„Mein Körper gehört mir“ – Annie Ernaux und Anna Klimovitskaya auf dem schwierigen Weg, sich selbst wahrzunehmen
Kritik: Erinnerung eines Mädchens, Schauspielhaus Graz
Text: Robert Goessl - 13.02.2026
Rubrik: Theater
In ihrem ersten gemeinsamen Projekt als Schauspielerin bzw. Regisseur begeben sich die beiden Ensemblemitglieder:innen Anna Klimovitskaya und Dominik Puhl im Schauraum auf die Spuren eines Textes von der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux.
In der autobiografischen Novelle „Erinnerung eines Mädchens“ ist das titelgebende Mädchen Annie 17 Jahre alt und erfüllt von romantischen Bildern und Vorstellungen über die erste Liebe und auch dazu entschlossen, in einem Sommer als Betreuerin in einem Ferienlager das erste Mal mit einem Jungen zu schlafen. Jahre später reflektiert sie schreibend diese Zeit der Verklärung und Verdrängung, um zu einer schmerzerfüllten Wahrheit zu finden.

Anna Klimovitskaya (Fotocredit Lex Karelly)
„Es gibt Menschen, die unterworfen werden von der Anwesenheit anderer.“
Aber deren Wille ist dem eigenen immer einen Schritt voraus. Anna Klimovitskaya stellt sich in diesem Solo-Abend in dieser Inszenierung nicht nur den Erinnerungen von Annie Ernaux, sondern auch ihren eigenen. So wechselt der Text zwischen dem Sommer 1958 in Frankreich und 2011 in Berlin, wobei es zu keinen Brüchen kommt. Es scheint auch egal zu sein, ob nun aus Annie Ernaux Text zitiert wird oder ob Anna Klimovitskaya ihre eigenen Erinnerungen einbringt. Es wirkt, als ob zwei Frauen in unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten nahezu das Gleiche erlebt, gefühlt und erfahren haben.

Anna Klimovitskaya (Fotocredit Lex Karelly)
Nicht Scham oder Schrecken, einfach nur Gehorsam
Die beiden verbindet auch die Ehrlichkeit und der Mut, sich diesen eigenen Erinnerungen zu stellen, und damit das zunächst unbewusste Leid für sich und damit auch für andere sichtbar zu machen. Sich der seinerzeitigen Naivität zu stellen, sich einem Mann hinzugeben, und die innere Verlorenheit dabei zu akzeptieren, dass dahinter zwar nicht Scham oder auch Schrecken steht, sondern einfach nur Gehorsam, um letztendlich die Erwartungshaltungen der anderen zu erfüllen, aber auch der Erwartungshaltung gegenüber sich selbst zu entsprechen. Es geht auch darum, die Ernüchterung zu akzeptieren, die damit einhergeht. Man war nicht, was man sein wollte, sondern was man glaubte, sein zu müssen, und man hat nicht sich selbst gefühlt, nicht das eigene Begehren, die eigene Lust und die eigenen Sehnsüchte, sondern das, was man glaubte, fühlen zu müssen – inklusive des vordergründigen Stolzes, „es getan zu haben“.

Anna Klimovitskaya (Fotocredit Lex Karelly)
Ein fremdes Selbst aus der Vergangenheit
Das fantastische Spiel von Anna Klimovitskaya, die dabei viel von sich hergibt, schwankt anfänglich zwischen Unsicherheit und Sexiness. Mittels Dia-Projektor und Overhead-Projektor werden Fotos von damals auf einen faltigen Hintergrund projiziert – harmlose Urlaubsfotos, die auf dem Hintergrund verschwommen wirken: „Das Mädchen auf dem Foto ist eine Fremde, die mir ihre Erinnerungen hinterlassen hat.“ So wird die Suche nach der Wahrheit in der Vergangenheit zu einer Suche in sich selbst, nach Gefühlen, die verloren scheinen – vielleicht, weil sie nie so existiert haben. Jeder Moment, den Anna Klimovitskaya auf der Bühne verkörpert, seien es die Erfahrungen von Annie Ernaux oder ihre eigenen, wirkt authentisch. Oft sind es auch die Momente, in denen sie nicht spricht, die Gänsehaut erzeugen, wenn sie sich in weite Tücher hüllt, die wie Flügel und Fesseln zugleich wirken, oder es scheint, als würde sie auf der Bühne im Licht und im Schatten zugleich stehen. Ein paar Monate später ist da das Gefühl, dass da irgendetwas nicht gestimmt hat, und die Verwirrung und die Enttäuschung über die innere Leere münden in Scham und Schuld.

