Die leidenschaftliche Liebe als Gefahr
Kritik: Der gute Gott von Manhatten, Theo Oberzeiring
Text: Robert Goessl - 16.02.2026
Rubrik: Theater
In Ingeborg Bachmanns zeitlosem Hörspiel von 1957 geht in Peter Faßhubers Inszenierung am Theater Oberzeiring alle Macht von der Bühne aus.
Obwohl nur mit den notwendigsten Utensilien versehen, wird das Bühnenbild mit Licht und Rauch gemalt und schafft so einen fast leeren Raum, in dem sich die Schauspieler:innen Ute Olschnegger als Jennifer und Tobias Kerschbaumer ihrer Liebesgeschichte mit den poetischen Worten der Autorin hingeben können. Von Anfang an schwebt aber bereits das Ende darüber, denn der gute Gott von Manhatten (Werner Halbedl souverän und eindringlich als die Banalität des Bösen) steht als Bombenleger vor dem Richter (Peter Faßhuber als formbare Autorität, die im Zweifel schweigt), der von hinten im Talar gemeinsam mit ihm die Ereignisse Revue passieren lässt. Der gute Gott, sich trotz seiner Schuld seiner wahrhaftigen Unschuld bewusst, wird mit dem Richter die Liebesgeschichte immer wieder unterbrechen und analysieren – in Bezug auf die Gefahr, die voneinander vorbehaltlos Liebenden ausgeht und die daher auch zu ihrem eigenen Besten und zum Besten einer funktionierenden Gesellschaft vernichtet werden muss.

Fotocredit: Michael Traussnigg
Aus Affäre wird echte Liebe
Ute Olschnegger und Tobias Kerschbaumer verstehen es von Anfang an, als Liebespaar mitsamt der Bühne zu bezaubern, deren intensives Spiel von einem magisch anmutenden Raum widergespiegelt wird. Beginnend an einem New Yorker Bahnhof, wo sich der doch eher sachliche, aus Europa stammende Jan und die leidenschaftliche Amerikanerin Jennifer einander zufällig treffen, verwandelt sich deren anfängliche Unsicherheit mehr und mehr in eine romantische Beziehung. Die Affäre – Jan hat eine Passage für ein Schiff zurück nach Europa – verlängert sich Tag für Tag um einen weiteren, als würden die beiden versuchen, die Zeit füreinander anzuhalten. Immer wieder kann Jan sich nicht dazu überwinden, in seine Heimat zurückzukehren, zu sehr hängt er an Jennifer, zu sehr wird seine Bindung zu ihr jeden Tag stärker.

Fotocredit: Michael Traussnigg
Man gibt sich einander her, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein
Es ist Ingeborg Bachmanns Text geschuldet, dass das nicht profan passiert, sondern von tiefgründigen Worten begleitet zu einer Annäherung wird, bei der jeder von den beiden bereit ist, immer mehr von sich für den anderen auf- und herzugeben. Von Hotelzimmer zu Hotelzimmer ziehend, immer höher hinaus, wird die Liebe heißer. Sie werden dabei aber stets beobachtet von den Eichhörnchen, die dem guten Gott untertan sind, als wären die grellen, immer wieder aufblitzenden Scheinwerfer im Hintergrund der Bühne deren Augen.
Kann sich auf diesem Weg die Sprache „ausgehen“ bis zum Ende? – die Liebe findet immer neue Worte, auch wenn nach dem wunderbaren Satz: „Ich will, was noch niemals war. Kein Ende.“ sich langsam, fast stillschweigend in den Worten der Liebenden und in den Gesprächen miteinander die Angst einschleicht, dass der ständig festgehaltene Moment nicht ewig dauern kann. Es scheint hier am Höhepunkt der leidenschaftlichen Beziehung etwas Unmerkliches zwischen ihnen aufzutauchen, das die beiden nicht wahrzunehmen imstande sind, obwohl Jan trotzdem beschließt, bei Jennifer zu bleiben und seine Schiffspassage aufzugeben, was ihn paradoxerweise vor dem Tod bewahrt.

Der gute Gott (Werner Halbedl) mit Jennifer (Ute Olschnegger) vor ihrem Ende - Fotocredit Michael Traussnigg
Es bleibt das Schweigen – und die Welt dreht sich weiter
Der magische Abend, ebenso exzellent gespielt wie inszeniert, bringt Ingeborg Bachmanns Text vielschichtig auf die Bühne. Ist es Neid, Unsicherheit, Angst vor eigenen Gefühlen oder einfach der Wunsch, die Welt funktionierend zu erhalten, der der Liebe den Tod bringen soll? Oder war der Keim von deren Ende bereits in ihr selbst angelegt, nachdem Jan nach dem Tod von Jennifer, ohne sie zu begraben, den Raum leer zurücklassend, nach Europa zurückkehrt? Der Richter schweigt dazu und der gute Gott von Manhatten geht selbstsicher seiner Wege, sich weiter seiner Aufgabe, wenn die Liebe die Welt anhält, diese wieder gnadenlos zum Laufen zu bringen, widmend.

Der gute Gott (Werner Halbedl) - Fotocredit Michael Traussnigg
„Der gute Gott von Manhatten“ von Ingeborg Bachmann im Theo Oberzeiring
Darsteller:innen: Ute Veronika Olschnegger, Tobias Kerschbaumer, Werner Halbedl, Peter Faßhuber
Konzept, Bühne und Regie: Peter Faßhuber
Termine:
21.02. (Sa), 27.02. (Fr), 04.03. (Mi), 11.03. (Mi) jeweils 20:00
08.03. (So) 17:00
Kartenreservierung unter info@theo.at
