Getanzte Social-Media-Aktivitäten
Kritik: Challenge, Mezzanin Theater
Text: Robert Goessl - 16.02.2026
Rubrik: Theater
Aus Interviews von Expert:innen zwischen 9 und 15 Jahren bringt das Mezzanin Theater zusammen mit vier Tänzer:innen eine Reflexion zum Social-Media-Konsum für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren auf die Bühne des Next Liberty.
Kann man Social-Media-Aktivitäten tanzen? Das funktioniert ganz gut, wenn man dabei auch erzählt und die „Rahmenbedingungen“ sich live auf der Bühne zusammenstellen lassen. Denn neben den Tänzer:innen gibt es dort nicht viel mehr, als vier rechteckige Rahmen, die mit LEDs bestückt unterschiedliche Farbschemen wiedergeben können, und entsprechend der Situation aufgestellt oder auch hingelegt werden.

Fotocredit: Lex Karelly
Die Expert:innen lassen tanzen
Im Vordergrund stehen die Stimmen der Expert:innen aus dem Off, auch wenn sich zunächst einmal die vier Tänzer:innen dem Publikum vorstellen und auch ihre eigenen Pläne und Wünsche dabei äußern. Jede(r) von ihnen bevorzugt auch einen Tanzstil (Breaking, Break-Dance, Hip-Hop, House), wobei die Unterschiede wohl nur von Expert:innen zu erkennen sind. Auch wenn sie sich bei ihren Performances verausgaben, so tanzen sie im Wesentlichen nicht für sich selbst, sondern setzen die Stimmen und deren Gesagtes aus dem Off in Bewegungen mit hoher Synchronität um. Es ist, als ob das Gehörte live und spontan körperlich reflektiert wird. Und immer schwimmt dabei auch etwas Selbstironie mit – vor allem, wenn die Tänzer:innen mit so manchem Dialektausdruck zu kämpfen haben.

Fotocredit: Lex Karelly
Wenn man darüber nachdenkt, wirkt plötzlich alles etwas anders
Tatsächlich zeigen sich in den Interviews die Sorgen und Ängste stärker als die Begeisterung. Man hat als Zuschauer das Gefühl, dass in dem Moment, in dem die Kinder und Jugendlichen zum Nachdenken über ihr Sozial-Media-Verhalten angehalten werden, die Selbstreflexion in den Vordergrund kommt. Es geht dabei viel um Gruppenzwänge, Mobbing und Abhängigkeiten, um Blasen, Aufmerksamkeitsspannen und Stress bei dem enormen Tempo, online schnell genug zu reagieren. Man fühlt auch den Wunsch von so einigen, etwas mehr davon loszukommen, verbunden mit der Angst, dadurch etwas zu versäumen und damit ausgeschlossen zu werden, was auch sehr für das Suchtpotenzial spricht.

Fotocredit: Lex Karelly
Die Überforderung wird körperlich sichtbar
Mit der getanzten Körperlichkeit wird die Anstrengung und der Stress beim Konsum von Social-Media-Inhalten spürbar, die geistige Aktivität wird so anschaulich durch Schweiß und Verausgabung sichtbar gemacht, wobei auch so manche Challenge dabei auftaucht – von angeberisch tänzerisch einen Kopfstand samt Drehung zustande zu bringen bis hin zu einer Minute absoluter Stille als Gegenpol, womit sich auch so manch absurder Zusammenhang ergibt:
„Man trifft sich zum Nichtstun. Aber Hauptsache, man tut nicht allein nichts. So ist es schön, wenn jemand so neben dir ist.“
Doch der schönste Satz des Abends betrifft diejenigen, die auf TikTok, Instagram und Co. nur selbstdarstellerisch und zerstörend posten – metaphorisch von der virtuellen in die reale Welt gesetzt:
„Er ist zwar anwesend, sitzt aber im Eck“.
Die hohe Dynamik auf der Bühne ist toll anzusehen, aber wie auch die Inhalte bei TikTok, Instagram, Snapchat und Co. bleibt die Performance insgesamt oberflächlich auf das Zeigen von Gedankensplittern beschränkt, die insgesamt nur einen Zustand widerspiegeln, der durchaus Sorgen machen sollte.

Fotocredit: Lex Karelly
„Challenge“ vom Mezzanin Theater am Next Liberty
Tänzer:innen: Sydney Amoo, Darius Berg, Isa Lientschnigg, Tatiana Rainer
Konzept & Regie: Hanni Westphal
Choreographie: Lin Verleger
Musik / Komposition: Denovaire
Ausstattung: Christina Bergner
Lightdesign: Tom Bergner
Dramaturgie: Dagmar Stehring
Regieassistenz: Anna Westphal
Social Media-Expert:innen (Stimmen aus dem Off): Ardita, Corinna, Elmedina, Emma, Jakob, Leonie, Mathias, Mercedes, Mia, Sebastian, Sedefa, Selina, Simon, Quentin, Tarek, Timo, Yazen
