'Auch die österreichische Volksmusik ist Weltmusik'

Interview: Fünf Jahre folk.art Festival Graz

Text: Lydia Bißmann - 25.09.2023

Rubrik: Musik

Das folk.art Festival wird heuer fünf Jahre alt. (Credit: Madlene Haider)

Das folk.art Festival feiert sein fünfjähriges Bestehen, neben dem bunten und hochwertigen Musikprogramm fällt auch die professionelle Präsentation auf. Wie kam es zu der Idee zum Festival der Weltmusik und wer seid ihr?

Die erste Idee eines neuen Musikfestivals in Graz hatte unser Intendant Elias Plösch schon vor rund acht Jahren. Er ist selbst Musiker und Absolvent des Musikgymnasiums Dreihackengasse. Sein Interesse an der Planung und Durchführung von Veranstaltungen sowie die Auseinandersetzung mit Musik aus aller Welt brachten schließlich den Gründungsgedanken hervor. Mit langjährigen Wegbegleitern aus der Grazer Kulturszene gründete er schließlich den Kulturverein folk.art und das gleichnamige Festival für Weltmusik wurde aus der Taufe gehoben. Das Team im Verein wuchs über die Jahre stetig heran und setzt sich größtenteils aus jungen, engagierten (mittlerweile größtenteils ehemaligen) Studierenden aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen. Musiker:innen, Musikwissenschaftler:innen, Kulturvermittler:innen, Tontechniker:innen und Grafikdesigner:innen. Diese interdisziplinäre Vielfalt und Expertise ermöglicht es, vieles umsetzen zu können und ein Musikfest mit einem einzigartigen Ambiente zu kreieren.

Das Vokalquartett Åkervinda bringt skandinavische Volksmusik zum folk.art Festival. (Credit: Angelica Hvass)

Das Thema der heutigen Ausgabe lautet 'In Bewegung'. Bewegung wollt ihr mit eurem Festival auch in den Begriff der Weltmusik bringen, den ihr neu definiert. Was ist dabei euer Ansatz?

Der Begriff „Weltmusik“ wurde in den 1980er Jahren sehr populär. Er wurde verwendet, um Musik, die nicht aus Europa oder den USA kam und keiner Musik-Kategorie zuzuordnen war, besser vermarkten zu können. Die große Kritik daran ist, dass damit Musik aus aller Welt, in all ihrer Vielfalt in einen Topf geworfen wird und nicht ausdifferenziert wird. Oftmals wird damit auch suggeriert, dass es westliche Musik gibt und den „Rest“. Es wird darauf vergessen, dass sich Musik überall auf der Welt weiterentwickelt, Neues entsteht und gerade auch bei der globalen Volksmusik kein Stillstand herrscht. Wir möchten unsere Besucher:innen dazu anregen, diesen Begriff zu hinterfragen. Wir sind vielleicht auch etwas provokant, vor allem auch dadurch, dass es bei unserem Festival auch viel Volksmusik aus Europa zu hören gibt, die wir als europäische Konsument:innen vielleicht nicht gleich als Weltmusik betitelt hätten. Auch die österreichische Volksmusik ist Weltmusik. Mittlerweile gibt es auch schon viele alternative Bezeichnungen, um die Stigmatisierung dieses Begriffs zu beenden. So nennt sich die WOMEX, auch durch den Anstoß der österreichischen Sängerin Golnar Shahyar, mittlerweile nicht mehr „World-Music-Expo" sondern „Worldwide-Music-Expo“. Es gibt auch die Bezeichnung „Global Pop“ oder „Fusion“, letztendlich wird dadurch aber weiterhin oftmals Musik die nicht aus dem eigenen Land bzw. dem Westen kommt zusammengefasst.

Styrian Klezmore Orchestra (Credit: Reithofer Media)

Neben Sport (Capoeira-Workshop), Literatur (Lesung in der Kletterhalle) und Kulinarik kann man sich ein eigenes Festival T-Shirt mit eurem aktuellen Logo drucken lassen oder einen Stadtspaziergang zum Thema Frauen und bildende Kunst machen. Wieso geht ihr diesen Weg?

