Preisgekröntes Stück von Lisa Wentz in Höf
Kritik: Adern, Gold & Pech Theater
Text: Sigrun Karre - 09.03.2026
Im Gold & Pech Theater in Höf unweit von Graz, stand am 7. März die Premiere von Lisa Wentz’ Stück Adern auf dem Spielplan. Das Stück der 1997 in Tirol geborenen Autorin gehört derzeit zu den meistbeachteten neueren deutschsprachigen Dramentexten. Lisa Wentz wurde dafür mit dem Retzhofer Dramapreis 2021 sowie mit dem Nestroy-Theaterpreis 2022 für das beste Stück ausgezeichnet.
Nach der Uraufführung im Wiener Akademietheater folgten Inszenierungen unter anderem am Landestheater Tirol und am Stadttheater Klagenfurt. Dass sich nun das kleine, sehr engagierte Theater von Jula Zangger in der steirischen Provinz des Textes angenommen hat, ist bemerkenswert, zugleich aber thematisch schlüssig. Regie führt Ursula Leitner, die am Hoftheater Höf bereits mit Christine Lavants Wechselbälgchen einen literarisch wie historisch ähnlich verorteten Stoff inszeniert hat. Auch dieser Text spielt in einem ländlichen Milieu der Nachkriegszeit – dort unter Knechten und Mägden auf einem Bauernhof, hier im Umfeld einer Bergarbeiterfamilie. Nach längerer erfolgloser Herbergsuche entstand aus dem Hoftheater Höf 2025 schließlich das neu errichtete Gold & Pech Theater.
-Valentin-Werner2.jpg)
Fotocredit: Valentin Werner
Reduktion mit klaren Bildern
Das Bühnenbild – gestaltet von Isabella Müller Fuchs, David Tomaschitz und Jula Zangger – arbeitet mit einer klaren, reduzierten Bildsprache. Eine zentrale zweistöckige Holzkonstruktion erinnert – je nach Perspektive – an ein gezimmertes Hochbett oder eine Bergbaugrube und macht die beiden Lebensräume der Figuren sichtbar: das Leben „über Tage“ und die Arbeit unter Tage im Bergwerk.
Ein historischer Grubenhunt auf Schienen, den das Montanmuseum Graz zur Verfügung gestellt hat, sowie graues Gestein, das dann und wann von Hand geschlagen wird, verstärken die Anmutung einer kargen, von harter Arbeit geprägten Welt. Das Zuhause der Figuren wird dagegen mit wenigen Mitteln markiert, vor allem durch eine einfache Holzbank, auf die Rudolf seine Frau Aloisia im Laufe des Abends immer wieder einlädt: „Mogst di net a bissl hersetzen?“ Und wenn die beiden später eng ineinander verschlungen auf dieser viel zu kleinen Bank gemeinsam einschlafen, wirkt das erstaunlicherweise weniger grotesk als innig. Die Kostüme von Sigrid Dreger unterstützen diese reduzierte Ästhetik und bleiben bewusst nah an der Realität einer alltäglichen Arbeitswelt.
-Valentin-Werner3.jpg)
Fotocredit: Valentin Werner
Langsames Wachsen
Im Zentrum des Stücks steht die Beziehung zwischen Aloisia und Rudolf. Lisa Wentz hat sich für ihre fiktionale Familiengeschichte von den Biografien ihrer Urgroßeltern inspirieren lassen. Die beiden Hauptfiguren begegnen einander nicht aus romantischen Gründen: Rudolf ist verwitweter Tiroler Bergarbeiter mit mehreren Kindern und sucht eine Frau, die sich um Haushalt und Familie kümmern kann. Aloisia wiederum reist mit ihrer Tochter aus Niederösterreich an, nachdem sie eine entsprechende Zeitungsannonce gelesen hat. Sie sucht vor allem eine Perspektive für sich und ihr Kind.
Selina Heindl als Aloisia und Kilian Klapper als Rudolf gestalten diese sich zart und etwas holprig anbahnende Beziehung mit großer Nuanciertheit und Genauigkeit. Das Stück verfolgt weniger dramatische Wendungen als vielmehr ein langsames, vorsichtiges Zusammenwachsen zweier Menschen, deren Leben stark von Arbeit, Verantwortung und den Nachwirkungen des Krieges geprägt ist. Beide tragen dabei ihr eigenes Geheimnis mit sich – Erfahrungen, über die lange nicht gesprochen wird und die immer wieder als leiser innerer Konflikt spürbar bleiben.
In der Reduktion liegt die Kraft des Abends: Sprache und Darstellung sind so aufrichtig und anrührend, dass sie zugleich schmerzen und trösten.
