Dantes Höllenausflug als Kunstspektakel
Kritik: La Divina Comedia, Oper Graz
Text: Lydia Bißmann - 19.01.2026
Mit Dantes La Divina Comedia und zeitgenössischer klassischer Musik von Arvo Pärt und Philip Glass besticht die Ballettfraktion der Oper Graz einmal mehr mit einem Tanzabend der Sonderklasse.
Estefania Miranda lässt in ihrer Choreografie mit Teufeln und Dämonen die klassischen Höllenfiguren weg. Ihre Reise in das Jenseits samt all seinen Vorzimmern gestaltet sich in der Inszenierung an der Oper Graz (Uraufführung 2021 im Stadttheater Bern) als eine besinnliche und kontemplativ angelegte Schau ins Innere des Künstlers Dante – und damit auch in uns alle. Es geht sehr menschlich zu in der Oper bei La Divina Comedia, qualitativ und – mit dem Chor der Oper Graz und den Grazer Philharmonikern unter der Leitung von Johannes Braun – auch quantitativ. Sehr viele Menschen gestalten die Performance mit, was für geballte Energie sorgt.

Rosa Maria Pace, Kirsty Clarke, Mireia González-Fernández, Nimrod Poles, Savanna Haberland, Isabel Edwards. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
Menschliche Gefühle und Todsünden
Der erste Teil des Tanzabends muss als Rundgang zu einzelnen Stationen von Todsünden wie Habgier, Ketzerei oder Betrug absolviert werden. Wie verstörte, aber kraftvolle und vitale Tiere in der Wildnis mischen sich die Tänzer:innen des Ballettensembles unter das Publikum. Statt wie sonst auf der Bühne in Eleganz zu schwimmen, zeigen die Hochleistungsperformer:innen hier Haut, Schweiß, Muskeln und sehr überzeugende Performance-Skills, wie man sie von Tänzer:innen nicht unbedingt erwartet. Man weiß im ersten Teil nicht genau, wann man wohin gehen muss oder kann, andere Menschen stehen im Weg, Ratlosigkeit mischt sich im roten Scheinwerferlicht unter überdimensionalen Körperteilen in Gold mit Neugierde und Vorfreude zu einem ebenfalls sehr menschlichen Gefühlscocktail. Das passt auch zu Dante Alighieri, dem spätmittelalterlichen Dichter, der seine prominenten und halb prominenten Zeitgenoss:innen erkenntlich in seinem Epos verewigt hat.

Yuka Eda und Nimrod Poles, Ballett Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
Kollektive Sinnlichkeit und barocke Kontemplation
Auf der Hauptbühne wird der etwa eine Stunde lang dauernde zweite Teil von La Divina Comedia getanzt. In die Ballettperformance werden Textfragmente des Originaltextes gemischt. Die Tanzeinlagen in kleineren oder größeren Gruppen versprühen trotz der männlichen Hauptfigur Dantes sehr viel weibliche Stärke und Selbstbestimmtheit. Zärtliche Gesten wechseln sich mit großen Kraftanstrengungen ab, hinter einem durchsichtigen Schleier folgt die Tanzgruppe dem Protagonisten fast wie magnetisch aufgeladen. Das tänzerische und akrobatische Können der Truppe wird durch Sinnlichkeit und Verletzlichkeit kaschiert. Obwohl es sich um einen Ausflug ins Jenseits und um eine Versöhnung mit dem inneren Ich handelt, kommt die Inszenierung sanft und unaufgeregt daher. Das ist tröstend und spendet eine Art Auszeit von der Überpenetration und Überstimulierung des Alltags. Die Kostüme, ebenfalls von Estefania Miranda, siedeln das Stück eher im Barock an: spitze Glitzersteine, Gurte, hautfarbener Satin und stilisierte Reifröcke sind aber nicht alles, was an diese geheimnisvolle und kluge Epoche erinnert. Die Performance hat einen ganzkörperlich spürbaren, holistischen Auftritt mit einer großen Prise Spiritualität – was auch an dem Genre-Mix aus Literatur, Musik und Tanz liegt.
Alles in allem ein weiterer, vermutlich oft ausverkaufter Hit im Ballettkalender der Grazer Oper, der erneut Besucher:innen quer durch alle Altersgruppen ins Haus lockt. Wenn sich auch die junge Generation auf ein Ballett in der Oper verabredet, hat man (u. a. Ballettmanager Dirk Elwert) alles richtig gemacht!

Sofia Esmeralda Vollmer, Ballett Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
Estafania Miranda: La Divina Comedia
Termine bis 7. März 2026 auf KUMA.at
- Musikalische Leitung: Johannes Braun (Jan: 17, 22, 23, 25, 28, Feb: 25, Mär: 1, 7) / Stefan Birnhuber (Feb: 6, 8)
- Choreographie: Estefania Miranda
- Bühne: Till Kuhnert
- Kostüme: Estefania Miranda
- Licht: Martin Schwarz
- Video: Kristian Breitenbach
- Chor: Johannes Köhler
- Dramaturgie: Mattia Scassellati / Isabelle BischofDante: Nimrod Poles (Jan: 17, 22, 23, 25, 28, Feb: 6, 8) / Leonardo Germani (Feb: 25, Mär: 1, 7)
- Geiz: Miya Käser / Kirsty Clarke
- Wollust: Christoph Schaller / Leonardo Germani (Feb: 25, Mär: 1, 7) / Rosa Maria Pace / Yuka Eda
- Betrug: Connor McMahon / Gionata Sargentini
- Maßlosigkeit: Isabel Edwards / Mireia González-Fernández
- Philosophie: Florian Mozar / Adonia Martineau / Sophia Esmeralda Vollmer / Hannes Lüttringhaus / Diego del Rey / Savanna Haberland
- Gewalt: Miya Käser / Gionata Sargentini / Adonia Martineau / Christoph Schaller / Fabio Agnello / Isabel Edwards / Philipp Imbach / Rosa Maria Pace
- Seelenlose: Barbora Kubátová / Isabel Edwards
- Gefallener Engel: Giulio Panzi / Philipp Imbach
- Lucifer: Fabio Agnello / Thibaut Lucas Nury
- Beatrice: Mireia González-Fernández / Savanna Haberland
- Seele: Barbora Kubátová / Yuka Eda
- Grazer Philharmoniker,
- Ballett Graz,
- Chor der Oper Graz

Kirsty Clarke, Ballett Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
