„Für 'Friede, Freude, Eierkuchen' standen die Scherben nie!“

Interview: Ton Steine Scherben

Text: Sigrun Karre - 07.12.2022

Rubrik: Musik

Funky K. Götzner, Gymmick, Kai Sichtermann / Credits: Lothar Feikel

Die legendären Scherben bringen seit über 50 Jahren musikalisches Glück. KUMA im spontanen Gespräch mit Funky K. Götzner und Misha Schöneberg über die Kraft von Gefühlen, zeitlosen Songs und starken Generationen.

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Ihr habt 2015 die Reunion von 'Ton Steine Scherben' ausgerufen. Was war damals euer Beweggrund?

Funky: Es war schon Kult in Berlin zum Todestag von Rio um den 20. August in einer Akustik-Besetzung eine Schifffahrt mit der Geschichtswerkstatt zu machen und da fanden wir als Sänger und Gitarristen Tobias Hacker alias Gymmick aus Nürnberg. So ist 2015 diese Formation entstanden, alles Weitere hat sich dann ergeben.

Viele fragten sich, wie die Scherben ohne Rio Reiser funktionieren können. Wie funktionieren sie?

Misha: Das ist eine schwierige Frage, insbesondere auch für mich, denn ich halte Rio auf der Bühne für einen Genius, die Intensität seines Gesangs, seiner Performance ist unerreicht. Insofern ist diese Frage wirklich berechtigt, kein Sänger kann gegen Rio antreten und meinen, dass er ihn ersetzen kann. Aber mit Gymmick ist etwas gelungen, denn er hat eine sehr eigene voluminöse Stimme. Dann ist es auch so, die Menschen kommen zu den Konzerten aus verschiedenen Gründen, wahrscheinlich wegen der Legende der Musikkommune Scherben, zweitens kommen sie wegen der Songs. Es ist so fantastisch zu erleben, dass auch junge Leute textsicher mitsingen bei Liedern, die teilweise 50 Jahre alt sind. Ich denke, das ist das Geheimnis, trotzdem hat es der Sänger nicht einfach, aber Gymmick macht das große Klasse!

Betreibt ihr sozusagen musikalische Denkmalpflege oder gewinnen die Lieder aus den 70er und 80er Jahren womöglich gerade aktuell wieder an Relevanz?

Funky: Man könnte dem etwas Nostalgisches verleihen, aber Rio ist mit seinen Texten und uns mit unserem Lebensgefühl, das wir zusammen erschaffen haben, etwas Besonderes gelungen, insofern, als diese Musik revolutionär ist. Viele Texte geben nach wie vor Hoffnung auf eine bessere Zeit und auf Veränderung. Diese Veränderung ist ein ständiger Prozess. Themen, die in den Liedern berührt werden, wie die Freiheit der Menschen, sind bekannt seit der Antike oder noch früher. Ob es um die Ukraine geht oder afrikanische Revolutionen, es gibt immer Grundbedürfnisse von Menschen, die unterdrückt werden und natürlich ist auch die Liebe ein wichtiges Thema. Diese Urthemen werden berührt und das macht die Zeitlosigkeit der Songs aus. Misha: Was Funky sagte, kann ich alles unterschreiben. Zum Wort Denkmalpflege, ich weiß natürlich, was du damit meinst, nein, das ist es nicht. Wenn, dann wäre es sozialtherapeutische „Pflege“. Ich mache ja nur den Special Guest mit eher dunkleren Liedern, aber es kommen auch so viele junge Menschen auf unsere Konzerte und ich bekomme sehr berührende Feedbacks. Da erzählen mir Leute sie hätten bei einem unserer Konzerte zum ersten Mal seit langem wieder geweint. Das ist das Große an den Scherben, dass sie die Zeit überdauern. Es geht nicht um die alten Geschichten, sondern um das jetzt: „Es ist unsere Zeit“!

Euch treibt also nach wie vor die Vision einer humanistischeren Welt an?

