Strömquist-Uraufführung mit Witz und Erkenntnislust

Kritik: Das Orakel spricht, Schauspielhaus Graz

Text: Sigrun Karre - 13.04.2026

Rubrik: Theater
Kritik: Das Orakel spricht, Schauspielhaus Graz

Ensemble, Fotocredit: Lex Karelly

Am 10. April feierte „Das Orakel spricht“ von Liv Strömquist im Schauspielhaus Graz Uraufführung: Regisseurin Katrin Plötner inszeniert einen Abend, der das Denken beschleunigt, den Tod verhandelt und dabei erstaunlich gut unterhält.

Erhöhtes Tempo und Zeitdruck sind nicht nur Thema auf der Bühne an diesem Theaterabend, sondern offensichtlich auch im Theaterbetrieb selbst: Beinahe hätte Regisseurin Katrin Plötner im vergangenen Jahr mit „Die Hölle auf Erden“ am Grazer Schauspielhaus eine Uraufführung herausgebracht, wäre Anna Marboe ihr am Tiroler Landestheater nicht ein halbes Jahr zuvorgekommen. In diesem Jahr scheint sich diese Parallelität fast zu wiederholen – diesmal mit Stoffen von Liv Strömquist: Anna Marboe inszenierte vor zwei Monaten am Wiener Volkstheater „Liv, Love, Laugh Strömquist“, eine Produktion mit deutlichen Schnittmengen zu „Das Orakel spricht“, während sich das Schauspielhaus Graz nun die Uraufführung der 2024 erschienenen Graphic Novel gesichert hat. Verhandelt wird dabei mit viel Witz das große Thema des Dramas: der Tod und die letztlich aussichtslosen Versuche, ihn durch Selbstoptimierung, Lifestyle und permanente Beschäftigung in Schach zu halten – ein verhängnisvoller Kreislauf, der ständig neue persönliche wie gesellschaftliche Probleme hervorbringt. Das wird auf der Bühne ausgerechnet zu einer großen, sinnlichen Party für Augen, Ohren, Hirn und Lachmuskeln. Ein Höhepunkt im aktuellen Theatergeschehen, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Katrin Plötner versammelt wieder einen guten Teil des Lazar-Teams um sich. Mit Oliver Chomik, Otiti Engelhardt, Anna Klimovitskaya, Thomas Kramer, Marielle Layher, Dominik Puhl und Luisa Schwab sind hauptsächlich Schauspieler:innen dabei, die schon in den letzten Jahren durch Lust an Performance und stark stilisierten Rollen aufgefallen sind.

Dominik Puhl, Fotocredit: Lex Karelly

Comic als Denkmaschine

Liv Strömquist schreibt keine klassisch geformten Theatertexte und liefert doch nahezu ideales zeitgenössisches Bühnenmaterial. Immerhin zeigt sie seit Jahren, wie viel Klugheit in eine Sprechblase passen kann. Ihre Texte funktionieren weniger als dramatische Handlung denn als gedankliche Anordnung – pointiert, assoziativ, gedanklich anspruchsvoll, aber leicht zugänglich in der Form. Katrin Plötner hat sich bereits 2022 und 2024 am Staatschauspiel Dresden mit Bühnenfassungen von Comics der Liv Strömquist auseinandergesetzt und ist damit sowohl in der Übertragung des Comic-Mediums ins Theatrale versiert als auch mit Strömquists gedanklichem Kosmos vertraut. Die Anfangsszene setzt reduziert an: Die Bühne (Bettina Pommer) ist nur einen schmalen horizontalen Spalt weit geöffnet, das Licht stammt ausschließlich von den Smartphones der Darsteller:innen. Dieses Einstiegsbild erinnert ein wenig an ein Comic-Panel, das den Blick fokussiert. Die räumliche Enge wird unmittelbar erfahrbar und zwingt die Spieler:innen buchstäblich in die Knie. Ein hübsch klaustrophobischer Auftakt, der gleich klar macht, wo wir hier sind: im Dauer-Scroll-Modus der Gegenwart. Wenig später öffnet sich der Raum, die Bühne steigt steil nach hinten an und fordert die Körper der Darsteller:innen auf neue Weise – nur um sich gegen Ende wieder zu schließen. Was dazwischen passiert, ist ein rasantes Rein- und Rausköpfeln, ein permanenter Rollenwechsel und ein konzentriertes Geflecht aus Theorie, Pop und Gesellschaftsanalyse. Mehr – und vor allem humorvoller – am erhöhten Puls einer dauerkränkelnden Gegenwart geht kaum.

