Slangpoesie als Missing Link

Interview, Markus Binder, Attwenger

Text: Lydia Bißmann & Sigrun Karre - 18.06.2023

Rubrik: Musik

HP Falkner und Markus Binder sind das Dialektpop-Duo Attwenger (Credit: Gerald von Foris)

Nach einem Jahr Auftrittspause sind Markus Binder und HP Falkner zurück auf den Konzertbühenen. Markus Binder hat sich mit KUMA über die aktuelle Situation unterhalten.

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Ihr tretet seit Jahren regelmäßig in Graz auf – was verbindet ihr mit dieser Stadt?

Eine Menge toller Konzerte, speziell in der postgarage, die schon eine Zeitlang so was wie eine Lieblingslocation für Attwenger gewesen ist.

Abgesehen vom Dialekt kommen eure Texte nahezu barrierefrei daher, ohne auf Tiefgründigkeit zu verzichten. Ihr habt die konkrete Poesie Club- bzw. festivaltauglich gemacht. (Wie) ist euch das passiert?

Naja, du weißt ja vorher nie, was mit dem, was du machst, passieren wird. Hängt ja auch immer von Anderen (Publikum, Medien, Veranstalter*innen etc.) ab. Aber in unserem Fall war es anscheinend so, dass der Versuch, die weirde Slangpoesie mit allen möglichen Stilen und Sounds zu kombinieren, offenbar ein Missing Link dargestellt hat, das für Leute aus allen möglichen Ecken interessant war. Erfreulicherweise.

Musikalisch passt ihr in keine Schublade, ihr spielt mit Elementen aus Hip-Hop, Pop, Punk, Volksmusik usw. Stand zu Beginn eurer Karriere der konkrete Beschluss „Wir machen was, was es noch nicht gibt“ oder seid ihr einfach unverbesserlich experimentierfreudig?

Wenn das, was du gerne hören würdest, noch nicht existiert, dann bist drauf angewiesen, es selbst zu machen. Und wenn, so wie in unserem Fall, nach neun Studioalben, immer noch nicht klar ist, wie sich das genau anhören soll, weil sich ja auch die Vorstellungen davon, was jetzt Sache sein soll, naturgemäß immer ändern, dann muss das Experiment halt fortgesetzt werden.

Credit: Patrik Rieser

Freunde, die nicht Österreichisch als Muttersprache haben, beschweren sich regelmäßig darüber, dass sie eure Texte nicht verstehen. Eure Poesie ist sehr politisch und spart nicht mit Understatement-Gesellschaftskritik (genauer gesagt Mentalitätskritik, wie ihr das bezeichnet). Schließt man mit Dialektmusik nicht viele Rezipient*innen aus?

Was die Textverständlichkeit betrifft schon. Aber zu dieser Problematik soll folgender Satz (aus einem Radiobeitrag) zitiert werden: Wenn du die Texte von Attwenger nicht verstehst, heißt das noch lange nicht, dass du Attwenger nicht verstehst. Ist doch so! Isn´t it?

Mit ‘Tempoänderungen’ ist 2023 das dritte Buch von dir, Markus, im Verbrecher Verlag erschienen. Welchen Stellenwert nimmt das Schreiben in deinem Leben ein? Was ist bei Lesetexten in Hinblick auf Entstehung und Rezeption anders als bei Songtexten?

Die Texte schreibe ich, sofern sich welche aufdrängen, am Handy, alle. Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Weil: Songtexte befinden sich dadurch, dass sie auf Musik surfen, von vornherein in einem anderen Kontext als Prosa. Wobei: Auch Prosa kann schön musikalisch sein. Literatur ohne direkte Musikanbindung zu schreiben macht mir extra Spaß. Die Rezeption ist natürlich voll unterschiedlich, genauso unterschiedlich wie die Literatur- und die Musikszene eben sind. Diese Verschiedenheit ist manchmal irritierend, genauso wie die zwischen Dialekt und Hochdeutsch.

HP Falkner und Markus Binder sind das Dialektpop-Duo Attwenger (Credit: Gerald von Foris)

„Kurz, Gabalier und Red Bull” - die unglückselige österreichische Trias“ ist ein geflügeltes Attwenger Zitat aus einem Falter Interview 2021. Seitdem hat sich vieles verändert: Kurz ist Geschichte, Red Bull viel zu teuer geworden und Gabalier gibt sich als LGTBIQ-Aktivist aus – gibt euch das Hoffnung oder trügt der Schein?

Das Schöne an der Demokratie ist ja, dass sich das Personal in der Politik immer ändert, dh. dass ein Hochstapler wie Kurz dann auch wieder mal ruckizucki verschwindet, der Preis für die Energydrinks so hoch wird, dass niemand mehr sie kauft und Red Bull Pleite geht und beim Gabalier ist es wurscht, wofür er sich ausgibt, an den schlechten Texten und dem üblen Sound werden wir ihn von weit weit weg erkennen.

Foto: Johannes Wegerbauer. Kreuzstich: Traudi Binder

Der Song happinessbisness auf eurem aktuellen Album “Drum” behandelt das Thema Selbstoptimierungswahn und die bedenkliche Tendenz, dem Individuum alleinig die Verantwortung für Glück zuzuschreiben, anstatt Verhältnisse zu schaffen, die ein angenehmes Leben in der Gemeinschaft ermöglichen. Die Soziologin Eva Illouz erwähnt in ihrem Buch “Glücksdiktat” auch Forschungen der Militärs, die darauf abzielen, Soldaten so glücklich wie möglich zu machen, damit sie besser schießen können. Was war für euch der Anlass für diesen Song?

Der Ausgangspunkt für diesen Song lag in der Entdeckung der Ähnlichkeit der Begriffe happiness und business bzw. darin, dass die Addition der beiden Begriffe einen interessanten neuen Begriff, nämlich (dialektisiert) happinessbisness, ergibt. Wie im Text des Songs angesprochen, geht es um die fragwürdigen Versprechungen der Glücksindustrie, die sich inzwischen zu einem eigenen Wirtschaftszweig entwickelt hat.

Ihr spielt 2024 ein Konzert am Gipfel des Dachsteins. Im Pressetext heißt es, ihr erklimmt vorab den Dachstein. Seid ihr passionierte Berggeher?

Am Gipfel des Dachsteins ist es ja nicht wirklich das Konzert, eher Mittelstation. Seilbahn vorhanden. Berggehen: Eher nicht.

Drum, Attwenger, 2021, trikont

Tempoänderungen Autor*in: Markus Binder ISBN 9783957325334 264 Seiten, mit Abbildungen Wer dieses Buch dabei hat, kann das Smartphone getrost stecken lassen. Thomas Kretschmer / MUH An quasi jeder Ecke lauert eine Überraschung, ein literarischer Tempowechsel. Uwe Schütter / Wiener Zeitung