„Humor und Selbstkritik gegenüber dem lokalen Status quo“

Interview: Ekaterina Degot

Text: Lydia Bißmann - 12.07.2022

Rubrik: Kunst

Ekaterina Degot (Foto: Marija Kanizaj)

Ekaterina Degot ist seit Jänner 2018 Intendantin des steirischen herbst und wurde im Frühjahr auf weitere fünf Jahre verlängert. Wir sprachen mit ihr über das diesjährige Festivalprogramm und den Krieg als Thema.

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Ihre erste Periode der Intendanz war überschattet von der Pandemie und ging nahtlos in die nächsten Krisen über. Warum haben Sie sich für das Thema Krieg als Festivalthema entschieden?

Die Tatsache, dass wir uns eine solche Frage überhaupt stellen können, beweist, dass unser Titel richtig ist: Für viele Menschen in Europa ist jeder Krieg seit vielen Jahren „ein Krieg in der Ferne“, der nicht wirklich wahrgenommen wird. Für mich hingegen ist der Krieg in der Ukraine das Einzige, was momentan zählt. Und zwar nicht nur für die Ukraine oder Russland, sondern für ganz Europa, ja sogar für die ganze Welt. Sein Ausgang, oder das Fehlen eines solchen, wird die kommenden Jahre bestimmen. Es ist sehr schwierig, über diesen Krieg nachzudenken, so unmenschlich und gewalttätig er ist. Aber man kann „um ihn herum“ denken, ihn vergleichen, kontextualisieren, damit zusammenhängende Geschichten erzählen und über seine Wurzeln nachdenken. Und das ist es, was wir mit unserem Festival in diesem Jahr machen können.

Sie veranstalten bereits die vierte Ausgabe des steirischen herbst. Wie gut kennen Sie die heimische Szene inzwischen?

Der offene Aufruf für lokale Projekte, den wir seit dem ersten Jahr veranstalten, hat enorm dabei geholfen, Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren und Projekte zu entdecken. Dieses Jahr sind zum Beispiel „Haus lebt“ in Hartberg, „Regina“, eine extravagante partizipative Oper auf Schloss Pichl, ein sehr reichhaltiges Programm des Vereins APORON 21 und ein komplexes Projekt über das Erbe der Industriearchitektur in der Steiermark, Kärnten und Slowenien, um nur einige zu nennen, über diesen Aufruf zu uns gekommen. Es gab auch Namen, die wir uns gemerkt haben und für die Zukunft auf dem Schirm behalten, auch wenn es diesmal nicht geklappt hat. Ich halte es für sehr wichtig, dass der steirische herbst verschiedene lokale Initiativen aufnimmt, jedes Mal neue, und dass sie solidarisch sind. Ich freue mich auch, dass ich nach fünf Jahren gar kein Thema mehr vorgeben muss, sondern instinktiv verstanden wird, welche Art von Projekten wir suchen: solche, die den Geist der Avantgarde mit der Energie des Populären verbinden, solche, die sich aktiv mit dem Publikum auseinandersetzen, aber nicht auf didaktische Weise, sondern politisch, aber voller Fantasie und Imagination, und mit einem Sinn für Humor und Selbstkritik gegenüber dem lokalen Status quo. Das ist der steirische herbst. Und es freut mich zu sehen, dass die konzeptuelle Qualität der Projekte, die wir über den Aufruf erhalten, sich jedes Jahr aufs Neue übertrifft.

Seit 1968 betreibt das Festival mit den Mitteln der Kunst Gesellschaftskritik. Ist der Krieg nicht auch eine sehr angewandte und grausame Form von Kritik an einem bestehendem System?

Das ist ein interessanter Punkt. In der Tat kann man sagen, dass Putins Krieg eine perverse Übersetzung des intellektuellen Verfahrens der Kritik in die Dimension der Gewalt ist: „Du kritisierst, ich greife an.“ Er glaubt wirklich an rohe Gewalt und hält den Westen für schwach. Wird der Westen zeigen, dass dies nicht der Fall ist?

Es gibt nach wie vor Menschen, die glauben, Putin sei Kommunist und die Ukraine voller Nazis. Wo braucht es Ihrer Meinung nach mehr Information und Aufklärung, um die Situation besser zu verstehen?

Europa muss noch viel über die Geschichte, die Kultur und sogar die Geografie der Ukraine lernen, aber auch die komplexe soziale und politische Geschichte der Sowjetunion verstehen, die noch immer so viel in der Ukraine bestimmt. Einfach, weil viele Ukrainerinnen und Ukrainer in ihr geboren wurden und gelebt haben. Man muss den Menschen zuhören, sich ihre Geschichten anhören und für alles offen sein. Ich hoffe, unsere Prolog-Ausstellung mit Videos und Filmen über die Ukraine kann dabei helfen.

Herzstück des steirischen herbst 22 soll eine Art kunsthistorisches Museum in der Neuen Galerie werden. Können Sie uns dazu schon etwas verraten?

