„Der Rolling Stone mag uns halt nicht“

Interview: Marco Wanda, Musiker

Text: Sigrun Karre - 22.06.2022

Rubrik: Musik

Foto: APA/Hans Punz

Marco Wanda im Gespräch mit KUMA über witzlose Krisenzeiten, Amore gegen die Spaltung und Wiener Größenwahn.

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Ihr habt beim #WeStandWithUkraine-Konzert im Ernst-Happel-Stadion vor 43.000 Menschen gespielt, abgesehen vom traurigen Anlass, wie fühlte sich das an nach zwei Jahren coronabedingter Konzertpause? Pure Euphorie oder musstet ihr euch erst wieder an so viele Menschen gewöhnen?

Also an all das habe ich nicht gedacht, mir wäre lieber gewesen, wenn wir das Konzert nicht gespielt hätten, denn das hätte bedeutet, dass es gar keinen Krieg gibt. Wir waren nur tief bewegt, dass man uns gefragt hat, ob wir da mitmachen. Es war eine große Ehre, eine große Verantwortung, dass man uns gefragt hat.

Mit der Teilnahme am Konzert habt ihr ein Zeichen gesetzt. Ihr seid keine politische Band, gibt es dennoch eine Botschaft, eine Haltung, hinter der ihr als Musiker steht?

Es gibt ganz viel, wofür wir stehen, wir sind gegen Frauenhass, gegen Homophobie, gegen Rassismus… Also der ganze linke Katalog ist der Unterbau unserer Haltung (lacht). Der Ukraine-Krieg ist für uns aber keine politische Frage, das ist ja eine humanistische Frage. Wir wollten einfach nur auf das Elend dieser Menschen aufmerksam machen. Es tun mir alle Menschen leid, die unter diesem Krieg leiden, das gilt für beide Seiten. Aber der John Lennon oder Mahatma Gandhi werde ich wohl nicht mehr in dieser Karriere. (lacht) Es ist auch eine völlig andere Zeit heute, die Dinge sind etwas komplexer als in den 1960er Jahren.

Wie wichtig ist Humor in herausfordernden Zeiten?

Ich kann so etwas Kleines wie Humor und so etwas Großes wie die Welt in ihrer Krise überhaupt nicht gegenüberstellen. Mit Humor wird man da gar nichts erreichen (lacht). Wir leben in einer sehr, sehr komplizierten und kräfteraubenden Zeit, in der wahnsinnig viel von uns verlangt wird.

Als individuelle Bewältigungsstrategie hat Humor auch keinen Platz?

Mir würde es wahnsinnig langweilig vorkommen, der Öffentlichkeit ein paar Witze zu verschreiben gegen ihre Krise. Also mir ist derzeit eher nicht zum Lachen zumute. Viel eher sollte man reflektieren in dieser Zeit als sich ablenken, sich seinen eigenen Ängsten stellen, sie nicht "überlachen". Man muss ja nicht immer funktionieren und immer toll und stark sein, man kann auch mal einbrechen, das ist absolut in Ordnung. Das habe ich mir zumindest selbst immer zugestanden.

Im September erscheint euer neues Album, das ihr in der „kontemplativeren“ Corona-Zeit aufgenommen habt. Hört man das dem Album an?

Vielleicht insofern, als ich Zeit hatte, überhaupt ein Album zu schreiben, ohne Corona hätte ich wahrscheinlich nicht so bald wieder eine Platte gemacht. Die Auseinandersetzung mit dem Leben und der Welt findet in unseren Texten seit 10 Jahren statt, da hat sich eigentlich nichts nennenswert verändert.

Hattest du als Musiker in den Corona-Jahren den Gedanken, dass es das gewesen sein könnte? Dass die Zeit der großen Live-Konzerte und somit die Zeit von Wanda vorbei sein könnte?