Henriette Rauth schlüpft gekonnt gleich in vier Rollen: Sie spielt Aloisias eifersüchtige und ihr doch verbundene Schwester Herta, die die Schwester zur Rückkehr nach Niederösterreich überreden will, Rudolfs Kumpel Danzel, der nie ein Geld, dafür immer einen Schnaps dabeihat, Rudolfs Tochter Theres, die gegen den Willen des Vaters wegzieht, und den unheilvollen Berg. Die erst fünfjährige Frieda Zangger ist als Kind via Einspielung zunächst aus dem Off zu hören und gibt am Ende des Abends mit klarer Stimme ein bemerkenswert sicheres Bühnendebüt.
-Valentin-Werner5.jpg)
Fotocredit: Valentin Werner
Sprache der Andeutung
Die Stärke des Textes liegt in seiner authentischen, unaufgeregten Sprache. Sätze und Dialoge bleiben oft fragmentarisch; vieles wird nur angedeutet, manches bleibt unausgesprochen. Gerade dadurch entsteht ein flirrender Raum für Zwischentöne. Die Figuren tragen Erfahrungen von Krieg, Verlust und harter körperlicher Arbeit mit sich. Gleichzeitig finden sich in den Dialogen immer wieder kleine Momente von Zärtlichkeit und trockenem Humor. Die Jahre vergehen im Verlauf des Stücks beinahe beiläufig: Politische Ereignisse wie der Staatsvertrag tauchen am Rand – via Radionachrichten – auf, Familienkonstellationen verändern sich, Kinder werden erwachsen.
Ein kurzer Urlaub am See in Kärnten – einer der wenigen lichten Momente im gemeinsamen Leben – wirkt gegen Ende des Stücks wie ein vorsichtiger Höhepunkt, der zugleich schon ahnen lässt, wie brüchig dieses Glück bleiben wird. Das große Bühnendrama bleibt aus. Stattdessen passiert etwas viel Schwierigeres auf der Bühne: das Drama eines gewöhnlichen Lebens. Am Schluss steht Aloisia noch einmal vor einer Entscheidung. Das Stück lässt offen, wie ihr Leben weitergeht. Sichtbar wird jedoch eine starke Frau, die trotz aller Brüche ihren eigenen Weg behauptet.
Musikalisch wird der Abend wohldosiert akzentuiert. Benjamin Klug schafft mit Akkordeon, Schlagwerk und einem singenden Weinglas einen eigentümlichen Soundtrack: mal Grubenlärm, mal ein fast schwebender Klang, der über der Szene liegt wie Staub im Gegenlicht. Es sind keine großen musikalischen Gesten, eher kleine akustische Adern, die sich durch den Abend ziehen. Und dazwischen: am Punkt platzierte Stille, die nicht anstrengt, sondern die Geschichte atmen lässt.
-Valentin-Werner.jpg)
Fotocredit: Valentin Werner
Zwischen Bergwerk und Familiengeschichte
Der Titel ist dabei mehr als eine Bergbau-Metapher. Natürlich verweist er auf die Erzadern unter der Erde, jene unsichtbaren Linien, entlang derer Bergarbeiter ihr Leben riskieren und die zugleich die Lebensgrundlage der Figuren bilden. Doch der Begriff lässt sich ebenso als Bild für das lesen, was durch Generationen weitergegeben wird: Erinnerungen, Erfahrungen, Traumata – und oft hartnäckiges Schweigen. Aber auch: Zuneigung, Nähe, Liebe.
Die Inszenierung von Ursula Leitner hält konsequent die Balance zwischen Reduktion und Feingefühl. Nichts wird übererklärt, nichts sentimental ausgestellt. Stattdessen entsteht eine stille, konzentrierte Spannung, die bis zur letzten Szene trägt. Das Ensemble spielt mit einer Präzision, die fast unspektakulär wirkt – und gerade deshalb berührt.
Das Gold & Pech Theater zeigt mit dieser Produktion, dass auch abseits großer Bühnen anspruchsvolle zeitgenössische Dramatik mit großer Aufmerksamkeit für Sprache und Atmosphäre ohne Abstriche umgesetzt werden kann. Adern entfaltet seine Wirkung nicht durch dramatische Zuspitzung, sondern durch die behutsame Darstellung eines gemeinsamen Lebens mit all seinen Brüchen, Belastungen und seltenen, aber umso heller funkelnden Momenten des Glücks. Text, Inszenierung, Timing und schauspielerisches Können – hier passt einfach alles. Die rund 90-minütige Produktion ist trotz fehlender großer Handlung keine Sekunde zu lang. Ein leiser, sehr genauer Theaterabend. Anschauen!
-Valentin-Werner4.jpg)