Notlage trifft auf Notlage und verursacht sklavenähnliche Zustände

Kritik: Geteiltes Leben, InterACT

Text: Robert Goessl - 21.11.2025

Rubrik: Theater
„Geteiltes Leben“ von InterACT im Theater am Lend

Die Betreuerinnen Susana (Maria Reito ) und Mia (Maria Czaili) auf der Parkbank im Gespräch über ihre prekären Verhältnisse (Fotocredit Wolfgang Rappel)

Das partizipative Forum-Theaterprojekt befasst sich mit den prekären Arbeitsbedingungen von 24-Stunden-Personenbetreuer:innen und ist das Ergebnis mehrerer Theaterworkshops, an denen 24-Stunden-Personenbetreuer:innen und Personen, die sich für die Verbesserung von deren Arbeitsbedingungen einsetzten, beteiligt waren. In diesem Sinn ist die Theateraufführung im Theater am Lend auch nur als Teil des Gesamtprojektes zu verstehen, bei dem es darum geht, die Möglichkeiten auszuloten und in konkrete Ideen und Vorschläge umzusetzen.

Folglich wird nach der Aufführung in einem zweiten Teil das Publikum dazu ermutigt, in einzelne Szenen einzugreifen, und dabei diese zu diskutieren oder sogar selbst auf der Bühne in die Rolle einer Schauspielerin oder eines Schauspielers zu schlüpfen und eine alternative Handlungsweise auszuprobieren. Ergänzt wird das durch Gespräche mit anwendenden Expert:innen, die weitere Hintergründe beleuchten. Die Handlung, die dabei in zwei Handlungssträngen erzählt wird, beruht ausschließlich auf Tatsachen. Es wurde nichts erfunden, die einzelnen Teile sind wirklich passiert, sie wurden nur dramaturgisch zu zwei Geschichten verdichtet. Die Inszenierung selbst beginnt deswegen authentisch mit Videos von drei 24-Stunden-Personenbetreuer:innen ( Emilia Lisa Minea, Alexandra Perti und Dana-Constanta Velea), die von ihren Erfahrungen berichten. Bei den meisten, vor allem aus Rumänien stammenden Frauen, ist eine finanzielle Notlage die Ursache dafür, dass sie sich für diesen Job entscheiden. Oft haben sie auch wenig bis gar keine Erfahrungen in dem Bereich und auch schlechte Deutschkenntnisse. Entsprechende Agenturen nutzen das aus und schicken sie nach Österreich, mit unvollständigen oder auch falschen Informationen, kassieren aber eine großzügige Provision, größtenteils auch mit dem Ziel, sie mit den Verträgen in ein Abhängigkeitsverhältnis zu zwingen.
„Geteiltes Leben“ von InterACT im Theater am Lend

Alexandra Perti berichtet in einem Video von den Problemen bei ihrer Arbeit (Fotocredit Wolfgang Rappel)

Eine Familie im Ausnutzungsmodus

Das Stück thematisiert die prekären Verhältnisse anhand zweier Situationen. In der ersten kommt Mia (Maria Czaili) bei ihrem ersten Mal zu einer Familie, bei der sie den Vater Toni (Martin Vieregg liebevoll hilflos und etwas zu anlehnungsbedürftig) von der Tochter Ilse (Waltraut Wagner bemüht freundlich, aber in der Sache erbarmungslos) und seiner Schwester Herta (Wera Köhler in der Sache und emotional erbarmungslos) betreuen soll. Toni ist zunehmend verwirrt und kann seinen Haushalt nicht mehr gefahrlos alleine führen. Die Hilflosigkeit der Familie trifft auf die Hilflosigkeit von Mia, wobei ihr die Familie das Gefühl gibt, zwar gebraucht, aber nicht wirklich gewollt zu sein. Zwar ist man vordergründig nett zu ihr, doch weder ist ihr Zimmer entsprechend vorbereitet, noch gibt es schriftliche ärztliche Anweisungen, wann welche Medikamente zu nehmen sind, obwohl für Fehler in der Medikation Mia verantwortlich ist. Dass sie praktischerweise auch gleich als Dienstmagd zu verwenden und für den Garten verantwortlich ist, scheint ebenfalls selbstverständlich zu sein. Selbst als es zunehmend zu sexuellen Übergriffen des zunehmend dementen Tonis kommt, nimmt die Familie das mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis. Man zahlt ja für sie. Und sie ist davon abhängig, und ihre Agentur, die sie um Hilfe bittet, interessiert das auch nicht. Zwar scheint man von der Familie her, das ausbeuterische System zu verstehen, aber solange man davon profitiert und man keine andere Wahl hat, nutzt man es auch entsprechend.
„Geteiltes Leben“ von InterACT im Theater am Lend

Toni (Martin Vieregg) kommt Mia (Maria Czaili) beim Spielen zu Nahe (Fotocredit Wolfgang Rappel)