Seit unserer Gründung ist es uns wichtig, das Publikum an der Gestaltung des Festivals teilhaben zu lassen. Es gibt in Österreich ja eine Vielzahl an Konzert-Festivals, man geht hin, hört zu und geht nach Hause. Wir wollten einen Ort schaffen, an welchem man sich aktiv mit der Thematik „Weltmusik“ auseinandersetzt, sich austauscht und partizipieren kann. Das Publikum soll angeregt werden, sich mehr mit der Musik und Kultur eines Landes zu beschäftigen, Neues entdecken und durch aktives Tun und Ausprobieren vielleicht neue Erkenntnisse erlangen. Auch unser diesjähriges Motto „In Bewegung“ eignet sich bestens, verschiedene Veranstaltungsformate und -orte ins Programm zu integrieren. Außerdem ist das Festival eine gute Gelegenheit, um auf die Vielfalt der Stadt aufmerksam zu machen, gerade eben was Kulinarik betrifft. Auch viele unserer Workshops entstehen aus einer Kooperation mit unterschiedlichen Vereinen.

Manu Delago & Douglas Dare (Credit: Simon Rainer/ K.K./ Montage folk.art)

Viele eurer Programmpunkte sind bei freiem Eintritt zu genießen, wie etwa das Straßenkonzert des 'Styrian Klezmer Orchestra' oder die Kaffeehauskonzerte. Das ist viel Aufwand – sowohl personell als auch finanziell. Wie schafft ihr das?

Wir haben das Glück, ein hochmotiviertes und engagiertes, ehrenamtliches Team zu haben. Jede:r ist mit Herzblut an der Organisation beteiligt. Über die Jahre haben wir ein großes Netzwerk aufbauen können, arbeiten mit Institutionen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen, die uns auch großartig unterstützen. Durch unsere langjährigen Sponsoren und Förderungen der öffentlichen Hand ist uns hier auch eine gewisse Planungssicherheit gegeben. Aber natürlich gibt es jedes Jahr Veränderungen und neue Herausforderungen. Es ist jedoch schön zu sehen, wie das Festival von Jahr zu Jahr mehr Anklang findet und wie viel Wertschätzung von den Künstler:innen und dem Publikum uns für unsere Arbeit entgegengebracht wird. In Zukunft werden wir versuchen, hier auch eine Anstellung des Organisationsteams zu erreichen, denn mittlerweile ist es fast nicht mehr möglich, das Festival rein ehrenamtlich zu organisieren. Aber daran arbeiten wir gerade.

Fit4Drums mit Simon Brugner (Credit: Roland Planitz)

Was genau ist jetzt die Sportart Fit4DRUMS? Ist das ein Workout für Musiker*innen?

Nicht ganz. Man muss nicht unbedingt Musiker:in sein, um fit für die Trommeln zu sein. „Fit4Drums“ ist vielmehr eine wahnsinnig gute Möglichkeit, Bewegung mit Musik zu verknüpfen. Wer interessiert ist, wird dazu eingeladen, mit einer sogenannten bOdrum-Trommel und zwei Sticks dem Körper ein kleines Workout zu ermöglichen und gleichzeitig die musikalischen und rhythmischen Fähigkeiten zu verbessern. Es ist ein Mix aus Aerobic, Tanz und Rhythmus, man braucht jedoch keinerlei musikalische Vorkenntnisse. folk.art Team: Elias Plösch (Intendanz), Maximilian Kreuzer (Programmplanung), Pia Lenz (Programm- & Workshopkoordination), Jonathan Herrgesell (Catering), Sophie Pilz (Ticketing), Simon Ankowitsch (Pr & Öffentlichkeitsarbeit), Madeleine Haider (Grafik, Design & Fotografie), Simon Reithofer (Fotografie & Film), Niki Waltersdorfer (Veranstaltungstechnik), Renè Pettinger (Technische Leitung) Başak Özay (Produktionsassistenz & Übersetzung), Jana Kirchengast (Produktionsleitung). folk.art Festival, 1. bis 22. Oktober 2023