Ein Leben als Künstlerin und Mutter.

Kritik: Du hast es so gewollt, Zweite Liga für Kunst und Kultur

Text: Robert Goessl - 01.03.2026

Rubrik: Theater
„Du hast es so gewollt“ von der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann und Sissi Noe (Fotocredit: Radmila Stankovic)

Die aktuelle Produktion von 'Zweite Liga für Kunst und Kultur' versteht sich als eine Versuchsanordnung, die eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen Mutterschaft, Kunst, Verantwortung und den gesellschaftlichen Strukturen sucht und die emotionalen Belastungen, die damit verbunden sind, spürbar macht.

Was mit Stille beginnt – der Stille, die am Morgen herrscht, bevor der Albtraum beginnt – wird zu einem zunehmenden Stimmengewirr und Geschrei aus dem Off. Die beiden Protagonistinnen Vera Hagemann und Sissi Noe sind mit Gummiseilen am Bühnenhintergrund festgebunden und stürzen von hinten nach vorn – immer wieder mit zunehmender Anstrengung.
„Du hast es so gewollt“ von der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann und Sissi Noe (Fotocredit: Radmila Stankovic)

Ein Alltag festgezurrt an patriarchalen Verhältnissen

Die Frauen sind also angehängt, ständig in Bereitschaft, ständig am Anschlag, ständig in Angst zu scheitern, nicht mehr zu können, in einem System, das von ihnen fordert, ihre Rollen zu erfüllen, in einer Welt, die achselzuckend dabei zusieht. Es geht dabei um ein Leben als Mutter und Künstlerin und die Untersuchung, ob beides zugleich möglich ist, oder ob es zu wählen gilt: „Ich nehme Kunst. Ohne Beilagen“ oder „Ich nehme Mutter. Ohne Ich.“ Dazu werden Marina Abramović und Medea als Figuren verwendet, in deren Rollen die beiden Schauspielerinnen schlüpfen und in Dialogen sich aneinander abarbeiten rund um den Satz „Entweder man ist Künstlerin oder man ist eben Mutter“ von Marina Abramović. Dabei wird schnell die Paradoxie spürbar, dass Marina Abramović ihren Körper als Ort ihrer Kunst gewählt hat, und sich damit der Welt aussetzt, während das bei einer alleinerziehenden Mutter einfach passiert, und wenn sie auch noch Kunst machen will, zusätzlich noch Schuldgefühle auftauchen, nicht alles für ihr Kind zu tun. „Ich will sehen, ob Kunst ein Ort ist, an dem man Schuld ablegen kann. Oder ob sie nur ein schöner Boden ist, auf dem Schuld besser klingt.“
„Du hast es so gewollt“ von der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann und Sissi Noe (Fotocredit: Radmila Stankovic)

Die Moral als strukturelle Waffe

Die Hände im Bühnenhintergrund, fast wie Gedärme wirkend, kleben an ihnen und möchten sie festhalten, als Symbol für die Aufgaben, die zu erledigen sind. Sie umschlingen sie, sie werden auf der Bühne ausgebreitet, während einer Aufzählung der unendlich vielen Kleinigkeiten, die zwischen Kindern und einer Theaterproduktion so anfallen. Dabei verausgaben sich die beiden Schauspielerinnen bis zur Erschöpfung zwischen Hingabe, Aufopferung und Entbehrungen. Ein Stück als Mutter zu machen, bedeutet, sich zusätzlich für Schlafmangel und die ständige Angst, zu scheitern oder einfach nicht mehr zu können, zu entscheiden. Es ist, als ob eine extreme und künstliche Abramović-Performance wie „The Artist is Present“ einfach nur als Abbild der Wirklichkeit erscheint, einer Wirklichkeit, in der die ständige Verfügbarkeit nicht nur die absolute Normalität ist, sondern auch gesellschaftlich mit Selbstoptimierungs-Empfehlungen und entsprechenden Stehsätzen patriarchaler Herkunft unterfüttert wird. „Das ist der Moment, wo aus Struktur Moral wird.“
„Du hast es so gewollt“ von der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann und Sissi Noe (Fotocredit: Radmila Stankovic)

Wenn Schuld zur Angst und Angst zur Wut wird

Die persönlichen Gefühle der Protagonistinnen werden sichtbar gemacht, und das in enormem Tempo. Es ist die Wut zu spüren, eine Wut, die im Konflikt zwischen Fürsorge und Selbstschutz, zwischen Schuld und Überforderung, und dem Alleingelassenwerden im System in Ängste mündet. Immer wieder treten die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter in den Vordergrund, aber auch die Angst, aus dem System zu fallen, zwischen dem Aufwischen von Kinderkotze, Krankheit und zusätzlichen finanziellen Belastungen, weil Frau und Mutter als Schauspielerin nicht ständig verfügbar ist. Doch es wird versucht, die Ängste und die gemeinsamen emotionalen Erfahrungen zu teilen, um nicht verrückt zu werden, sich nicht selbst zu verlieren, und innerlich zu erstarren, während man versucht, funktional zu bleiben. Doch Kunst und Mutterschaft erfordern Opfer. Beide werden gesellschaftlich als Berufungen wahrgenommen, mit der Aussicht auf Altersarmut.
„Du hast es so gewollt“ von der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann (Fotocredit: Radmila Stankovic)

Eine Reflexion über die Rollen von Frauen, Selbstfürsorge und gesellschaftliche Erwartungen

Diese sehr eindringliche Performance zeigt einen Alltag, der von Leidensfähigkeit gezeichnet ist, weil gesellschaftliche Verantwortung, Kosten und Lasten, auf Frauen und Mütter abgeschoben werden. Die Verzweiflung besteht darin, dass, obwohl das alles bekannt ist, es an Zeit, Geld, Räumen und Netzwerken fehlt, um die Situation in einem System zu verändern, das zwar auf Mütter angewiesen ist, diese jedoch weitestgehend mit ihren Problemen sich selbst überlässt. Dass am Ende Mutterstimmen aus dem Off zu hören sind, die es nicht zur Vorstellung geschafft haben wegen ihrer Kinderbetreuungspflichten, führt die Performance am Ende genau in die Realität, die in beeindruckenden sechzig Minuten auf der Bühne reflektiert wurde. „Wie soll man Mutter sein und trotzdem Feministin? Das ist doch die Grausamkeit der Lage, die uns zerreißt, dass wir keinen Schritt machen können, der nicht falsch ist, keine Handlung, die nicht etwas, das uns teuer ist, verrät.“
„Du hast es so gewollt“ von der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Fotocredit kuma

„Du hast es so gewollt“ von der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Konzept/Text/Performance: Vera Hagemann, Sissi Noé Bühne/Ausstattung: Raphaela Nadja Miclauc Termine: 27.02. (Fr), 28.02. (Sa), 05.03. (Do), 06.03. (Fr), 07.03. (Sa) jeweils 19:00 zum internationalen Frauentag am 08.03. (So) um 17:00 Kartenreservierung unter: zweiteliga@mur.at Ticketpreis: pay as you wish and can!