Die Auslagerung von Pflege und emotionaler Belastung

In der zweiten Situation geht es um Susana (Maria Reito), die zwar schon lange für eine Familie arbeitet und die sie auch sehr schätzt, aber mit fortschreitendem Alter wird es mit der zu betreuenden Mutter (Wera Köhler boshaft bestimmend) immer schwieriger, denn sie wird aggressiver und hilfsbedürftiger. Somit kommt sie mit dem von ihr geforderten emotionalen und körperlichen Einsatz immer mehr an ihre Grenzen. Ihr Hilferuf an die Familie, an die sich immerhin bemühende Tochter (Waltraut Wagner) und den lässig abgewandten Sohn (Martin Vieregg), endet mit gutem Zureden und einem kleinen Geldbonus. Obwohl den beiden Kindern, mittlerweile fernab der Heimat in Wien und in Stuttgart lebend, die Mutter, unter deren Starrsinn sie, als sie noch jünger waren, offensichtlich auch gelitten haben, ohnehin nur mehr als ein lästiges Übel erscheint, können sie sich nicht dazu überwinden, sie in ein Heim zu geben. Als dann auch noch die Agentur sie darum ersucht, ihren Dienst in Österreich über Weihnachten zu verlängern, gibt sie auch klein bei, da das Geld daheim gebraucht wird, obwohl darüber ihr Mann in Rumänien alles andere als glücklich ist. Was bleibt, ist das Gefühl, als schwächstes Glied mit seinen Problemen der Kette von allen allein gelassen zu werden.
„Geteiltes Leben“ von InterACT im Theater am Lend

Die Mutter (Wera Köhler) schlägt gegen ihre Betreuerin Susana (Maria Reito) aus (Fotocredit Wolfgang Rappel)

Ein Gesetz, das würdelos macht, aber mit der Hoffnung auf Verbesserungen

Auch wenn die österreichische Gesetzeslage, die die 24-Stunden-Personenbetreuer:innen in eine Scheinselbstständigkeit zwingt, um das Arbeitszeitgesetz zu umgehen, und davon vor allem private Agenturen, die die komplizierten Anmeldeformalitäten erledigen, teils enorm profitieren, so ist es doch häufig auch der würde- und respektlose Umgang mit ihnen, der sprachlos macht. Es ist, als ob nicht nur Tätigkeiten ausgelagert werden, sondern auch die emotionalen Belastungen. Damit wird ein System akzeptiert, bei dem davon auszugehen ist, dass die meisten wissen, dass es höchst ungerecht ist, aber weil es nun einmal die billigstmögliche Lösung ist, besteht kaum ein Interesse daran, etwas zu ändern. Doch genau in diese Kerbe versucht dieses Forum-Theaterprojekt zu schlagen, denn die Produktion soll von Graz im nächsten Jahr auch in andere Bundesländer wandern und auch vor politischen Entscheidungsträgern gezeigt werden, um anschließend mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei werden auch die durch die Interaktionen mit dem Publikum gefundenen Lösungsansätze und Diskussionsgrundlagen einfließen. Nicht zuletzt dient das Format auch dazu, die Zuschauer für das jeweilige Thema und die Probleme der Akteur:innen zu sensibilisieren.
„Geteiltes Leben“ von InterACT im Theater am Lend

Michael Wrentschur wendet sich an das Publikum (Fotocredit Wolfgang Rappel)

„Geteiltes Leben“ von InterACT im Theater am Lend

Darsteller*innen: Maria Czaili, Daniela Hoppaus, Wera Köhler, Maria Reito, Martin Vieregg, Waltraut Wagner Video-Darsteller*innen: Emilia Lisa Minea, Alexandra Perti, Dana-Constanta Velea Beraterin in der Forumphase: Anna Durisova Diskutant*innen: Simona Durisova (IG24), Ulla Kreibernegg (CIRAC/ Uni Graz), Irene Strauss (inspire), Edith Zitz (inspire) Künstlerische Gesamtleitung, Regie, Moderation/Joker: Michael Wrentschur Regieassistenz: Sophia Schessl Bühnenbild: Wolfgang Rappel, Markus Wilfling Kostüme, Ausstattung: Andis Rablhofer Licht-, Tontechnik, Live-Stream: Tom Bergner und Team Übersetzungen : Mihaela Barbu, Anna Durisova, Biserka Filca, Eva Zečić Vertiefende Informationen über die Entstehung der Produktion, deren Partner und die weiten Pläne sind im Programmheft zu finden.
„Geteiltes Leben“ von InterACT im Theater am Lend

Schwester Herta(Wera Köhler), Vater Toni (Martin Vieregg), Tochter Ilse (Waltraut Wagner) und Betreuerin Mia (Maria Czaili) - in Reihenfolge ihrer Bedeutung (Fotocredit Wolfgang Rappel)