Funky: Ich bin ja nicht der nach Harmonie strebende Mensch, das muss auch nicht sein, nein, es ist auch Trauer, es ist auch Verzweiflung, es ist Wut, Liebe, Hoffnung, Solidarität, alles! Für „Friede, Freude, Eierkuchen“ standen Ton Steine Scherben ja nie. Ich rede mit den Menschen, mit den Jungen, die zu unseren Konzerten kommen und da kommt zur Sprache, dass sie sich das wünschen würden, so eine ganz starke Generation zu sein, die in der Lage ist etwas zu verändern. Auf unsere Konzerte kommen Leute aller Altersgruppen, das ist schon besonders. Misha:  Ich habe da ein schönes Wort für dich. Die Scherben sind eine Mehr-Generationen-Band. Mindestens drei Generationen, oft tatsächlich aus einer Familie, sind auf unseren Konzerten.

Misha Schöneberg / Credits: Sönke Tollkühn

Die jugendliche Wut, die aus den Scherben-Liedern spricht, ist bei euch offensichtlich keiner Altersmilde gewichen. Ist das eine Haltung, die ihr euch bewusst bewahrt habt?

Misha: Altersmilde, ich weiß gar nicht, was das ist (lacht). Nein, „Empört euch!“, ist eher unsere Devise. Das ist im Sinne von Noam Chomsky eine wütende Aufforderung der Alten an die Jungen. Was wir weitergeben wollen, ist die Energie, der Mut zu kämpfen, aber auch der Mut zur Enttäuschung und Verzweiflung und das aber auch zu „stehen“ und nicht in Depressionen zu verfallen. Funky: Wir können heute zu Veranstaltungen, wo die Jungen Proteste machen, sei es das Klima oder was auch immer, sofort eingeladen oder gespielt werden. Das wäre überhaupt nicht nostalgisch!

Die Scherben standen als musikalisches Sprachrohr der Berliner Hausbesetzer-Szene für linken Widerstand gegen den Staat und das kapitalistische System. Heute gibt es in Berlin einen Rio-Reiser-Platz, Scherben-Songs wurden für Werbung des Elektronik-Riesen Media Markt verwendet und teilweise von Rechten benutzt. Ironie des Schicksals oder seht ihr das vielleicht ohnehin anders?

Misha: Die Übernahme von Songs durch die Rechten ist kein Jetzt-Phänomen, das war schon Anfang der 80er Jahre ein Thema. Wir haben die zwar gebeten, das zu lassen, aber man kann ihnen das letztlich nicht verbieten. Die Sache mit Media Markt halten wir, die Kommunen- und Band-Mitglieder für einen echten Skandal! Das zu verantworten haben andere Leute, die damit Geld gemacht haben. Ich will da jetzt keine Namen nennen. Aber das war widerlich und ist absolut zurückzuweisen. Der dritte Punkt, ja, der Rio Reiser-Platz ist ja nun nichts Kommerzielles und ja, die Zeiten haben sich verändert. Das ist jetzt keine Altersmilde, aber wenn man heute Deutschland sieht und das vergleicht mit vor 40, 50 Jahren, hat sich da viel getan. Ich war mit 22 Jahren Mönch in Indien und als ich zurückkam, habe ich in meinen Vorträgen, einen Satz gesagt. Es ist der Satz, den wir nicht hören wollten von unseren Eltern, nämlich diesen: „Wisst ihr eigentlich wie gut wir es haben?“ Deutschland ist mittlerweile in dieser Zerrüttung des Planeten eine Insel geworden und wir wissen, dass wir es in Anbetracht der fürchterlichen Bedingungen in dieser Welt, noch relativ guthaben. Dass wir heute Kräfte in den Regierungen haben, die sich ihrer Ikonen, ihrer Künstler erinnern, ist doch besser als Straßen und Plätze nach irgendwelchen Generälen oder dummen Namen zu benennen.  

 Also hätte Rio sich darüber gefreut oder zumindest nichts dagegen gehabt?

Misha: Ich habe mit ihm 10 Jahre lang gelebt und würde nicht behaupten zu wissen, was Rio dachte oder darüber denken würde. Vielleicht hätte er es zu Lebzeiten abgelehnt und gesagt „so einen Quatsch will ich nicht“, aber irgendwo in einer Ecke seines Egos hätte er sich wohl sehr gefreut. Funky: Seit Rio tot ist höre ich immer „Rio hätte gewollt“, das ärgert mich total. Wir wissen nicht, was Rio gewollt hätte. Es werden sogar Plakate geklebt und Sticker mit solchen Anmaßungen. Wir haben ja auch die unglaublichsten Stories über die Scherben gehört, Verleumdungen usw. Das ärgert mich manchmal wahnsinnig, aber wir haben uns daran gewöhnt, das wird es wahrscheinlich immer geben.