Anna Klimovitskaya (Fotocredit Lex Karelly)
Die eigene Scham zu verstehen hilft nicht, sie zu überwinden
Da ist keine Wut auf die Männer, die sie wie ein Objekt behandelt haben, die Wut scheint sich gegen das Selbst zu richten, ohne dass sie diese so richtig spüren kann. Sehr wohl spürbar ist allerdings das Verhalten der anderen Frauen ihr gegenüber, die, gefangen in den eigenen weiblichen Erwartungen, die dem „natürlichen“ patriarchalen Rollenverständnis zwischen Mann und Frau unterworfen sind, in ihr sogar eine Hure sehen. Womit sich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, und damit auch die eigene Lust und das eigene Begehren als falsch zu empfinden, noch verstärkt. Die emotionale Ratlosigkeit wirkt sich dann körperlich in einer Essstörung mit verbundenem Schlankheitswahn und der ausbleibenden Menstruation aus. Der Prozess der Erkenntnis, bei Annie Ernaux das Lesen von Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, insbesondere in Bezug auf die Immanenz von Frauen und die Transzendenz von Männern, und bei Anna Klimovitskaya das Lesen eines Buches über Essstörungen, helfen die Dinge zu verstehen, doch bringt dieses Wissen allein diese Dinge nicht zum Verschwinden. Bei diesen eindringlichen Momenten, dem Versuch, sich zu befreien aus der Gefangenschaft der weiblichen Erwartungen, greift Anna Klimovitskaya zu Utensilien einer Ritterrüstung als Andeutungen, sich schützen zu wollen, sich abgrenzen zu wollen und damit zu einem neuen Selbstverständnis zu finden.

Anna Klimovitskaya (Fotocredit Lex Karelly)
Das Echte wird sichtbar im Schauspiel – der stumme Schrei hörbar
Die große Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit, mit der Anna Klimovitskaya an das Thema herangeht, ist zutiefst beeindruckend und spiegelt sich auch in ihrem Spiel wider. Vor allem, weil sie ihre Geschichte zwar schonungslos erzählt, aber mit Handschuhen oder im Korsett – dezent die Wahrheit andeutend. Sie hält sich jedoch mit konkreten Urteilen zurück – es ist dem Publikum vorbehalten, diese zu fällen. Es wird der stille Prozess sichtbar gemacht, bis zum „Nein“ bei einem per Internet ausgemachten Date – erlösend und doch noch immer etwas verunsichert, wobei die Tiefe der Selbstwahrnehmung als dienendes Objekt spürbar wird. Es ist der schwierige Prozess, sich selbst Jahre später zu hinterfragen, und das Verdrängte nach vorn zu holen, aus der Scham herauszukommen und einer scheinbaren Schicksalhaftigkeit eine einfache Wahrheit entgegenzustellen, die auch gegenüber dem eigenen Ich lange verborgen blieb, weil sie leicht zu sagen, aber schwer mit der Last von gesellschaftlich erlernten Verhaltensweisen zu spüren ist:
„Mein Körper gehört mir“.
Im letzten großartigen Moment, wenn die Schauspielerin Anna Klimovitskaya einen Antwortbrief von Annie Ernaux vorliest, in dem sie der Autorin ihre Geschichte erzählt hat, wird sie zu Anna Klimovitskaya, die dazu bereit ist, das Echte mit dem Publikum zu teilen. Danke dafür und danke für diese 90 Minuten, erfüllt von tiefer Traurigkeit, und wahnsinnig großer Ehrlichkeit, die einen Funken Hoffnung in sich trägt – einer Hoffnung auf eine Änderung des patriarchalen Rollenverständnisses, zu der dieser Abend einen leisen, aber sehr eindringlichen Beitrag leistet.

Anna Klimovitskaya (Fotocredit Lex Karelly)
„Erinnerung eines Mädchens“ nach dem Buch von Annie Ernaux im Schauraum
Darstellerin: Anna Klimovitskaya
Konzept: Anna Klimovitskaya und Dominik Puhl
Regie & Kostüme: Dominik Puhl
Bühne & Licht: Mara-Madeleine Pieler
Musik: Lukas Lechner-Heschl
Dramaturgie: Male Günther
