Anarchie, Akrobatik und Gassenhauer

Kritik: Frühere Verhältnisse, Ruth Brauer-Kvam, Schauspielhaus Graz

Text: Lydia Bißmann - 22.03.2026

Rubrik: Theater
Željko Marović, Karola Niederhuber, Tim Breyvogel, Annette Holzmann (Fotocredit: Lex Karelly)

Željko Marović, Karola Niederhuber, Tim Breyvogel, Annette Holzmann (c) Lex Karelly

Regisseurin Ruth Bauer-Kvam, auch bekannt aus Musik, Film und Fernsehen, inszenierte mit einer kleinen Truppe (Željko Marović, Annette Holzmann, Karola Niederhuber und Tim Breyvogel) und einer großen Musikerin (deeLinde) mit „Frühere Verhältnisse | Von nun an ging’s bergab“ eines der meistgespielten Stücke von Johann Nestroy, das mit Liedern der grandiosen Hildegard Knef aufgepeppt wird.

Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist ein abwechslungsreicher Abend, der mit Musik, Akrobatik, schnellem Wortwitz und klugen Sagern punktet. Hildegard Knef und Johann Nestroy passen ideal zusammen. Ihre Werke bestechen durch eine Kombination aus Leichtfüßigkeit und Tiefgang. Man kann akut darüber lachen und/oder nachhaltig darüber grübeln – ganz nach Belieben und Fasson.
Kritik: Frühere Verhältnisse, Schauspielhaus Graz

Tim Breyvogel, Karola Niederhuber, Željko Marović. (Fotocredit: Lex Karelly)

Geschwindigkeit, Multitasking und Körpereinsatz

Frühere Verhältnisse ist ein Nestroy-Einakter, der mit vier Hauptfiguren auskommt. Geschwindigkeit, Multitasking und Körpereinsatz werden hier großgeschrieben. Vor einem historischen Theaterwagen, der detailverliebt und sinnlich als Biedermeierwohnzimmer ausgestattet ist (Bühne: Monika Rovan), wird ohne Rücksicht auf Verluste getanzt, gesungen, geschrien, gerauft und geturnt. Knefsche Gassenhauer wie „Für dich soll’s rote Rosen regnen“ oder „Der alte Wolf“ ersetzen die Nestroy-Couplets. Lakonisch spielen sanft-spröde Texte mit den Themen Beziehung, Scheitern und Showbiz. Musikalisch begleitet werden diese wundervollen und oft zugleich gesungenen Lieder vom One Woman Orchestra deeLinde. Als Musikerin bedient nicht nur Instrumente wie Klavier, Steh- und E-Bass, Cello, Viola, Horn, Akkordeon, Schlagwerk und Co., sondern mimt auch eine Conférencier-Figur, die sich frech, selbstbewusst und treffsicher einmischt, Stichworte liefert, Begriffe erklärt oder moderiert. Ganz so, wie man es vom Emcee im Kit Kat Club im Musical Cabaret kennt.

Kritik: Frühere Verhältnisse, Ruth Brauer-Kvam, Schauspielhaus Graz

Karola Niederhuber, Annette Holzmann. (Fotocredit: Lex Karelly)

Biedermeier-Anarchie und Gruppendynamik

Rund um eine Tochter aus bestem Hause, Josefine von Scheitermann (Annette Holzmann), kämpfen drei Personen mit ihren „früheren Verhältnissen“, ihrer Vergangenheit oder gar Herkunft, wie das bei dem neureichen Holzhändler Johann von Scheitermann (Željko Marović) der Fall ist. Große Angst, vor seiner geschätzten Ehefrau standestechnisch Farbe bekennen zu müssen, sorgt bei ihm für Albträume, welche wiederum seine Gattin zu Spekulationen anregen. Karola Niederhuber mimt mit Peppi Amsel eine kluge und pragmatisch denkende Schauspielerin, die sich wieder nach ihrem ursprünglichen Brotberuf sehnt und sich nicht „nur“ auf Lorbeeren beschränken möchte. Sie tritt wieder als Köchin in den Dienst bei ihrer ehemaligen Vertrauten Josefine ein, wo sie auf ihren Ex-Verlobten Anton Muffl (Tim Breyvogel) trifft. Es ist der Hauch Dadaismus, der sich in Breyvogels Darbietung in Form von Mini-Gesten, schrägen Lauten oder seltsamen Blicken äußert und seine Performance so charakteristisch macht. Etwas ungewohnt ist ein leicht zynischer Zug, der aber tadellos zur nicht unbedingt hochsympathisch gestrickten Figur Muffl passt. Annette Holzmann schenkt den manchmal etwas fade konzipierten Nestroy-Frauen aus gutem Hause eine dringend nötige Portion Anarchie. Stets gefasst und nobel agierend, nie auf Manieren vergessend, wäre es ihr durchaus zuzutrauen, ihre herrliche Biedermeier-Robe (Kostüm: Alfred Mayerhofer) abzustreifen und in der nächsten Szene als Punkerin mit blauen Lippen auf der Bühne zu erscheinen. Wundern würde das niemanden, vorgesehen ist es nicht – insgesamt geht Ruth Brauer-Kvams Inszenierung sparsam mit zeitgenössischen Interventionen um. Das spendet bequemen Freiraum im Kopf und inspiriert zu ganz privaten, individuellen Schlüssen.

Neben den individuellen Leistungen glänzt die lustig-lustvolle Nestroy-Knef-Melange zugleich mit einer herrlich erfrischenden Gruppenperformance. Freude am gemeinsamen Spiel, Leidenschaft für klugen Klamauk und Spaß an der Performance sind beim Ensemble nahezu körperlich spürbar. Nicht zuletzt diese Energie trägt dazu bei, dass das Stück wie aus einem Guss wirkt und schlussendlich alles liefert, was ein Publikumshit so benötigt.

Kritik: Frühere Verhältnisse, Schauspielhaus Graz

Karola Niederhuber, Željko Marović, Annette Holzmann (Fotocredit: Lex Karelly)

Frühere Verhältnisse | Von nun an ging’s bergab

Posse von Johann Nestroy mit Liedern von Hildegard Knef Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

Team:

Željko Marović: Johann von Scheitermann
Annette Holzmann: Josefine von Scheitermann
Karola Niederhuber: Peppi Amsel
Tim Breyvogel: Anton Muffl
Regie: Ruth Brauer-Kvam
Bühne: Monika Rovan
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Musikalische Leitung:  deeLinde 
Dramaturgie: Herbert Graf
Licht: Harald Töscher

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Kritik: Frühere Verhältnisse, Schauspielhaus Graz

Ensemble. (Fotocredit: Lex Karelly)

Kritik: Frühere Verhältnisse, Schauspielhaus Graz

Željko Marović, Annette Holzmann, Tim Breyvogel. (Fotocredit: Lex Karelly)