Vera Hagemann und Theater Quadrat verarbeiten Virginia Woolf

Kritik: A Room of One’s Own, Theaterhaus Graz

Text: Sigrun Karre - 30.04.2026

Rubrik: Theater
Kritik: A Room of One’s Own, Theaterhaus Graz

Vera Hagemann nimmt sich Virginia Wolfs Kult-Essay vor (Fotocredit: Nicolas Pleasure Galani)

Theater Quadrat und Vera Hagemann (zweite liga für kunst und kultur) haben Virginia Woolfs Text A Room of One’s Own bühnentauglich gemacht und in einer energiegeladenen Inszenierung auf die Bühne des Theaterhauses Graz gebracht.

Virginia Woolfs bald hundertjähriges feministisches Manifest auf die Bühne zu bringen, war schon länger eine Idee von Vera Hagemann (zweite liga für kunst und kultur) – nun hat sie sie in einer Koproduktion mit dem Theaterhaus Graz realisiert. Und man spürt, wie viel von Vera Hagemanns eigenem Denken, Witz und Herzblut in diesem Theaterabend steckt, der ein auffallend junges und – weniger überraschend – überwiegend weibliches Publikum anzieht.
Kritik: A Room of One’s Own, Theaterhaus Graz

Werner Halbedl, Alexander Kropsch. (Fotocredit: Nicolas Pleasure Galani)

Mansplainer und Marlenehosen

„Ja, ist noch jemand hinter dem Vorhang?“ – ein kleines Geplänkel, das Mehrdeutigkeit andeutet, bevor es zur Sache geht. Und die ist weiblich. Das Solo von Vera Hagemann, ein facettenreiches Potpourri aus den Alter Egos Virginia Woolfs, wird von zwei Parade-Mansplainern (Alexander Kropsch, Werner Halbedl) konterkariert, die immerhin Requisiten herankarren oder mittels Anprobe historischer Frauenkleidung den engen weiblichen Existenzraum veranschaulichen. Die Protagonistin selbst ist in dunkle Marlenehosen samt Seidenbluse und Hosenträgern gewandet – dieses Kostüm ist selbsterklärend. Herausragend gelingt es Vera Hagemann, den nicht allerleichtesten Text der britischen Autorin tatsächlich atmen und im wahrsten Sinne stattfinden zu lassen. Elegant und klug hält sie 70 Minuten lang die Balance zwischen zart ironischer Distanz – die es unbedingt braucht, um den Essay pathosfrei ins Jetzt zu holen – und emotionaler Tiefenbohrung. Nichts ist schwer, obwohl alles schwerwiegend ist. Diese Energie allein auf der Bühne zu erzeugen und durchzuhalten, ist eine stille Sensation. Daran Anteil hat nicht zuletzt eine kluge Inszenierung, die durch Meta-Szenen nicht nur die Gegenwart und die Biografie der Schriftstellerin auf die Bühne holt, sondern auch gezielt an Tempo und Lautstärke schraubt und dem Abend so zusätzliche Dynamik und Bekömmlichkeit verleiht.
Kritik: A Room of One’s Own, Theaterhaus Graz

Zlata Zhidkova., Vera Hagemann. (Fotocredit: Nicolas Pleasure Galani)

Shakespeares Schwester und Ungestörtheit für alle

Die Grenzen zwischen dem Originaltext von 1928 und seinen Adaptionen verschwimmen oft bewusst. Gerade darin zeigt sich die verblüffende Aktualität des Essays, der fast hundert Jahre später noch immer Themen verhandelt, die brennen. Die feministische Bewegung der 1920er-Jahre eins zu eins mit dem Kulturprekariat von 2026 gleichzusetzen, greift zwar zu kurz, doch in beiden Fällen steht dieselbe Frage im Raum: jene nach ökonomischer Unabhängigkeit. Ohne Geld ka Musi – und eben auch keine Literatur von Frauen. Hätte William Shakespeares fiktive Schwester Judith Zugang zu Bildung bekommen, wer weiß, welche Werke aus ihrem talentierten Kopf entsprungen wären? Vielleicht etwa Geschichten, in denen Frauen mehr Spielraum hätten, als nur die Geliebte zu sein. In der Bibliothek, in die die fiktive Figur am fiktiven College Oxbridge ja ohne männliche Begleitung gar nicht hineingehen darf, macht sie die Entdeckung, dass die Frau vermutlich das „meistuntersuchte Tier“ der Welt ist. Die vielen, fast ausschließlich von Männern verfassten Werke sind verzichtbar; fündig auf der Suche nach dem „ätherischen Öl der Wahrheit“ wird sie dann in einer queeren Geschichte, in der sich zwei Frauen ein Labor für die Forschung teilen und einander auch mögen. Schreibende Frauen gab es trotz widriger Umstände immer, die Frage ist halt, wie man mit ihnen umgeht. „Sie aber musst du mit der Fackel fest in der Hand erforschen,“ schlägt Virginia Woolf aus Vera Hagemanns Mund vor. Kanonerweiterung in Literatur und Theater ist ein viel bemühter Begriff, bis auf leuchtende Ausnahmen (wie das Schauspielhaus Graz) aber noch keine intrinsische Praxis. Gegen Ende greift Vera Hagemann das Thema Raum noch einmal auf und sinniert darüber, dass etwas, das gefühlt noch gar nicht erreicht war, schon wieder verloren gegangen ist, durch das virtuelle Dauergeplapper des Internets. Ebenfalls ein Vergleich, der immer mehr Sinn bekommt, je öfter man darüber nachdenkt.
Kritik: A Room of One’s Own, Theaterhaus Graz

(Fotocredit: Nicolas Pleasure Galani)

Wohltemperierte Klanggestaltung und Ausstattung

Vera Hagemanns konzentriert-energievolle Meister:innenleistung wird unterlegt von einer wohltemperierten Klanggestaltung (Zlata Zhidkova), die sich fast symbiotisch um und zwischen den Text schmiegt. Bühne und Ausstattung (If Nickl) sind zurückhaltend – kleine Details wie die Commedia-dell’arte-Halskrause der Musikerin oder ein mit bis zum mit sorgfältig ausgewählten Büchern bestückten Bibliothekswagerl samt dramatischem Quietschen bleiben im Gedächtnis. A Room of One’s Own ist ein unbedingt empfehlenswerten Stück mit sehr viel Tiefgang, das man sich auch ansehen kann, wenn man mit Virginia Woolf bislang nur lauwarm geworden ist. Kann oder sollte man sich auch als Mann ansehen.
Kritik: A Room of One’s Own, Theaterhaus Graz

Alexander Kropsch und Vera Hagemann inszenierten A Room of One's One im Theaterhaus Graz. (Fotocredit: Nicolas Pleasure Galani)

Kritik: A Room of One’s Own, Theaterhaus Graz

Werner Halbedl, Zlata Zhidkova. (Fotocredit: Nicolas Pleasure Galani)