Letztes Jahr habt ihr  50-jähriges Jubiläum gefeiert. Wie lange wird es - wenn es nach euch geht - die Scherben noch geben?

Funky: Man weiß es nicht, wir werden nicht jünger. Bei 40 Jahre „Keine Macht für niemand“ hatte ich einen Herzinfarkt auf der Bühne, aber ich hab mich gut erholt, weil ich viel Sport gemacht habe und im Gegensatz zu anderen Musikern nicht so sehr mit Drogen beschäftigt war. Als Schlagzeuger musste ich körperlich fit sein und mache auch heute noch Tai Chi, spiele Volleyball und hab noch viel Freude an meinem Körper und der Bewegung. Solange es geht, möchte ich Musik machen und ich bin auch sehr glücklich, das hätte ich nie geahnt, dass ich nun als sozusagen Rentner fast mehr spiele, als damals, als wir in Original-Besetzung unterwegs waren, weil die Nachfrage so groß ist. Und dass ich das noch so schaffe, mit der Intensität ist wunderbar, ich betrachte es als meine Lebensaufgabe. Misha: Vielleicht sollte man hinzufügen, in dieser Konstellation mit Gimmick als Sänger und mir als Special Guest wird es letztmalig sein, die Tour endet mit Anfang Februar. Dann machen Funky und Kai (Sichtermann), der Bassist etwas Neues. Wir wollen alle auch musikalisch noch neue Sachen ausprobieren.

Ihr spielt am 7. Dezember im Grazer Orpheum. Graz hat seit einem Jahr eine kommunistische Bürgermeisterin, ihr habt selbst in jungen Jahren mit dem Kommunismus sympathisiert, ist diese Ideologie für euch noch zeitgemäß?

Funky: Der Grundgedanke ist in seiner Urgestalt eine gute Idee, nur ist der Kommunismus dermaßen missbraucht worden, dass es schwierig ist, ihn zu vertreten. Wir waren auch keine kommunistische Band, unser Lebensgefühl war beeinflusst durch die friedliche Kulturrevolution, die Proteste gegen den Vietnam-Krieg usw., da sind die Scherben entstanden. Misha: Das wusste ich nicht, dass Graz eine kommunistische Bürgermeisterin hat. Sie gehört der KPÖ an?

Genau

Misha: Jeder hat da natürlich seine eigene Haltung, mit Parteien und dem Kommunismus, seinen historischen Entwicklungen hat die Menschheit nicht unbedingt so gute Erfahrungen gemacht. Erst gibt es gute Ideen, die dann kippen. Stalin, Pol Pott, China usw. sind ja abschreckende Beispiele. Kommunismus als Parteienideologie ist grausam. Die Idee des sozialen Ausgleichs ist hingegen unbedingt erstrebenswert. Aber welche Partei verfolgt das tatsächlich? Wir haben so viele Probleme auf dem Planeten und ein riesiges Problem ist der unglaubliche Unterschied zwischen Arm und Reich. Da müsste ein Ausgleich stattfinden, wie, da habe ich kein Patentrezept. Die Lösung, wer hat sie?

In Graz hat der Erfolg der KPÖ weniger mit dem Parteiprogramm, sondern mit einer sozialen Wohnungspolitik und unbürokratischer Hilfe für die Ärmsten zu tun.

Misha: Was die Menschen konkret für die Menschen tun, darauf kommt es letztlich an. Genau so sollte es funktionieren, wer auch immer etwas tut, soll tun, außer die Rechten.

Tobi, Funky und Kai / Credits: Martin Fürbringer

Funky K. Götzner war ab 1974 Drummer der Scherben und als Teil der Kommune mit Rio Reiser freundschaftlich eng verbunden. Nach dem Tod von Rio hat er " Neues Glas aus alten Scherben", die erste Scherben-Nachfolge-Band mit ehemaligen Scherben-Mitegliedern gegründet.

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Misha Schöneberg stieß 1981 zur Musik-Kommune Ton Steine Scherben und war 10 Jahre lang der Lebensgefährte von Rio Reiser. Er ist Autor, Musiker, Songwriter und Sprachlehrer. 2021 erschien sein Roman "Als wir das Wunder waren. Ein deutsches Rock 'n' Roll Märchen, erzählt in zehn und einer Nacht", indem er das Lebensgefühl der 1980er und die Bandgeschichte authentisch schildert.

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