Andere Zeiten, gleiche Probleme

Kritik: 'Früher' vom Mezzanin Theater

Text: Lydia Bißmann - 08.02.2024

Rubrik: Theater

Martina Kolbinger-Reiner als Berufsoma. (Credit: Clemens Nestroy)

Das Stück „Früher“ vom Theater Mezzanin im KULTUM Cubus bietet liebevoll gestaltetes Erzähltheater für Kinder ab sechs Jahren. Unter der Regie von Annette Scheibler schlüpft Martina Kolbinger-Reiner in die Rolle einer Berufsoma, die von ihrer eigenen Kindheit berichtet, in der vieles, aber nicht alles anders war als heute.

Berufsomas brauchen viel Kaffee, damit sie wach bleiben können und dürfen auch mal länger am Sofa liegen, wegen der Rückenschmerzen. Mit ihrem frechen Haarschnitt, der topaktuellen Jogginghose und dem Norwegerpullover verbindet Martina Kolbinger-Reiner Komfort mit Modernität und steht mit beiden Beinen fest in der Gegenwart. Berufsomas müssen auch Kinder mögen und sie verstehen und so dauert es keine drei Minuten, bis sich die Darstellerin mit der eigentlich gar nicht so geheimen Bebe-Sprache in die Herzen des jungen Publikums plappert. Der Retro-Charme kommt bei den Erwachsenen gut an, die Kinder freuen sich über bekannte Figuren und die Tricks. Christina Bergner hat die Bühne mit charmanten und sehr wandelbaren Requisiten ausgestattet. Ein bemalter Mini-Schrank dient auch als Hochhaus, Bücherregal und sogar Rodelhügel. Hinter seinen Türen verbirgt sich auch ein kleiner Gast namens Nicki, der aber vorerst in Ruhe gelassen werden möchte und auch keine Schokolinsen naschen will.

Das Solostück funktioniert als klassisches Erzähltheater, alle anderen Figuren in der Handlung bestehen aus Puppen, Fotos oder PEZ-Spendern, die als Winnie Puh oder Minnie Maus auftauchen. Mit dieser Assistenz berichtet die Berufsoma fesselnd von der ersten Mondlandung, einer versemmelten Matheschularbeit und erklärt ganz nebenbei, wie ein Plattenspieler funktioniert. Sie agiert mit ihren Requisiten wie Spielen eben im Kinderzimmer funktioniert und schafft damit eine entspannte, aber trotzdem anregende Atmosphäre. Es gibt die vorprogrammierten Lachmomente, lustige Schimpfwörter auf Bayrisch aber auch ganz viel anderes, nicht getaktetes Entertainment, bei dem es manche der Kleinen regelrecht schüttelt vor Lachen.

Das Stück, produziert von Caroline Pucher, kann aber mehr, als nur Geschichten zu erzählen. Die Kinder werden regelmäßig nach ihrer Meinung gefragt, was besonders dann wichtig wird, als sich herausstellt, warum Nicki lieber im Schrank sitzen als zur Schule gehen möchte. Geschickt und behutsam spannt die Produktion den Bogen in die Gegenwart und findet eine konstruktive Lösung für ein Problem, das in Zeiten der Mondlandung nicht viel anders ausgesehen hat, wie in der Zeit der Smartphones.

„Früher“ ist auf Erstklässler*innen zugeschnitten, funktioniert aber problemlos auch für jüngere Kinder und die erwachsene Begleitung. 


Mezzanin Theater

KULTUM

Credit: Clemens Nestroy

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Credit: Clemens Nestroy

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Credit: Clemens Nestroy