Mit der Weisheit aus Birkfeld und Büchl die Welt retten

Kritik: Die Mission 'Sant Climent' von KRA

Text: Robert Goessl - 15.01.2024

Rubrik: Theater

KRA im Theater im Bahnhof/ (Credit: Maria Schneider)

Die Schuhe stehen auf der Bühne im Theater im Bahnhof bereit für große Aufgaben. Zwei Frauen in pastellfarbenen Anzügen erscheinen, um uns dort in Ihrem Gastspiel ihre Mission vorzustellen. Denn Probleme und Krisen auf der Welt gibt es genug. Wo ernste Menschen mit ernsten Blicken sich zusammensetzen, um über ernste Probleme zu reden, wird es bei KRA (Vera Kopfauf und Nora Köhler) auf eine andere Art und Weise ernst.

Am 27. Oktober 2017 beschloss das katalanische Parlament einseitig nach einem nicht vom Staat autorisierten Unabhängigkeitsreferendum mit 43 Prozent Wahlbeteiligung und 90 Prozent Zustimmung eine Unabhängigkeitserklärung, was zu einer Verfassungskrise in Spanien führte, tiefen Gräben aufriss und zu Straßenschlachten und Verhaftungen führte. Zwei Seiten standen sich unversöhnlich gegenüber. Grund genug für die beiden, sich diesem Problem zu widmen und nach Katalonien zu einer Recherche vor Ort zu reisen. Denn: „Bevor man ein Problem lösen kann, muss man es verstehen“: Und so gingen die beiden zu den Menschen und führten Interviews – sammelten quasi allerhand Vorurteile, die uns in Englisch, spanisch und katalanisch akustisch und auf die Wand projiziert werden. Zwischen geschnittenen und zerdrückten Tomaten, und dem Glauben, dass Menschen, die nie das Meer gesehen haben, schlechtere Menschen sind, offenbart sich der scheinbar tiefere Hintergrund in der kollektiven Persönlichkeit der beiden Kontrahenten: Das emotionale Spanien gegen das rationale Katalonien.

KRA sind Nora Köhler und Vera Kopfauf. (Credit: Maria Schneider)

Essenz aus Landschaft und Leuten

Aber nicht die großen Städte waren das Ziel, nein – die wahre Stärke von zwei Oststeirerinnen aus Birkfeld und Büchl liegt in der Kenntnis des dörflichen Zusammenlebens. Was liegt also näher, als das gesammelte Wissen einer provinziellen Kindheit und Adoleszenz auf dem Lande zu nutzen, um in katalanischen Dörfern Frieden zu stiften: sich in das Dorfleben schnell zu integrieren und sofort Teil davon zu werden, um eben die Menschen vor Ort zu verstehen. Vom Land auf das Land, wo ohnehin alle Dörfer gleich aussehen, jeder jeden kennt, inklusive der Erforschung des Unterschieds zwischen dem expressiven spanischen Nationaltanz Flamenco und dem bedächtigen katalanischen Gegenstück Sardan. Mit viel Bewegung auf der Bühne und teils technolastiger, aber auch stimmungsvoller elektronischer Musik (Jakob Kolb) schreitet Frau zur Arbeit und taucht in die menschlichen Abgründe ein. Die beiden tanzen sich mit den Kräutern aus der Landschaft spirituell wie Priesterinnen einer heidnischen Religion auf der Bühne in Trance, sie betreiben eine Art Teufelsaustreibung als heiligen Akt der Versöhnung: Und da erscheint die Lösung „als Essenz aus Landschaft und Leuten“: Die Sakkos werden zu Schürzen und schon geht’s los: Es wird ein Kräuterlikör gebraut – der traditionelle katalanische Ratafia, aber in diesem Fall nicht nur aus Kräutern, sondern auch mit rituellen mystischen Bewegungen und Schweiß, Tränen und Haaren – eben eine Essenz aus Landschaft und Leuten! Das Wundermittel erscheint aus dem spirituellen Nebel der tieferen Erkenntnis – gewonnen aus allen Erfahrungen, gesammelt bei oststeirischen Zeltfesten. Dieser magische übernatürliche Akt bringt aber logischerweise keinen Ratafia, sondern einen KRAtafia hervor, der im Übrigen nach einer Verkostung am Schluss auch nach der Vorstellung käuflich erworben werden kann. In Zeiten wie diesen muss eben auch Product-Placement sein!

(Credit: Maria Schneider)

Der Rest der Welt ist eben auch nur Oststeiermark

Insgesamt ein satirisch-skurriler performativer Abend mit Tanz und Bewegung, auf der Suche nach dem einen Wundermittel, das alle Menschen versöhnt und mit der Erkenntnis, dass die Welt im Kleinen sich überall nahezu gleicht und eine einfache Antwort für das Große zu liefern unmöglich ist. Aber auch diese Versöhnung hat ihren Preis, vor allem wenn man sie trinken kann. Wir Menschen sind eben so – der Rest der Welt ist eben auch nur Oststeiermark.

Credit: Maria Schneider

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Credit: Maria Schneider