Unbequeme Reise zwischen männlichen Vorurteilen und Zuschreibungen

Kritik: Jadi Carboni mit ‘Peaches grow wild along a scenic route’ im Theater am Lend

Text: Robert Goessl - 04.02.2024

Rubrik: Theater

Jadi Carboni in ‘Peaches grow wild along a scenic route’ im Theater am Lend (Credit: Richard Marxs)

In einer etwas mehr als zweistündigen Dauerperformance, bestehend aus Tanzelementen, Schauspiel, Videos und Gesang, macht Jadi Carboni die Wahrnehmung der Frau in der Gesellschaft sichtbar. Es geht dabei insbesondere um die Rolle der Frau und ihres Körpers aus männlicher Perspektive. Als Basis dienen Jadi Carboni dafür Texte aus Interviews mit Frauen unterschiedlicher Nationalitäten, die über Ihre Erfahrungen in einem patriarchalen Milieu berichten.

Das Stück beginnt damit, dass die Performerin mit Maske, eingezwängt in ein Korsettkleid als Puppe einer Spieluhr gefangen, versucht, sich in roboterartigen Bewegungen und Gesten zu befreien. Immer wieder ertönen aus dem Hintergrund Spieluhrmelodien, unterbrochen von schweren Atemzügen, Wort- und Satzfetzen. Doch es scheint sich keine Sprache zu finden, die den angemessenen Zwang auszudrücken vermag. Umgeben von Sakkos und Hosen, die auf dem Boden liegen, gelingt es ihr schließlich, die Maske und das Kleid abzulegen. Eine scheinbare Rettung ist in Sicht, diese führt jedoch nur in die Welt der perfekten Hausfrau, die die auf dem Boden liegende Kleidung in Ordnung bringt, und nebenbei ein Festmahl in der Küche vorbereitet.

Credit: Richard Marx

Always make your husband happy

Dann wird die vierte Wand durchbrochen. Zuschauer dürfen auf die Bühne und eines der Sakkos anprobieren, um sich als Business(wo)man und Familienoberhaupt zu fühlen.

Jadi Carboni verwandelt sich anschließend in eine Sexbombe, die lasziv auf der Bühne tanzt, mit Poledance ihren Körper für die Männerwelt optimiert, und die vollständige Anpassung an den männlichen Blick und dessen Wünsche als nahezu entmenschlichtes Objekt vollführt. Es wird dunkel, aus dem Off kommen sexuelle Missbrauchsfälle als selbstverständliche Konsequenz der männlichen Ausbeutung, als Folge der gesellschaftlichen Zuschreibungen, zu denen auch die Täter-Opfer-Umkehr gehört. "Der Zugriff auf meinen Körper erfolgt durch das Machtsystem von außen." Ein Aufschrei folgt mit einem wilden Tanz zu Punk-Songs der Band „Crass“ vor einem Video mit vier Frauen, die Stofffiguren formen. Ein Ausbruch aus dem männlichen Blick endet mit dem bewussten an sich Nehmen der Maske und dem Zerbröseln von Rosen.  Machtvoll und selbstbewusst wird die Vorherrschaft über den eigenen Körper und Geist wiedergewonnen und auch das Publikum darf am Ende an diesem teilhaben.

 

In teilweise drastischen Bildern und einer eindringlichen Langsamkeit wird eine Welt reflektiert, in der Frauen jegliche Individualität genommen wird, unterworfen in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der sie nur mehr ein Produkt darstellen. Es gibt keinen Raum für sich selbst, Frau ist bloß eine Erfüllerin von zugeschriebenen Aufgaben, eine Projektionsfläche der männlichen Zuschreibungen reduziert auf ihren Körper, mit all seinen menschenverachtenden Konsequenzen. Dem folgt der Versuch eines Ausbruchs, eine Rebellion, ein lautes Aufbegehren, das Hoffnung gibt. 



Noch zu sehen in Wien im WUK am 10.02. und 11.02.

Credit: Richard Marx

Robert Goessl kann man nach Ü3.000 absolvierten Theaterbesuchen wohl als "theaternarrisch" bezeichnen. Oft ist er gleich mehrmals in der Woche vor der Bühne kleinerer und größerer Theater in der Steiermark anzutreffen. Seine Passion für die darstellende Kunst beschreibt er so: "Ich habe nicht das Gefühl, etwas gefunden zu haben, sondern ich wurde von etwas gefunden."

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