Ja, ich habe mich tatsächlich auch phasenweise meiner Angst vollkommen übergeben (lacht) und hab eigentlich auch schon abgerechnet. Ich habe schon mit dieser Möglichkeit mehr als nur gelebt. Ich dachte mir eine Zeit lang, dass es das gewesen sein wird in der Form, zumindest für lange, lange Zeit und habe dann aber irgendwie ein für mich sehr schönes, bewegendes Fazit gezogen, weil ich auch sehr stolz bin auf das, was wir erreicht haben, die letzten Jahre. Ich bin sehr dankbar für das, was ich erleben durfte. Unsere Musik spielt im Leben von einigen Menschen eine wichtige Rolle und das freut mich, denn mich hat Musik auch immer gerettet (lacht) und wenn jemand mit dem etwas anfangen kann, was wir da gemacht haben, dann ist das zutiefst erfüllend. Das hätte mir gereicht, ich habe schon meinen Frieden damit gemacht. Umso mehr freue ich mich aber natürlich, dass es weitergeht. (lacht)

Viele Künstler*innen sind froh endlich wieder auftreten zu können, aber vielfach ist das Publikum noch nicht zurückgekehrt, die Auslastung von Theatern, Konzert-Locations etc. ist z.T. deutlich unter der vor Corona. Ihr habt eine sehr besondere Beziehung zu eurem Publikum, bemerkt ihr davon etwas?

Ich bemerke davon tatsächlich gar nichts, bei den ersten Konzerte jetzt in Österreich und Deutschland, war tatsächlich alles wie früher, als wäre die Zeit stehen geblieben. Die Menschen waren genauso lebenslustig und sind genauso durchgedreht (lacht) wie vor zwei Jahren. Also vielleicht haben wir wirklich Glück aufgrund der Beziehung zu unserem Publikum, wie du sagst. Die Leute brauchen das jetzt glaube ich auch. Wir brauchen unbedingt einen öffentlichen Rahmen, in dem wir uns wieder ekstatisch und orgiastisch begegnen und nicht verhalten und nachdenklich.

Du hast mal gesagt, mit der Zeile „Wenn jemand fragt, wofür du stehst. Sag für Amore“ sei alles zur Band-Philosophie von Wanda gesagt. Ist das so noch gültig?

Wenn man "Amore" analog verwendet zum Begriff Humanismus, dann ja, dafür stehen wir nach wie vor. Wir möchten nicht spalten, wir möchten zusammenführen in einer Welt, die uns durch Konsum, Politik, Algorithmen in den sozialen Medien die ganze Zeit auseinanderdividiert. Dem versuchen wir mit aller Kraft entgegenzuwirken.

Liebe ist ein großes Wort und derzeit omnipräsent, sogar in der Werbung. Was kann Liebe in Zeiten des Kapitalismus sein?

Ich verbinde mit Amore nicht Liebe, sondern Nächstenliebe in Wahrheit. Christliche Nächstenliebe! (lacht)

Agape…

… oder Mahatma Gandhi hat es, glaube ich, Gütekraft genannt, es gibt ja ganz viele Begriffe, die dasselbe meinen. Wir nennen es „Amore“, aber letztlich ist es die Liebe zum Menschen und zum Menschsein. Niemandem weh tun, auch nicht sich selbst, das ist für mich „Amore“.

„Man wird ängstlicher/ Man wird einsamer/Und es muss trotzdem alles weitergehen“ so lauten Zeilen in eurer zuletzt erschienen Single „va bene“. Geht’s da (bereits) ums Älterwerden?

Wahrscheinlich geht es unter anderem auch ums Älterwerden. Ich habe das Lied geschrieben nach einem Gespräch mit meiner Mutter, ich habe sie gefragt, wie sie das Älterwerden empfindet. Sie hat gemeint, sie möchte keinen Tag mehr jünger sein und freut sich dort zu sein, wo sie ist im Leben. Aber sie hätte das Gefühl, sie werde verletzlicher. Und ich wusste sofort, als ich den Satz gehört habe, "das ist ein Song". Aber es hat jetzt Jahre gedauert, bis ich draufgekommen bin, dass ich diesem Satz noch weitere Sätze zur Seite stellen muss, und die Liste könnte man eigentlich viel länger fortführen. Natürlich geht’s auch um die aktuelle Situation in der Welt, Corona, Krieg, … Es muss ja trotzdem weitergehen, man kann sich jetzt ja nicht einfach aufgeben.

Ich habe den Song eher so verstanden, dass er das Älterwerden tatsächlich als eine Steigerung von Unzulänglichkeiten beschreibt und das hat mich interessiert. Für mich selbst bedeutet Älterwerden eher weniger ängstlich und weniger einsam zu werden.

