Es ist ein Geheimtipp, der so geheim gar nicht mehr ist, da die 1. Grazer Lesebühne seit 2013 regelmäßig veranstaltet und in der heimischen Szene gut verortet und vernetzt ist. Die nächste Volt-Ausgabe gibt es am 7. Oktober 2022. Wer der/die Starga(ä)st*in sein wird, steht noch nicht fest. Es könnte Antonia Stabinger, Moneyboy oder auch Marco Pogo sein – wer als Erster zusagt, wird es, heißt es schlicht.