Ich habe letztes Jahr mit der Arbeit an der Ausstellung begonnen, bin die Sammlung durchgegangen und habe entdeckt, dass es dort viele interessante Dinge gibt. Auch wenn sie nicht immer Meisterwerke im rein formalen Sinne sind. Roland Barthes nannte dieses Gefühl „punctum“ – wenn man auf einem Foto (oder, für mich, auf einem Gemälde) etwas sieht, das einen „durchdringt“, etwas, das man nicht vergessen kann, das einem eine Geschichte erzählt, auch wenn die Künstlerinnen und Künstler es so nicht geplant haben. In der Ausstellung geht es um diese Geschichten, die uns die Bilder erzählen, wobei zeitgenössische Kunstwerke als Kommentar, als Kontrapunkt hinzukommen. Schon letztes Jahr habe ich beobachtet, dass es in der Neuen Galerie viele Gemälde aus dem 19. oder 20. Jahrhundert gibt, die einen Krieg in der Nähe andeuten: Rekruten im Kommen und Gehen, Offiziere im Urlaub, Landschaften mit Flüchtlingen. Aber sie zeigen den Krieg nie direkt, nur als Gefühl. So ist dieser Titel entstanden. Dann kamen andere Werkgruppen dazu – etwa, nur als Beispiel, eine, die mit der Idee einer „künstlerischen Sommerkolonie“ zu tun hat. Das klingt unschuldig, aber wenn Wiener Künstlerinnen und Künstler in Ungarn Roma malen, umweht dies ein Hauch von echtem Kolonialismus. In vielen Gemälden haben wir verborgene Konflikte entdeckt, tief vergrabene Geschichten. Die Ausstellung wird sie in mehreren Kapiteln enthüllen. Und es wird einige überraschende Ergänzungen geben, kuratorische Interventionen. Ich hoffe, die Ausstellung wird ungewöhnlich sein.

In der Prolog-Ausstellung benenn Dana Kavelina ihre Arbeit „Letter to a Turtledove“. Ein Brief eines russischen Vergewaltigers an seine Opfer. Allein das Lesen des Titels schmerzt schon. Ist dieser Krieg nicht auch ein Krieg explizit gegen die Frauen?

Jeder Krieg zielt auf Frauen und trifft sie besonders hart, weil Kriege auf einer patriarchalischen Ordnung basieren. Putin und seine Verbündeten, die orthodoxe Kirche und der tschetschenische Führer Ramsan Kadyrow, wollen ein extrem patriarchalisches Russland, mit blindem Glauben, der Unterwerfung unter „traditionelle Werte“, aufgezwungener Heteronormativität, legalisierter häuslicher Gewalt und einer reaktionären Tradition, die alles Moderne unterdrückt. Putins Krieg in der Ukraine ist eine gewaltsame Fortsetzung seines Krieges gegen die Russinnen und Russen selbst. Wie wir leider sehen, erhebt die patriarchalische Ordnung heute überall auf der Welt ihr Haupt. Österreichische Künstlerinnen und Künstler haben sich in der Vergangenheit in der Kritik daran besonders hervorgetan; das ist Teil der herbst-Geschichte.

Unter dem Punkt: „Kunst der Verführung“gibt es sechs Ausstellungen zum Thema Grafikdesign im Spannungsfeld von Kunst und Werbung. Als Medium dient das Poster. Ist das Plakat aktueller denn je?

Ich glaube, es gibt eine starke Nostalgie in Bezug auf Plakate und das Design früherer Zeiten, insbesondere der 1960er und 1970er und dann der Neunzigerjahre, die für den steirischen herbst besonders wichtig waren. Es waren Zeiten des politischen Wandels, der als positive Öffnung wahrgenommen wurde. Es herrschte ein gewisser gesellschaftlicher Optimismus und der Wille zu einem starken Statement. Das fehlt uns heutzutage.

Sie bringen im Forum Stadtpark die Tradition des politischen Kabaretts wieder zurück ins Geschehen. Warum haben sie sich für diese Kunstform entschieden?

Ich denke, dass wir in Zeiten wie diesen mehr Sinn für Humor und Freiraum in Bezug auf politische Themen benötigen. Ich interessiere mich für Formate, die den direkten Kontakt mit dem Publikum mit einem gewissen Maß an komplexer künstlerischer Reflexion verbinden. All dies führte zu der Idee eines künstlerischen Kabaretts. Als ich erfuhr, dass es bei unserer Partnerinstitution Forum Stadtpark schon einmal ein Kabarettprogramm gab, war ich mir sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Ein Mitbringsel der Coronapandemie war der Verlust des Vertrauens in die Medien einer bestimmten Bevölkerungsgruppe und die Hinwendung zu alternativen Kanälen wie Telegram. Welche Auswege gibt es aus dieser Misere?

In vielen Ländern, die nicht in den Genuss einer gemütlichen „Westlichkeit“ kommen, spielt Telegram eine ganz andere Rolle, die einer Nachrichtenquelle, die der politischen Zensur entgeht. Es ist ein sehr wichtiges Instrument des zivilen Widerstands und der Mobilisierung. Ich denke, wir alle müssen die Fragmentierung der Medien und die Tatsache akzeptieren, dass sie progressive und reaktionäre Inhalte transportieren können. Genau wie die Kunst.

Was wird es in dieser Saison 22 noch alles geben, worauf das Publikum die letzten beiden Jahre verzichten musste?

Ich hoffe, dass wir wieder ausgelassen zusammenkommen, um das Programm drinnen wie draußen zu besuchen, uns umarmen und endlich wieder über etwas anderes reden können als Coronazahlen.