Das ist ja wunderbar! Alles, was ich schreibe, versuche ich als Projektionsfläche bereitzustellen. Was du in dem Song siehst, ist wahrscheinlich viel wichtiger als was ich in dem Song gesehen habe, als ich ihn geschrieben habe. Der Urheber ist nicht wichtig, zumal ich meist ziemlich betrunken bin, wenn ich das schreibe. (lacht)

Foto: Wolfgang Seehofer

Euer Erfolg ist unbestritten. Das Rolling Stone-Magazin hat einmal sarkastisch geurteilt, eure Musik sei „ideal für Menschen, die sich überhaupt nicht für Musik interessieren.“ Ist das für dich eine Beleidigung oder könnte man darin sogar ein verstecktes Kompliment entdecken?

Also wir waren damals fast dankbar, dass es auch negative Kritik gab. Wenn man den Leuten vollkommen egal ist, hat man was falsch gemacht. Es ist wichtig geliebt und gehasst zu werden, wir werden eh mehr geliebt als gehasst. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, der Rolling Stone, der mag uns halt nicht. (lacht) Lustig dabei war, dass die Redaktion keine Chance hatte gegen ihre eigenen Leser*innen, von denen wir zur Band des Jahres gewählt wurden, während uns die Redaktion damals total vernichtet hat. (lacht)

Wanda besingt in einer höchst assoziativen Mischung aus Nonsens und Satzbruchstücken ein Lebensgefühl, das selbst den Tod und das Kaputte mit größtmöglicher Lebensfreude umarmt. Ist das so etwas typisch Wienerisches an euch?

Ich glaube, das ist eher ein Umgang mit den Schattenseiten des Lebens. Wir waren als Menschen, als Band, als Individuen nicht immer glücklich, das fließt natürlich alles auch in die Texte.

Aber der Umgang mit den Schatten, die Lebensfreude, die zugleich präsent ist, ist charakteristisch für euch.

Ja. Ich möchte mich der Dunkelheit nicht ergeben, daher versuche ich immer dem etwas entgegenzustellen, etwas Produktives daraus zu schöpfen.

Das Wienerische oder was man sich darunter vorstellt, erlebt seit einigen Jahren einen kulturellen Boom, das Phänomen Wanda ist Teil davon. Wieso poppt da so viel auf? Und wieso kommt das – ausgerechnet auch in Deutschland – aktuell so gut an?

Warum das in Deutschland ankommt, liegt, denke ich auch an der deutschen Musiklandschaft, die ja in Wahrheit wahnsinnig konformistisch und langweilig ist und immer nach den Regeln spielt. Wenn man in Deutschland ein Star werden will, muss man wahnsinnig einfach, fast schon einfältig, unterwürfig, höflich und so Schwiegermamas Liebling sein und ich glaube, diese Wiener Attitüde ist eine ganz andere, die ist viel größenwahnsinniger und viel wulstiger. Uns ist alles egal, wir können uns immer zurückziehen und sagen „Na gut, wenn ihr uns nicht wollt, dann bringen wir uns halt um“. Diesen frechen, nihilistischen Fatalismus, den haben die Deutschen einfach nicht.

Also kompensiert ihr da einen fremden Mangel?

Ich glaube schon.

In Deutschland muss man sich also als Künstler*in mehr mit dem Business arrangieren?

Definitiv, die deutsche Musiklandschaft ist eine Branche, die österreichische Musiklandschaft war 30 Jahre lang der Untergrund, wir konnten uns hier ganz anders entwickeln. Das ist so wie beim Fußball, wenn man zu schnell zu einem Top-Verein wechselt, kann man seine Karriere zerstören und in Deutschland geht alles zu schnell in Wahrheit.

Wie kann man verhindern, dass man Produkt wird in diesem Business? Geht das überhaupt?

Unser großes Glück ist, dass wir, schon bevor wir mit dieser großen Branchenwelt in Verbindung kamen, ein gemachtes „Set“ waren. An uns musste man nichts mehr machen, man musste uns einfach nur unterschreiben und spielen lassen. Wir waren schon groß, bevor wir groß wurden, in gewisser Weise. Ich glaube, als Solo-Künstler*in ist es deutlich schwieriger sich zu behaupten, da ist man alleine. Wir sind als Band halt auch ein wilder, lauter Haufen, wir wussten uns dadurch zu wehren gegen Versuche uns zu verbiegen, die allerdings eh selten passiert sind.

