Gute Nachbarschaft in aller erzwungenen Offenheit

Kritik: Gewagte Spiele: Strip Poker, theo Oberzeiring

Text: Robert Goessl - 16.03.2026

Rubrik: Theater
„Gewagte Spiele: Strip Poker“ von Jean-Pierre Martinez im theo Oberzeiring

Pierre (Holger Schober), Marie (Julia Faßhuber), Céline (Ninja Reichert) und Jacques (Alexander Kropsch) am Pokertisch (Fotocredit: Michael Traussnigg)

Der französische Autor mit spanischer Herkunft Jean-Pierre Martinez gehört dort und auch weltweit zu den meistgespielten Autoren von Komödien, ist aber im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannt. So nimmt sich nun das Theo in Oberzeiring einer seiner erfolgreichsten Komödien als deutschsprachige Uraufführung an.

Es geht nichts über eine gute Nachbarschaft. Und so lädt Marie (Julia Faßhuber) die neuen Nachbarn zum Essen ein. Ihr Mann Pierre (Holger Schober) ist nicht besonders begeistert von der Aktion seiner „Haselschnecke“ – er trägt stolz seine Faulheit vor sich her und neigt dazu, seine Umgebung mit erfundenen Geschichten zu schockieren, die er selbst lustig findet. Doch als Ehepaar scheinen die beiden sich gut zu ergänzen – oder sie hat einfach gelernt, den Chaoten, der davon träumt, als Autor von Theaterstücken zu Ruhm und Geld zu kommen, die er während seiner Arbeitszeit schreibt, mit seinem unkonventionellen Charme und Witz zu lieben.
„Gewagte Spiele: Strip Poker“ von Jean-Pierre Martinez im theo Oberzeiring

Pierre (Holger Schober) mit der neuen Nachbarin Céline (Ninja Reichert) (Fotocredit: Michael Traussnigg)

Wenn ein zwangloser Abend eine andere Richtung nimmt

Die neuen Nachbarn Jacques (Alexander Kropsch) und Céline (Ninja Reichart) sind da ein wenig anders. Steif und verklemmt erscheinen sie, langsam, überlegt und vorsichtig – distanziert und skeptisch nähern sie sich dieser fremden Welt ihrer Nachbarn. Während Céline zunächst nur das Allernotwendigste von sich gibt, zeichnet sich Jacques durch noch schlechtere Witze als die ohnehin schon fragwürdigen von Pierre aus. So originell das Leben von Marie und Pierre zu verlaufen scheint, so fad wirken Céline und Jacques. Zunächst wünschen die beiden, ihre Nachbarn möglichst schnell wieder loszuwerden, was bedingt gut funktioniert.
„Gewagte Spiele: Strip Poker“ von Jean-Pierre Martinez im theo Oberzeiring

Céline (Ninja Reichert) und Jacques (Alexander Kropsch) hochkonzentriert bei Bluffen (Fotocredit: Michael Traussnigg)

Von der dezenten zur totalen Eskalation

Doch ergibt sich aus dem Job von Céline und einer Verbindung zu Pierre die Notwendigkeit, etwas mehr über die neuen Nachbarn herauszufinden, um etwas gegen sie in der Hand zu haben. Da trifft es sich auch gut, dass genug Alkohol dafür im Haus ist. Es beginnt ein Spiel um unbequeme Wahrheit und bequeme Lügen, das eine Eigendynamik entwickelt, wo sich dann jede(r) dazu gezwungen fühlt, freiwillig die Wahrheit zu sagen – und so gibt jede(r) etwas von sich her, was er lieber für sich behalten würde. Zwischen exhibitionistischer Lust und Tarnen und Täuschen wird geblufft, bis endlich auch die allerletzte Wahrheit auf dem Poker-Tisch zu sein scheint.
„Gewagte Spiele: Strip Poker“ von Jean-Pierre Martinez im theo Oberzeiring

Maire (Julia Faßhuber) und Céline (Ninja Reichert) kommen der Wahrheit näher (Fotocredit: Michael Traussnigg)

Eine intelligente Komödie mit alltäglichem Zynismus bis zur nicht alltäglichen Groteske

Voller Wortwitz und Situationskomik zeigt sich das Ensemble in der mit viel Liebe zu den Figuren gekennzeichneten Inszenierung von Peter Faßhuber von seiner besten Seite und erfüllt wunderbar die doch etwas exzentrischen Charaktere mit teils schrillem und teils gehemmtem Leben bis hin zu deren Abgründen. Man merkt, wie nah unter der Oberfläche die Bösartigkeit lauert und jede(r) doch nur um sich und ein wenig auch um seine(n) Partner:in, aber vor allem gegen die anderen kämpft. Etwas, das als Spiel beginnt, führt so zu einer pragmatisch-konsequenten Fortsetzung in der Realität, die dann doch nur ein Teil des Spiels zu sein scheint.
„Gewagte Spiele: Strip Poker“ von Jean-Pierre Martinez im theo Oberzeiring

Es lichten sich die Nebel rund um Céline (Ninja Reichert) (Fotocredit: Michael Traussnigg)

„Gewagte Spiele: Strip Poker“ von Jean-Pierre Martinez im theo Oberzeiring

Darsteller:innen: Julia Faßhuber, Ninja Reichert, Holger Schober, Alexander Kropsch Regie und Inszenierung: Peter Faßhuber noch zu sehen am: 09.06. (Di), 10.06. (Mi) jeweils 20:00 Karten unter info@theo.at