Thomas Kramer, Anna Klimovitskaya, Fotocredit: Lex Karelly

Lustvoll im Ausnahmezustand

Als erster „Influencer“ hat Star-Astrologe Carroll Righter sein "Bühnendebüt", der mit den Reagans befreundet war, exzentrische Astro-Partys schmiss und sogar Adorno zu einem Essay inspirierte. Die Conclusio seiner Ratschläge: „hübsch sein und Spaß haben“ – „als wäre das eine fucking Hausaufgabe“. Die Idee ist offenbar langlebig, passt sie doch gut zum Neoliberalismus dieser Tage, der noch für jedes Bedürfnis eine Ware erfunden hat. Oder auch andersherum. Die Bühnenadaption (Dramaturgie: Anna-Sophia Güther) bleibt – abgesehen von einigen tagesaktuellen Einwürfen – sehr nah an der Vorlage. Und die ist umfangreich. Die Darsteller:innen tragen die über zweistündige Performance mit vollem Einsatz, tollem Gesang und einem Text, der dank seines theoretischen Unterbaus alles andere als leichtgewichtig ist. Dass das dennoch so mühelos wirkt, liegt an der ausdauernden Spielfreude der Schauspieler:innen, die den Abend durchgehend auf hohem Energielevel hält. Da gibt es Gras mampfende Ziegen, eine unsympathische Gottheit, Frösche, den Tod persönlich ... In Sportbekleidung und Flossen oder als personifizierter Stern werfen sich die Darsteller:innen auf riesige Smileys und in neue Rollen. Die Comic-Ästhetik wird von der Ausstattung (Kostüme: Johanna Hlawica) ebenso kongenial umgesetzt wie im Spiel: Es wird viel gestorben, aber slapstickhaft fröhlich und ohne großes Aufheben – und im nächsten Moment schon wieder in eine neue Figur „inkarniert“. So mitreißend kann nur Theater sein – ein Feuerwerk für die Synapsen. Und eines, das seine intellektuelle Schärfe nie ausstellt, sondern beiläufig mitlaufen lässt.

Anna Klimovitskaya, Dominik Puhl, Fotocredit: Lex Karelly

Pop, Theorie und Todesangst

Neben den eher mehr als weniger fragwürdigen Influencer:innen und ihren "alltagstauglichen" Ratschlägen kommen auch Denker:innen wie Eva Illouz, Hartmut Rosa, Sigmund Freud oder Slavoj Žižek ins Spiel. Zygmunt Bauman bringt es dabei lakonisch auf den Punkt: Der moderne Mensch neige dazu, die Angst vor dem Tod „in übersichtliche Stücke zu teilen“ – so sei der Tod „vom Henker zum Gefängniswärter geworden“. Ein Gedanke, der sich als beunruhigender Unterton durch den Abend zieht. Die Musik (Benno Hiti) bedient die Nostalgie der Generation X und erreicht auch ein jüngeres Publikum, bei dem die 80er längst wieder rotieren. Bobby McFerrins „Don’t Worry, Be Happy“, Rage Against the Machine mit „Killing in the Name“ oder der Pink-Floyd-Evergreen „Shine On You Crazy Diamond“: präzise gesetzte Einsätze, die genau dann kommen, wenn sie gebraucht werden. Mehr davon wäre – bei der textbedingten Länge des Abends – eher Ballast als Gewinn. Was bleibt, ist ein Abend, der das Denken beschleunigt, ohne sich je zu überhitzen, in dem Spiel, Inszenierung, Text und Ausstattung präzise ineinandergreifen: Nichts ist zu viel, nichts zu wenig. Er hält seine gedankliche Tiefe in Bewegung, ist schnell, klug, popkulturell grundiert und leichtfüßig im Umgang mit schweren Themen. Ein Abend, aus dem man inspiriert und erstaunlich gut gelaunt wieder herausgeht und der den Gesprächsstoff für danach gleich mitliefert.

Ensemble, Fotocredit: Lex Karelly

Das Orakel spricht

Eine poptheatralische Sinnsuche nach der Graphic Novel von Liv Strömquist. Uraufführung

Team:

Oliver Chomik, Otiti Engelhardt, Anna Klimovitskaya, Thomas Kramer, Marielle Layher, Dominik Puhl und Luisa Schwab

Regie: Katrin Plötner

Bühne: Bettina Pommer

Kostüme: Johanna Hlawica

Musik: Benno Hiti 

Licht: Anton Oswald

Dramaturgie: Anna-Sophia Güther

Video: Michaela Tatra, Raphael Ruff