Dazu muss dann aber die Chemie in der Band auch abseits des Musikalischen passen.

Was uns in der Band verband, waren gemeinsame Feinbilder (lacht). Das beste Gefühl, das man haben kann, ist, wenn man das Gefühl hat, man kämpft als eingeschworene kleine Gruppe gegen den Rest der Welt, das war unschlagbar. Das war so unser Lebensgefühl in den ersten Bandjahren vor allem. Wir waren gegen alles, was nicht die Bühne und das Publikum war. (lacht)

Stichwort „Band-Feeling“, ihr spielt nun mit neuem, „altem“ Drummer. Valentin war vor dem Durchbruch schon einmal Teil von Wanda.

Als Lukas als Schlagzeuger ausgestiegen ist, war die Frage: „Wen lässt man da in diesen Menschenkreis, der so eingeschworen ist, nach vielen Jahren?“ Irgendeinen bezahlten Profi zu engagieren, das kam für uns natürlich nicht infrage, weil uns das Zwischenmenschliche so wichtig ist. Wir hatten großes Glück, dass Valentin nach so vielen Jahren Lust hatte, das nochmals zu machen. Ich spiele sehr gerne mit ihm. Er hat eine sehr angenehme, beruhigende Wirkung auf mich, ich trinke viel weniger auf Tour und bei Proben, seit er dabei ist. (lacht)

Du warst kürzlich auch als Starmania-Juror im Hauptabendprogramm zu sehen. Was interessiert dich an einer Castingshow?

Das stand irgendwie auf meiner To-do-Liste. Ich habe das aus sehr persönlichen Gründen gemacht, denn ich habe wahnsinnige Angst vor TV-Kameras und das ist in meinem Beruf natürlich gefährlich. So lange gefilmt zu werden war mir wahnsinnig unangenehm und es wird mir auch immer unangenehm bleiben, aber ich habe ein Stück weit meine Angst besiegt.

Hast du sonst eine Erfahrung mitgenommen aus der Teilnahme?

Nicht wirklich. (lacht)

Auch im Kino bist du derzeit zu hören. Du hast drei Lieder zur Verfilmung von Christine Nöstlingers "Geschichten vom Franz" beigesteuert. Wie kam es dazu? Die Frage, ob du mit den Büchern von Nöstlinger aufgewachsen bist, erübrigt sich vermutlich.

Ja, das stimmt. Normalerweise sage ich solche Anfragen ab, weil ich nicht gerne etwas anderes mache, als für Wanda zu schreiben. Aber der Regisseur hat mir erklärt, er möchte mit diesem Film Kindern nach zwei Pandemie-Jahren eine Freude machen. Und da hat es bei mir Klick gemacht, das fand ich schön und berührend. Beim Schreiben habe ich mir vorgestellt, was ich, hätte ich Kinder, ihnen sagen wollen würde. Ich wollte ihnen ein bisschen Mut oder eine Freude machen. Der Film ist auch sehr gelungen und wirklich witzig.

Am 16. Juli gastiert ihr im Zuge eurer Tour in Graz in der Freiluftarena der Messe Graz. Ihr habt schon öfters hier gespielt -

Genau, Rock ’n’ Roll City!

Du bist meiner Frage zuvorgekommen, ich wollte wissen, was dir spontan zu Graz einfällt. Jetzt ernsthaft.

Ja, ja, wirklich: Rock ’n’ Roll City! Wir haben ja tatsächlich oft in Graz gespielt, begonnen bei kleinen Clubs bis hin zum großen Open Air-Gelände bei der Messe. Es fühlt sich immer an, wie nach Hause zu kommen. Gut erinnern kann ich mich an ein Konzert, der Club hieß irgendwie Alte Post –

Postgarage?

Ja, genau! Das war faszinierend, ich kann mich gar nicht erinnern, ob die erste Platte schon raus war, jedenfalls stand da eine riesige Schlange von Menschen mit Schildern, die unbedingt Karten wollten, weil das Konzert restlos ausverkauft war. Das war außerhalb von Wien das erste Anzeichen von „Wanda-Mania“, (lacht) dafür sind wir Graz für alle Zeit dankbar.